Analyse

Corona ist nicht an allem schuld – SBB enttäuschen, dabei wäre jetzt ÖV-Begeisterung wichtig

Lokführermangel – ein akutes Thema bei den SBB.

Lokführermangel – ein akutes Thema bei den SBB.

Die Schweizerischen Bundesbahnen streichen schweizweit rund 200 Verbindungen pro Tag. Nicht nur die Fahrgäste leiden, sondern auch das Personal. Und der ÖV verträgt jetzt keine schlechten Nachrichten.

Die Bundesbahnen wollten gute Schlagzeilen produzieren, als sie gestern die Neuerungen des Fahrplans ab Dezember vorstellten. Doch bei ihren wichtigsten Partnern im Regionalverkehr, den Kantonen, fiel die Stimmung in den Keller. Weil Lokführer fehlen, stellt die Bahn ab dem 7. September durchschnittlich 200 Verbindungen pro Werktag ein – etwa Strecken im Mittelland, den Interregio von Basel an den Flughafen Zürich oder Linien der Zürcher S-Bahn.

Noch immer fehlen viele Passagiere

Der Kanton Aargau zeigte sich enttäuscht, die Ersatzmassnahmen seien «sehr unbefriedigend». Der zuständige Abteilungsleiter des Kanton Solothurn spricht gegenüber dieser Zeitung von einem «Armutszeugnis» der Bahn. «Sehr besorgt» gibt sich der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV). Dass die SBB die bestellten Leistungen nicht erbringen könnten, sei «ein trauriges Novum». Der Zeitpunkt ist denkbar ungünstig. Im Herbst steigen normalerweise die Fahrgastzahlen wieder an. «Die Leidtragenden sind in erster Linie die Fahrgäste. Ihnen stehen weniger Verbindungen und weniger Platz zur Verfügung», so der ZVV.

Dabei wäre es gerade jetzt wichtig, die Menschen wieder für den öffentlichen Verkehr zu begeistern. Noch immer fehlen viele Passagiere, die nach dem Lockdown nicht wieder aus dem Homeoffice zurückgekehrt sind oder aufs Auto setzen. Die SBB geben ihnen nun weitere Gründe, auf den ÖV zu verzichten.

SBB muss Herbst-Fahrplan ausdünnen wegen Lokführer-Mangel

SBB muss Herbst-Fahrplan ausdünnen wegen Lokführer-Mangel – Michel Berchtold, Leiter SBB Region Mitte nahm im Interview mit Keystone-SDA Stellung.

Die SBB räumen Fehler ein

Auch das Personal ist wütend. Die Lokführer leiden unter dem schlechter werdenden Image der Bahn, obwohl sie immer flexibler und kurzfristiger eingesetzt werden und Überstunden vor sich herschieben. Schon Anfang August hatten die SBB erste Kürzungen kommuniziert. Dass nun weitere Angebotseinschränkungen dazukommen, begründen sie auch mit Corona. Die Krise habe die Lokführer-Ausbildung verzögert. Was sie nicht erwähnen: Die SBB mussten wegen Corona auch weniger Leistung liefern. So fielen Extrazüge zu Konzerten aus, und in Zürich fahren keine Nachtzüge. Oder anders gesagt: Ohne Corona würden mehr Lokführer benötigt.

Das Virus ist nicht allein schuld, der Mangel zu einem schönen Teil hausgemacht. Die Pensionierungen der Babyboomer-Generation etwa haben sich abgezeichnet. Fehler bei der Planung räumen die SBB ein. Diese seien letztes Jahr aber korrigiert und auf den effektiven Bedarf ausgerichtet worden. Trotzdem fehlen per Ende August 211 Lokführer. Mit dieser Argumentation macht der neue SBB-Chef Vincent Ducrot klar: Das Problem hat ihm sein Vorgänger eingebrockt. Das ist zwar nicht falsch, aber gefordert ist nun Ducrot. Wenn er die Probleme nächstes Jahr nicht in den Griff bekommt, gelten weder Corona noch die Ära Andreas Meyer als Ausrede.

Fehler dürfen sich nicht wiederholen

Die Signale, die Ducrot aussendet, sind vielversprechend. Er will etwa die Lokführer besser ausbilden, so dass sie auf mehr Strecken und Fahrzeugen einsetzbar sind. Doch die Frage bleibt, wieso die Bahn so deutlich am Bedarf vorbeiplanen konnte. Grössere Ausbauten haben eine Vorlauffrist von mehreren Jahren. Bei der zuständigen Abteilung scheint einiges im Argen zu liegen – oder intern wird nicht miteinander geredet. Beides wäre fatal.

Die SBB gehen davon aus, dass sie «nach heutiger Planung das Angebot im Dezember wieder vollumfänglich produzieren können». Eine Garantie tönt anders – verständlicherweise. Schliesslich rechnet die Bahn noch bis Mai 2021 mit einem Unterbestand von 110 Lokführern.

Wichtig ist, dass keine weiteren Fernverkehrsverbindungen ausfallen, wenn die Kantone auf die Regionalzüge pochen, die sie bestellen und bezahlen. Die neue SBB-Führung hat die Chance und die Zeit verdient, das Problem zu lösen. Wiederholen dürfen sich solche Fehler aber nicht. Sie schaden dem ÖV in einer Zeit, in der er keine schlechten Nachrichten verträgt.

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