Corona-Lockerungen
Terrassen, Theater und Trainings: Wo der Bundesrat öffnen will und was Sie dazu wissen müssen

Ab Montag können Kinos, Fitnesszentren und die Aussengastronomie wieder öffnen. Warum der Bundesrat trotz epidemiologischer schwieriger Lage die Massnahmen deutlich stärker lockert als erwartet. Und welche Regeln nun genau gelten.

Sven Altermatt, Lucien Fluri
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Restaurants dürfen ab Montag wieder draussen Tische aufstellen. (Genf, 17. Mai 2020)

Restaurants dürfen ab Montag wieder draussen Tische aufstellen. (Genf, 17. Mai 2020)

Key/Jean-Christophe Bott

Früher als erwartet, mehr als erwartet, schneller als erwartet: Trotz einer weiterhin schwierigen epidemiologischen Lage hat der Bundesrat überraschend beschlossen, die Coronamassnahmen klar zu lockern. Oder wie es Gesundheitsminister Alain Berset formulierte: «Der Bundesrat hat die Bereitschaft gezeigt, etwas mehr Risiken einzugehen.» Die Landesregierung folgt damit dem Ruf grosser Teile der Wirtschaft und der bürgerlichen Parteien.

Restaurants und Bars dürfen ihre Terrassen wieder öffnen. Kinos, Theater und Konzerte können wieder mit Publikum stattfinden. Fitness, Sport, kleinere Veranstaltungen – alles wieder in gewissem Masse möglich. Bereits ab Montag.

Richtwerte sprechen eigentlich gegen Öffnungen

Und was ist mit den epidemiologischen Richtwerten, die sich der Bundesrat selbst verordnet hat? An denen er sich bei den Öffnungsschritten orientieren wollte? Sie spielten keine grosse Rolle mehr. Denn nur bei einem von fünf Werten (der Belegung der Intensivbetten) stehen die Ampeln auf Grün.

Zwar seien die Richtwerte für Öffnungen nicht alle erreicht, räumte auch Berset lapidar ein. Aber man sei relativ nah dran. Der Bundesrat habe auch «nie ein Ampelsystem im strikten Sinn» vorgeschlagen, verteidigte sich der Gesundheitsminister. Zu beachten seien zudem immer auch Dynamiken und Stimmungen in der Bevölkerung.

Regierung setzt auf Eigenverantwortung und Mithilfe der Bevölkerung

Zwar bleibe die Situation weiterhin «sehr unstabil», sagte Berset. Doch der Bundesrat sei überzeugt, dass man die Situation ohne einen Jo-Jo-Effekt aus Öffnungen und Schliessungen nun bewältigen könne. Die Durchimpfung der Risikogruppen schreite gute voran, das Testen werde laufend ausgedehnt.

Der Bundesrat hält die Öffnungen auch für vertretbar, weil das Impfen der Bevölkerung voranschreitet.

Der Bundesrat hält die Öffnungen auch für vertretbar, weil das Impfen der Bevölkerung voranschreitet.

Sandra Adrizzone

Eine riskante Politik? Die letzten vorsichtigen Öffnungsschritte hätten nicht zu einer Explosion der Fallzahlen geführt, stellte Berset auch fest. Berset:

«Die meisten Menschen in der Schweiz beachten die Regeln und sind vorsichtig.»

Dies erlaube dem Bundesrat, einen weiteren Öffnungsschritt vorzunehmen. Dieses Risiko erachte man als «vertretbar». Doch was heisst das konkret? Wo lockert der Bundesrat? Und wie reagieren Parteien und Verbände?

Die Aussenterrassen dürfen endlich öffnen

Restaurants dürfen ihre Aussenterrassen öffnen, allerdings nur unter Bedingungen: Es gilt Sitzpflicht, an den Tischen dürfen maximal vier Personen sitzen (ausser Eltern mit Kindern), und Kontaktdaten müssen erhoben werden. Zwischen den Tischen gilt: Abstand oder Abtrennung. Die Terrassen müssen um 23 Uhr schliessen. Sie dürfen überdacht werden, für Seitenplanen gilt: Mindestens die Hälfte der Fläche muss offen bleiben. Die Coronahilfen für Gastronomiebetriebe werden weitergeführt. Gastrobetriebe, für die sich die Öffnung der Terrassen nicht lohnt, müssen nicht öffnen.

Macht vorwärts bei den Öffnungen: Bundesrat Alain Berset sprach vor den Medien zwar von einem Risiko. Dies sei aber verantwortbar.

Macht vorwärts bei den Öffnungen: Bundesrat Alain Berset sprach vor den Medien zwar von einem Risiko. Dies sei aber verantwortbar.

Peter Schneider/Key

Das Leben kehrt zurück in Kinos, Theater und Stadien

Veranstaltungen mit Publikum dürfen wieder durchgeführt werden, also etwa Kino- und Theaterveranstaltungen, Open-Air-Konzerte oder Fussballspiele. Bei Sportwettkämpfen gibt es allerdings eine Einschränkung: Im Amateurbereich ist kein Publikum erlaubt, sondern nur bei (semi-)professionellen Athleten. Für alle Publikumsanlässe gilt: Draussen sind maximal 100 Zuschauerinnen und Zuschauer erlaubt, drinnen 50.

Es gilt Sitzpflicht, die Maske muss getragen werden. Zwischen den Besucherinnen und Besuchern muss der Abstand von anderthalb Metern eingehalten oder ein Sitz freigelassen werden. Davon ausgenommen sind Familien oder Personen, die im gleichen Haushalt leben. Es soll möglichst keine Pause geben, Essen und Trinken ist verboten. Die Zuschauerränge dürfen bis zu maximal einem Drittel der Kapazität besetzt werden. Auftritte von Chören sind nicht erlaubt. Nur professionelle Sängerinnen und Sänger dürfen auftreten. Vereinstreffen und Feste gelten nicht als Publikumsveranstaltungen. Dort sind nur 15 Personen erlaubt.

Offene Fitnesstrainings, mehr Sporttrainings

Freizeitsportler freuen sich: Fitnesscenter dürfen wieder aufschliessen – und es dürfen mehr als 15 Personen anwesend sein. Es gilt aber eine Maskenpflicht. Auch manche anderen Sportarten und Trainings sind wieder möglich, aber nur in Gruppen von maximal 15 Personen. Im Innern gilt dabei grundsätzlich eine Maskenpflicht oder grosser Abstand. Im Freien muss beim Gruppensport keine Maske getragen werden, sofern ein Mindestabstand von 1,5 Metern eingehalten werden kann. Verboten bleiben im Amateurbereich Sportarten mit direktem Körperkontakt – wie Boxen oder Schwingen. Beim Fussball oder Hockey sind nur Trainingsaktivitäten ohne Körperkontakt zulässig. Für alle unter 20 Jahren gelten wie bis anhin spezielle Regeln.

Sporttrainings sind mit viel Abstand und in Kleingruppen wieder erlaubt. Es darf aber zu keinem Körperkontakt kommen. Schwinger müssen also warten, bis sie ihren Sport wirklich wieder betreiben können.

Sporttrainings sind mit viel Abstand und in Kleingruppen wieder erlaubt. Es darf aber zu keinem Körperkontakt kommen. Schwinger müssen also warten, bis sie ihren Sport wirklich wieder betreiben können.

Arthur Gamsa

Wo (nicht) gelockert wird: Homeoffice, Altersheime

Vorderhand nicht aufgehoben wird die Homeofficepflicht. Dies würde dazu führen, dass wieder mehr Menschen pendeln, sagte Berset. «Das ist gefährlich.» Schon bald werde aber wieder über diese Frage entschieden werden. Der Bundesrat kommt Unternehmen entgegen, die über ein Testkonzept verfügen und ihrer vor Ort tätigen Belegschaft mindestens einmal pro Woche Tests anbieten. Für diese entfällt bei ihrer beruflichen Tätigkeit die Kontaktquarantäne. Für geimpfte Bewohnerinnen und Bewohner von Alters- und Pflegeheimen können die Heime zudem die Maskenpflicht aufheben.

Verschärfungen und nächste Schritte

Mehrfach sprach Gesundheitsminister Berset von einem «Risiko». Kein Wunder: Die Landesregierung behält es sich vor, die Öffnungsschritte wieder rückgängig zu machen, wenn sich die epidemiologische Lage deutlich verschlechtert. Berset verwies namentlich auf die Entwicklung in den Spitälern. «Die Bevölkerung muss sich weiter vorsichtig verhalten.» Entscheidend sei für allfällige Verschärfungen oder weitere mögliche Öffnungsschritte, welche Auswirkungen die nun beschlossenen Lockerungen in den nächsten Wochen haben. «Es werden nicht alle Massnahmen auf einmal aufgehoben», sagt Berset. Ein Datum für allfällige weitere Öffnungsschritte nannte der SP-Bundesrat nicht.

So reagieren Politik und Wirtschaft

Besonders bürgerliche Parteien und Wirtschaftsverbände hatten seit Wochen auf Lockerungen gedrungen. Sie begrüssten denn auch grundsätzlich den Entscheid des Bundesrats. Die FDP etwa sprach von einem «vernünftigen Schritt», kritisierte aber zugleich den mangelnden Impffortschritt. Mitte-Präsident Gerhard Pfister sprach von einem «positiven Signal» des Bundesrats. Die SVP wiederum sah sich bestätigt: Ihr Druck auf die beiden FDP-Bundesräte habe gewirkt. Zugleich forderte die Partei abermals, den Lockdown sofort zu beenden.

Nicht zufrieden zeigte sich auch der Schweizerische Gewerbeverband. Aus seiner Sicht sind die Öffnungsschritte lediglich «minim», die aus seiner Sicht «ruinösen Arbeitsverbote» bestünden weiterhin. Enttäuscht zeigten sich die Grünen als grösste Oppositionspartei. Die Öffnungsschritte des Bundesrats seien «unverantwortlich». Parteichef Balthasar Glättli verglich die Pandemie in einem Statement mit einem Marathon. «Jetzt ist die Ziellinie dank der Impfungen in Sichtweite. Da dürfen wir die Geduld nicht verlieren.»