Radio- und Fernsehgesellschaft
Belästigungsaffäre: Der Stuhl von SRG-Chef Gilles Marchand wackelt

Die Fälle von Belästigungen und Mobbing beim Westschweizer Fernsehen stürzen die SRG in eine Krise. Die Unterstützung für den Generaldirektor schwindet. Er scheint das nicht wahrhaben zu wollen

Francesco Benini
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Fehler in der Krisenkommunikation: SRG-Direktor Gilles Marchand.

Fehler in der Krisenkommunikation: SRG-Direktor Gilles Marchand.

Britta Gut

Gilles Marchand war als Generaldirektor der SRG völlig unbestritten. Bis Ende Oktober.

Er galt als jemand, der den Umbau des öffentlichen Rundfunks vorantreibt. Der eine Strategie für die digitale Transformation der elektronischen Medien umsetzt. Der Einsparungen vornimmt. Und er galt als zugänglich. «Als er unsere Abteilung besuchte, fragte er uns ein Loch in den Bauch», erzählt ein Redaktor des Schweizer Fernsehens. Für jedes Detail habe sich Marchand interessiert.

Auch die Politiker in der Parlamentskommission, die sich mit der SRG beschäftigt, waren zufrieden: Die Kontakte zum Direktor seien unkompliziert und produktiv, sagten sie.

Umgeben von Leuten, die ihm zustimmen

Nun meint ein Journalist des Westschweizer Fernsehens: «Il a l’air complètement déconnecté de la réalité.» Marchand wirke entrückt. Als wolle er nicht wahrhaben, wie tief die Krise ist, in welcher die SRG steckt. Als wolle er den Gedanken nicht zulassen, dass ihn diese Probleme den Kopf kosten könnten.

Eine Genfer Anwaltskanzlei findet derweil keine Termine mehr. Sie wird überrannt von Mitarbeitern des Westschweizer Fernsehens. 140 sind es, die reden wollen über Fälle von sexueller Belästigung und Mobbing. Die Herabsetzung von Frauen gehörte in Genf offenbar zur Betriebskultur. Die Kanzlei untersucht die Fälle im Auftrag des SRG-Verwaltungsrats.

Wird ein Unternehmen von einer Krise erfasst, gibt es stets zwei Ebenen: die Vorkommnisse. Und die Reaktion der Verantwortlichen. Manchmal ist die Reaktion in der öffentlichen Wahrnehmung das grössere Problem. Die Fakten, die ans Tageslicht kommen, sind zwar unangenehm. Sie wachsen sich aber erst zur Krise aus, weil sich die Verantwortlichen in Beschönigungen ergehen. Im Bestreiten von Zuständigkeiten. Im Nichtwissen: Ein Chef sagt, er sei damals nicht im Bild gewesen über die Missstände. Kurz darauf beweist ihm jemand das Gegenteil.

Belästigungen waren an der Tagesordnung: Hochhaus des Westschweizer Fernsehens in Genf.

Belästigungen waren an der Tagesordnung: Hochhaus des Westschweizer Fernsehens in Genf.

Keystone

Das scheint dem SRG-Chef passiert zu sein. Marchand macht in der Krisenkommunikation jeden erdenklichen Fehler. Er äusserte sich zunächst in einer Weise, die den Eindruck entstehen liess, dass er das Vorgefallene herunterzuspielen versuche. Dann bestritt er, von happigen Vorwürfen gegen einen Mitarbeiter des Westschweizer Fernsehens gewusst zu haben. Die Mediengewerkschaft SSM wedelte sofort mit Briefen, die belegen sollen, dass die Direktion damals umfassend unterrichtet worden sei. Marchand führte das Westschweizer Fernsehen von 2001 bis 2017; dann stieg an die Spitze der SRG auf.

Im Medienhaus gibt es Leute, die sagen, Marchands Entourage stehe ihm nun bei – sie helfe ihm aber nicht. Es sei immer jemand da, der dem Chef allzu beflissen beipflichte. «Aber gibt es auch jemanden, der ihm ins Gesicht sagt: Hör mal, ich glaube, Du bist auf dem Holzweg, ich schlage ein anderes Vorgehen vor?» Es sei niemand da, der dagegenhalte. Laufe Marchand in die falsche Richtung, werde er darin noch bestärkt.

Dem Präsidenten der SRG, Jean-Michel Cina, sind bisher in der Kommunikation keine Fehler unterlaufen. Er schrieb diese Woche eine lange Mail an die Mitarbeiter des Westschweizer Fernsehens. Anders als Marchand schaffte er es, einen empathischen Ton anzuschlagen. Und der Präsident platzierte zwei Botschaften: Der Verwaltungsrat würde gerne mit Marchand als Chef die Herausforderungen der Zukunft angehen. Aber: Es gebe «keine Tabus» bei den Massnahmen, die der Verwaltungsrat beschliessen werde, wenn die Untersuchungsberichte im Februar vorlägen.

«Keine Tabus» – das interpretierten die Angestellten so: Es könnten Köpfe rollen. Auch ganz oben in der Hierarchie.

SRG-Präsident Cina hat es eilig. Die Untersuchungen über die Belästigungen werden in zweieinhalb Monaten abgeschlossen. Schon am 8.Dezember lässt er sich aber über erste Erkenntnisse informieren. Das bestätigt der vormalige Walliser Staatsrat auf Anfrage.

Setzt Druck auf: Medienministerin Simonetta Sommaruga.

Setzt Druck auf: Medienministerin Simonetta Sommaruga.

Britta Gut

Es gibt Leute in Bundesbern, die behaupten, dass Medienministerin Simonetta Sommaruga Druck aufsetze. Sie machte ihr Missvergnügen mit folgendem Satz deutlich: «Die SRG hat eine Vorbildfunktion, und es gehört zur Verantwortung der Unternehmensleitung, sexuelle Belästigungen zu verhindern.» Sommaruga sagte auch, dass sie «in Kenntnis der Untersuchungsresultate über das weitere Vorgehen entscheiden» werde. Sie ging weit mit dieser Aussage, denn eigentlich ist das Sache des SRG-Verwaltungsrats. Die Medienministerin signalisierte damit: Bei sexueller Belästigung hört der Spass auf. Die SRG ist zwar ein Verein, aber er hat die Konzession vom Bund. Also greift der Bundesrat direkt ein, wenn es ihm angezeigt scheint.

Der Ärger breitet sich in der ganzen SRG aus

Kann sich Gilles Marchand halten? Muss er sich im Alter von 58 einen neuen Job suchen? Entscheidend ist die Untersuchung über die «Verantwortungsketten»: Haben die Vorgesetzten damals in Genf angemessen und professionell reagiert auf die Klagen aus der Belegschaft? Und haben sie die richtigen Sanktionen ausgesprochen? Kommt die Untersuchung zu einem negativen Befund, ist Marchands Zeit an der Spitze der SRG zu Ende.

Diese Meinung ist in der zuständigen Parlamentskommission verbreitet. Nationalrat Philipp Kutter, der wie SRG-Präsident Cina der CVP angehört, sagt es so: «Man muss nun den Ausgang der Untersuchungen abwarten. Auf dieser Basis wird der SRG-Verwaltungsrat entscheiden. Es wäre bedauerlich, wenn Gilles Marchand abtreten müsste.» Weiter sagt er:

Er ist ein fähiger Mann. In einer solchen Debatte ist das aber nicht relevant.

Beim Schweizer Fernsehen, am Leutschenbach, kursieren bereits Spekulationen über die Nachfolge: SRF-Direktorin Nathalie Wappler könnte an die Stelle Marchands treten. Und Wappler würde von der Kulturchefin Susanne Wille ersetzt.

Beide sind aber noch nicht lange im Amt, und Wappler hat beim Fernsehen eine grosse Reform angestossen. Die sollte sie zuerst auf den Boden bringen - was Jahre dauern wird. Die SRG hätte zurzeit personelle Stabilität nötig. Das spricht dafür, dass es sich der Verwaltungsrat gut überlegt, ob er den Chef absetzt.

Anderseits hat sich der Ärger inzwischen in der ganzen SRG verbreitet. Niggi Ullrich, Präsident der Regionalgesellschaft Basel, sagt: «Die SRG kann sich die Grenzüberschreitungen nicht leisten, die offenbar an der Tagesordnung waren.» Es wird eng für Gilles Marchand. Er selber scheint der Einzige zu sein, der das nicht so sieht.