Corona-Privileg
Deutschland erlaubt 40 Selbsttests, die Schweiz einen einzigen: Behandelt der Bund Roche bevorzugt?

Der Bund hat nur einer einzigen Firma die Zulassung für Schnelltests erteilt. Andere Unternehmen fühlen sich benachteiligt.

Nina Fargahi
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Die Selbsttests werden in Südkorea hergestellt und günstig an die Firma Roche verkauft.

Die Selbsttests werden in Südkorea hergestellt und günstig an die Firma Roche verkauft.

Keystone

Roche bestellt den Acker so, dass nur sie allein ihn bedienen darf. Das sagt der Geschäftsführer einer Ostschweizer Firma, der sich ebenfalls um eine Zulassung für Antigen-Selbsttests bewerben wollte. «Wir wurden bereits am Telefon abgewiesen mit dem Hinweis, dass Roche den Zuschlag erhält», sagt er. Er möchte anonym bleiben, weil er in Zukunft auf öffentlich ausgeschriebene Aufträge angewiesen sei. Er beziehe bei den gleichen Herstellern in Asien die Selbsttests und arbeite mit einer kleinen Marge. Derzeit habe er Selbsttests im Angebot, die bei ihm um die 3.50 Franken kosten, je nach abgenommener Menge.

Das Produkt von Roche ist bisher der einzige durch Swissmedic freigegebene, vom BAG validierte und vom Bund vergütete Selbsttest. Warum hat der Bund allein dieser Firma den Vorrang gegeben? Das BAG sagt auf Anfrage: «Damit ein Test genehmigt werden kann, muss der Hersteller ein Gesuch einreichen. Das Dossier muss vollständig und die vorgegebenen Qualitätskriterien erfüllt sein.» Hat der Bund im Vorfeld mit Roche die Zulassungskriterien besprochen? Das BAG dementiert, schreibt aber: «Das BAG hat mit Roche die grundsätzliche Thematik der Anwendung von Selbsttests bei Personen ohne Symptome diskutiert.»

Warum erfüllt nur Roche alle Zulassungskriterien?

In Deutschland erhielten rund vierzig Unternehmen die Zulassung, um Selbsttests auf den Markt zu bringen, von Laien-Tests bis zu Schnelltests, die durch Ausgebildete vorgenommen werden müssen. Wie sehen die Kriterien für die Validierung und Zulassung der Selbsttests hierzulande aus, dass sie nur Roche zu erfüllen vermag? Ein zweiter Unternehmer aus Zug, der ebenfalls anonym bleiben möchte, weil er sich demnächst erneut um eine Zulassung bewerben möchte, sagt: «Der Bund behandelt die Firma Roche offenbar bevorzugt.»

Doch für das BAG sind dies lediglich Unterstellungen. In der Schweiz sei im Gegensatz zu anderen Ländern der Nachweis erforderlich, dass die Selbsttests auch in unabhängigen klinischen Studien ihre Zuverlässigkeit bewiesen hätten. Wer die Kriterien erfülle und ein vollständiges Dossier einreiche, bekomme auch eine Zulassung, so das BAG auf Anfrage. «Die Tests sind im Grunde genommen alle ähnlich aufgebaut und stammen von den gleichen Herstellern aus Asien», sagt der Unternehmer aus der Ostschweiz.

Einkaufspreis bleibt geheim

Und tatsächlich, Roche kauft die Selbsttests bei der südkoreanischen Firma «SD Biosensor» ein, wie «Le Temps» berichtet. Wie viel Roche dafür bezahlt, bleibt geheim. Schätzungen gehen von einem Franken aus pro Selbsttest. Der Test wurde in Südkorea ausserdem nicht zugelassen.

Die Kosten für die Teststrategie des Bundes belaufen sich auf 2,4 Milliarden Franken für das Jahr 2021. Dieser Betrag schliesst jedoch die gesamte Testkampagne mit ein, also PCR-Tests, Betriebstests und andere. 12 Franken bezahlt der Bund für einen Selbsttest, ungefähr 8 Franken bezahlen die Apotheken den Grossisten, die wiederum mit Roche in Kontakt stehen. «Auch für Fachleute sind diese riesigen Gewinnmargen nicht legitimierbar, von den Steuerzahlenden ganz zu schweigen», sagt Oliver Classen von der Nichtregierungsorganisation Public Eye. «Schliesslich fliessen massive Staatsgelder in diese Selbsttests, deren Zuverlässigkeit bei Leuten ohne Symptome angezweifelt werden und die offenbar vor allem für Roche ein grosses Geschäft sind», sagt Classen. So alimentiere der Bund vor allem die hiesige Pharmaindustrie, für die Bevölkerung halte sich der Nutzen aber wohl in Grenzen.