Beziehungen zu Sri Lanka
Nach Affäre um angeblich entführte Botschaftsmitarbeiterin: Schweiz startet Charmeoffensive in Colombo

Ein hochrangiger EDA-Diplomat hat vor kurzem Sri Lanka besucht. Die Visite ist der Versuch, die Beziehungen zum Inselstaat zu kitten. Diese waren nach einem bis heute ungeklärten Übergriff auf eine Mitarbeiterin der Schweizer Botschaft belastet. Derweil hat das EDA unbemerkt den Botschafter in Colombo ausgetauscht.

Christoph Bernet
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Vor wenigen Tagen hielt sich Botschafter Raphael Nägeli, Leiter der Abteilung Asien und Pazifik im Aussendepartement EDA, in Sri Lanka auf. Die Visite gab jene Bilder her, die man sich von einem diplomatischen Besuch erhofft: Gemeinsame Posieren mit Vertretern des Gastgeberlandes vor den beiden Landesflaggen, freundlicher Austausch von Geschenken, Unterschrift ins Gästebuch.

Dass ein Schweizer Spitzendiplomat in einem anderen Land Freundlichkeiten austauscht, ist an sich nichts besonderes. Doch Nägelis Besuch ist dennoch bemerkenswert. Denn er markiert ein Tauwetter in den noch vor kurzem erheblich belasteten Beziehungen zwischen der Eidgenossenschaft und dem Inselstaat vor der Küste Südindiens.

Die Flucht des Ermittlers in die Schweiz

Diese Beziehungen erreichten Ende 2019 einen Tiefpunkt. In der Folge kam es zu Protestnoten, der gegenseitigen Einbestellung von Botschaftern und einem Telefonat zwischen den Aussenministern. Auslöser der diplomatischen Krise: Die angebliche Entführung von F., einer Mitarbeiterin der Schweizer Botschaft (Name der Redaktion bekannt) in der sri-lankischen Haupstadt Colombo am 25. November 2019.

Gegenüber ihrer Arbeitgeberin, der Schweizer Botschaft, sagte die Frau, sie sei von Unbekannten entführt und in ein weisses Auto gezerrt worden. Das stellte sich später als falsch heraus. Keinen Zweifel hingegen gibt es gemäss einer aufwendigen Recherche der NZZ am Kern ihrer Aussage: F. wurde Opfer eine Übergriffs und von den unbekannten Tätern verhört. Bei diesem Verhör wurden Daten von ihrem Smartphone abgegriffen, WhatsApp-Nachrichten durchsucht.

Sri Lankas Präsident Gotabaya Rajapaksa winkt nach seiem Wahlsieg im November 2019 Fotografen zu.

Sri Lankas Präsident Gotabaya Rajapaksa winkt nach seiem Wahlsieg im November 2019 Fotografen zu.

Str / EPA

Für die weiterhin unbekannte Täterschaft waren F. und ihr Smartphone aus einem bestimmten Grund von Interesse. Als Botschaftsmitarbeiterin hatte sie wenige Tage zuvor den Asylantrag von Nashinta Silva bearbeitet. Silva war ein hochrangiger Ermittler bei der Polizei. In dieser Funktion hatte er auch gegen den früheren Verteidigungsminister Gotabaya Rajapaksa wegen möglicher Verbrechen im Bürgerkrieg ermittelt. Am 19. November 2019 wurde Rajapaksa als neuer Präsident vereidigt. Am 24. November floh Nashinta Silva mit seiner Familie mit gültigen Visa in die Schweiz. Visa, welche F. bearbeitet hatte.

Wegen Ungereimtheiten 30 Stunden verhört

Weil die Schweiz anfänglich die von F. geschilderte Version der Ereignisse öffentlich verbreitete, sah sich das Umfeld des neuen Präsidenten als Opfer einer Diffamierungskampagne. Nachdem es der sri-lankischen Polizei gelungen war, mithilfe von Videoaufnahmen nachzuweisen, dass es das von F. erwähnte weisse Auto nicht gegeben hat, wurde die psychisch und körperlich angeschlagene Frau nach 30 Stunden Verhör verhaftet. Erst als die Schweiz sich per öffentlicher Mitteilung für «die entstandenen Missverständnisse» entschuldigt hatte, kam F. auf Kaution schliesslich am 30. Dezember 2019 frei.

Der Vorfall habe die guten Beziehungen zwischen der Schweiz und Sri Lanka auf die Probe gestellt, schreibt das EDA auf Anfrage mit diplomatischem Understatement. Was dabei effektiv vorgefallen sei, werde sich wohl nicht mit letzter Gewissheit klären lassen. Der Vorfall sei aber analysiert worden und das EDA habe diverse Lektionen daraus gezogen – namentlich in den Bereichen Lokalpersonal, Informationsschutz und Krisenbewältigung. «Heute sind die Beziehungen zwischen der Schweiz und Sri Lanka gut und normalisiert», heisst es weiter.

Botschaftsmitarbeiterin F. (mit rotem Schal) auf dem Weg ins Gericht (16. Dezember 2019).

Botschaftsmitarbeiterin F. (mit rotem Schal) auf dem Weg ins Gericht (16. Dezember 2019).

Eranga Jayawardena / AP

Für Botschaftsmitarbeiterin F. hingegen gibt es noch keine Normalität. Gegen sie läuft vor dem High Court in Colombo ein Gerichtsverfahren wegen Falschaussage. Der letzte Gerichtstermin fand im Juni dieses Jahres statt. Noch ist nicht bekannt, welches Strafmass die Anklage für F. fordern wird. «Das EDA stellt seiner Mitarbeiterin für ihr Verfahren einen Anwalt zur Verfügung», heisst es beim Aussendepartement in Bern auf Anfrage. Die Schweizer Botschaft in Colombo unterstütze und begleitete F. in ihrem Gerichtsverfahren.

Der verschwiegene Sesselwechsel

An der Spitze dieser Botschaft ist es vergangenes Jahr - von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt - zu einem Wechsel gekommen. Botschafter Hanspeter Mock hat im September 2020 nach nur zwei statt den üblichen vier Jahren am selben Ort auf den Botschafterposten in Madrid gewechselt. Mock versuchte nach der vermeintlichen Entführung, die Unterstützung anderer westlicher Botschaften in Colombo zu gewinnen. Ausserdem wollte er F. gemäss der NZZ per Rega-Jet in die Schweiz evakuieren lassen. Beides zur Irritation der sri-lankischen Behörden.

Die Schweizer Botschaft in Colombo (Archivbild 2014).

Die Schweizer Botschaft in Colombo (Archivbild 2014).

Anthony Anex / KEYSTONE

Üblicherweise werden Neuernennungen und Wechsel von Botschafterinnen und Botschaftern per Medienmitteilung kommuniziert. Zu Botschafter Mocks Umzug nach Madrid hingegen schwieg das EDA. Gemäss Sprecherin Léa Zürcher liegt das an einer zwischenzeitlichen Anpassung der Kommunikationsstrategie bei den Botschafterernennungen, die unterdessen wieder rückgängig gemacht worden sei. Die Berufung Mocks nach Madrid stehe «nicht in einem Zusammenhang» mit dem Vorfall vom 29. November 2019.

Mock sei der geeignetste Kandidat für diesen Posten gewesen. Eine Versetzung nach weniger als vier Jahren sei ausserdem nicht unüblich. Ein ehemaliger Spitzendiplomat, der anonym bleiben will, sagt hingegen: «Ein Wechsel des Missionschefs nach nur zwei Jahren ist aussergewöhnlich.»

Im Vergleich zur kleinen, in normalen Zeiten als «Ferienbotschaft» geltenden Vertretung in Colombo ist die Schweizer Mission in Madrid deutlich grösser. Als «Bestrafung» Mocks könne die Versetzung nicht interpretiert werden, so der ehemalige Spitzendiplomat.

Das EDA in Bern dürfte mit der Personalie zwei Fliegen mit einer Klappe erwischt haben: Für Hanspeter Mock ergab sich eine willkommene Karrierechance. Und für die Beziehungen zwischen der Schweiz und Sri Lanka die Möglichkeit eines auch personell unbelasteten Neubeginns.

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