Der Pin auf der Brust von Martin Dahinden zeigt nicht nur das Schweizer Wappen, sondern auch das amerikanische. Als Botschafter in Washington ist er dafür zuständig, zwischen den beiden Staaten zu vermitteln – eine Aufgabe, die mit dem Amtsantritt von Donald Trump vermutlich noch an Bedeutung gewonnen hat. Wir treffen Dahinden im amerikanischen Cambridge, wo er die Schweiz bei einem Anlass im neuen Novartis-Campus vertritt. Es ist sein erstes Interview seit der Präsidentschaftswahl im November.

Herr Botschafter, Sie vertreten die Schweiz bei der Regierung von Donald Trump – einem Präsidenten, der komplett unberechenbar ist und jeden Tag von neuem überrascht. Schlafen Sie schlechter, seit er im Amt ist?

(lacht) Schlechter schlafen ist keine gute Strategie.

Aber vielleicht ist es ein Symptom.  

Nein, im Moment schlafe ich sehr gut. Als ich 2014 als Botschafter nach Washington kam, war der Steuerstreit in vollem Gang. Dank den Schutzmachtmandaten in Kuba bis 2015 und im Iran, vor allem aber auch dank den hervorragenden Wirtschaftsbeziehungen sind wir jetzt in einer guten Ausgangslage.

Wie hat sich die neue Regierung schon auf die Beziehungen zwischen der Schweiz und den USA ausgewirkt?

Unsere Kerninteressen wurden bis anhin nicht tangiert. Ob es immer so bleiben wird, kann ich nicht sagen, aber auf jeden Fall steht unser Land nicht unmittelbar im Fokus. Wir sind für die USA weder ein Land, das Probleme macht, noch sind wir ein strategischer Verbündeter.

Die Schweiz stört sich also nicht am neuen Präsidenten?

Da muss man unterscheiden: Die neue Regierung hat bis jetzt noch keine Massnahmen ergriffen, von denen die Schweiz alleine direkt betroffen ist. Jedoch gibt es diverse Bereiche, bei denen wir eine komplett andere Position vertreten als die USA – beispielsweise in der Klimapolitik. Zudem sind wir ein grosser Verfechter der internationalen Kooperation, wo Genf eine entscheidende Rolle spielt. Und da gibt es natürlich Signale, die uns durchaus Sorgen bereiten, das muss man ganz ehrlich sagen. Diese sind jedoch nicht primär gegen die Schweiz gerichtet, und wir müssen zuerst abwarten, wie vieles tatsächlich umgesetzt wird.

Als Botschafter ist es auch Ihre Aufgabe, die Interessen der Schweiz auf den Radar von amerikanischen Politikern zu bringen. Wie gehen Sie dabei vor?

Dafür organisieren wir immer wieder Veranstaltungen in Washington und haben auch viele persönliche Gespräche mit Kongressabgeordneten und Angehörigen der Administration, insofern diese überhaupt schon im Amt sind. Wir betonen dabei vor allem die wirtschaftliche Bedeutung unseres Landes: Die Schweiz ist heute der sechstgrösste Investor in den USA. Damit sind wir sogar noch vor Deutschland, obwohl unsere Volkswirtschaft natürlich um einiges kleiner ist. Zudem schaffen Schweizer Firmen rund eine halbe Million Arbeitsplätze in den USA mit einem sehr hohen Durchschnittslohn – viele davon in der Forschung.

Sie haben es gerade angesprochen: In der Trump-Regierung sind noch immer viele Stellen nicht besetzt. Erschwert das die diplomatische Arbeit?

Das ist eine grosse Herausforderung. Unterdessen sind zwar alle Kabinettsmitglieder ernannt, aber in den einzelnen Departementen sieht die Situation teilweise noch sehr anders aus. Im Tagesgeschäft ist das für uns manchmal schwierig, weil schlicht niemand da ist, der offiziell die amerikanische Haltung vertritt. Es kam schon vor, dass Schweizer für Stellen bei internationalen Organisationen infrage kamen und wir die Unterstützung der USA nicht einholen konnten, weil die direkte Ansprechperson noch nicht im Amt war. Es ging auch bei früheren Regierungen jeweils fast ein Jahr, bis alle Stellen besetzt waren.

Die richtige Arbeit beginnt also erst in ein paar Monaten, wenn alle Ansprechpartner der Schweiz im Amt sind?

Das wird die Arbeit der Botschaft erleichtern. Im Moment haben vertiefte Gespräche noch keinen grossen Sinn. Wir müssen abwarten, bis alle Posten besetzt sind und sich auch die eigentliche Politik der neuen Regierung etwas klarer abzeichnet. Trotzdem gab es auf politischer Ebene schon einen Austausch zwischen der Schweizer und der US-Regierung: Bundesrat Schneider-Ammann telefonierte mit Präsident Donald Trump, und Ueli Maurer stand im Kontakt mit Finanzminister Steven Mnuchin.

Was haben diese Gespräche bewirkt?

Sie waren sicher ein positives Zeichen. 

Konkrete Resultate gab es also nicht?

Es handelte sich dabei um erste Kontaktnahmen, aber es war nicht so, dass man da irgendetwas verhandelt hätte.

Adolf Ogi hat vorgeschlagen, dass die Schweiz eine Vermittlerrolle zwischen den USA und Russland einnehmen könnte. Arbeitet man daran?

Nein, für uns ist das im Moment kein Thema. Diese Leute haben einen sehr guten direkten Kontakt und es ist nicht mehr so wie im Kalten Krieg. Aussenminister Rex Tillerson ging ja persönlich nach Moskau und hat dort seinen russischen Amtskollegen Sergey Lavrov getroffen. Trump und Putin werden sich zudem bald im Rahmen des G-20-Gipfels in Hamburg sehen, und beide Staaten treffen sich auch regelmässig im UNO-Sicherheitsrat. Die Schweiz braucht es in diesem Zusammenhang also nicht. 

Zurück nach Washington: Wie hat sich die Arbeit der Schweizer Botschaft verändert, seit Donald Trump im Amt ist?

Bei der neuen Regierung ist es manchmal schwierig abzuschätzen, auf welche Aussagen man sich wirklich verlassen kann. Wir schauen deshalb sehr genau, was effektiv passiert, lesen alle Verfügungen des Präsidenten im Detail und haben auch den Budgetentwurf eingehend analysiert. Wir stützen uns jetzt also viel mehr auf das ganz Konkrete ab und versuchen, uns so ein Bild zu machen.  

Wie schwierig ist es für Sie als Botschafter, Zugang zur neuen Regierung zu erhalten?

Wenn man als Land ein substanzielles Anliegen hat, dann kommt man in den USA an die richtigen Leute ran.

Das hat sich auch mit der neuen Administration nicht geändert?

Nein, soweit wir das bisher einschätzen können nicht. Während der Obama-Administration hatten wir acht Jahre Zeit, um unsere Gesprächspartner kennen zu lernen. Mit der neuen Regierung kamen viele Leute nach Washington, zu denen wir vorher noch keinen Kontakt hatten. Mit einer Präsidentin Clinton wäre das sicher anders gewesen – da hätten wir die Leute schon besser gekannt. Aber auch bei der neuen Administration werden wir diese Kontakte herstellen.

Haben Sie Präsident Donald Trump eigentlich auch schon getroffen?

Ja, vor kurzem wurde ich nach Mar-a-Lago eingeladen und habe dort auch Donald Trump getroffen. Es war anlässlich des Jahresanlasses des Amerikanischen Roten Kreuzes. Ich habe ihm zusammen mit vielen anderen kurz «Grüezi» gesagt und erwähnt, wer ich bin – weiter ins Detail kamen wir jedoch nicht. Anders war es 2014, als ich Barack Obama mein Beglaubigungsschreiben überbrachte. Er wurde damals im Voraus über mich informiert, kannte den Namen meiner Kinder und wusste auch über meinen Werdegang Bescheid. Mit ihm konnte ich mich rund zwanzig Minuten lang unterhalten – beim Treffen mit Trump in Mar-a-Lago war die Situation natürlich eine ganz andere.

Kann dieses kurze Händeschütteln trotzdem wertvoll sein?

Ich würde es nicht überschätzen. Amerikaner sind – auch wenn das immer wieder anders dargestellt wird – sehr sachlich und schauen, um was es wirklich geht.

Auch Donald Trump? 

(zögert) Ich nehme es an, ja. Wie gesagt: Ich kenne ihn nicht persönlich und kann deshalb auch keine definitiven Aussagen machen. Wenn man sich die Aussenpolitik anschaut, dann bewegt sich das, was er bislang gemacht hat, im Rahmen traditioneller republikanischer Aussenpolitik. Ich meine damit die Beziehungen zur Nato, das Signal in Syrien und das Nuklearabkommen mit dem Iran. Die Beziehungen zu Kuba sind nicht abgebrochen und die US-Botschaft bislang nicht von Tel Aviv nach Jerusalem verlegt worden.

Die Schweiz ist für die Amerikaner bis anhin kein Thema. Als Sie im November 2014 Ihr Amt antraten, war das anders – damals war der Steuerkrieg zwischen der Schweiz und den USA in vollem Gang. Sind diese Wunden unterdessen verheilt?

Das ist eine schwierige Frage, denn in den beiden Ländern wird das sehr unterschiedlich wahrgenommen: Die USA hatten nie das Gefühl, dass diese Auseinandersetzung das innere Verhältnis zur Schweiz betrifft. Für sie ist es ein Problem zwischen der US-Justiz und den Banken. Wenn man sich all die Bussen anschaut, welche die amerikanische Regierung ausgesprochen hat, gingen nur zwischen drei und vier Prozent an Schweizer Banken. Aus der Optik der USA wurde dadurch das Verhältnis zwischen den beiden Ländern also eigentlich nicht belastet.  

In der Schweiz sieht man das anders ...

Ja, und das ist verständlich. Auf der Schweizer Seite gibt es noch immer eine gewisse Frustration darüber, wie die USA damals gegen die ausländischen Banken vorgegangen sind. Die meisten Fälle konnte man unterdessen zwar regeln, es gibt jedoch eine Reihe von Verfahren, die noch immer laufen und in der Öffentlichkeit weiterhin zu Diskussionen führen können.

Dazu kommt derzeit noch ein weiterer Vorwurf aus den USA: Der Schweiz wird Währungsmanipulation unterstellt – ist das berechtigt? 

Die Schweizerische Nationalbank hat tatsächlich am Devisenmarkt interveniert, was in den USA gemäss den Kriterien, die es schon vor der Trump- Administration gab, als Indikator für Währungsmanipulation gilt. Allerdings handelt es sich dabei nicht wirklich um Währungsmanipulation, sondern um eine Auswirkung der Turbulenzen im Euroraum, was einen gewaltigen Druck auf den Schweizer Franken ausgelöst hat. Das ist schwierig für die Exportindustrie und für den Tourismus. Aber es ist nicht so, dass wir den Franken schwächen, um Produkte billiger auf dem Weltmarkt zu verkaufen. Wenn das jemand vernünftig anschaut und analysiert, dann ist das eigentlich sehr klar.

Man befürchtet, dass die neue Regierung das kritischer beurteilen könnte.

Bis jetzt habe ich keinen Hinweis darauf, aber sicher ist man sich natürlich nie.

Dazu kommt auch noch der Handelsbilanz-Überschuss der Schweiz gegenüber den USA.

Genau, das ist bei uns der Fall – übrigens auch bei diversen anderen Ländern wie beispielsweise Japan, Deutschland und Frankreich. Donald Trump hat eine Studie in Auftrag gegeben, um mehr über die Hintergründe dafür herauszufinden. Wenn man die Zahlen anschaut und dabei nicht nur die physischen Güter, sondern auch die Dienstleistungen einbezieht, dann ist die Bilanz ausgeglichen. Zudem ist die Schweiz ein riesiger Investor in den USA, und ein Teil unserer Ausfuhren sind Vorprodukte für diese Investitionen. Das schafft Arbeitsplätze, fördert gar den amerikanischen Export.

Auch das ist also kein Problem?

Ich glaube, dass wir sehr gute Argumente haben, um die auch für die USA positiven Handelsbeziehungen zur Schweiz aufzuzeigen. 

Als Abschluss: Planen Sie, Donald Trump während seiner Amtszeit mal in die Schweiz einzuladen? 

Nein, das entscheidet der Bundesrat und ist für mich momentan kein Ziel.