Lehrerlöhne
Beat Zemp: «Lohnforderung der Lehrer ist sicher keine Frechheit»

Die Lehrer fordern 20 Prozent mehr Lohn. Der Präsident des Lehrerverbands LCH, Beat Zemp, über ein Drama in drei Akten und weshalb die Forderung keine Frechheit ist.

Beat W. Zemp*
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Der Präsident des Lehrerverbands LCH, Beat Zemp (Archiv)

Der Präsident des Lehrerverbands LCH, Beat Zemp (Archiv)

Keystone

Die Empörung war gross, als der Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) Anfang Juli seine Lohnforderung kommunizierte. Was wir seither erleben, ist ein Drama in drei Akten.

1. Akt: die Lohnforderung. Montag, 1. Juli 2013: Der LCH verschickt eine Medienmitteilung mit dem Titel «Um bis zu 20 Prozent müssen die Löhne der Lehrpersonen innert fünf Jahren ansteigen!». Die Faktenlage ist eindeutig: Sowohl das Bundesamt für Statistik als auch das Staatssekretariat für Wirtschaft weisen in ihren jüngsten Publikationen nach, dass die Löhne im Unterrichtswesen der allgemeinen Lohnentwicklung weit hinterherhinken.

Die Einstiegslöhne im Bildungswesen sanken allein von 2002 bis 2010 um 7 Prozent. Alle anderen Branchen verzeichneten Zuwächse. Noch schlimmer sieht ein Vergleich der Nominallöhne von 1993 bis 2012 nach Branchen aus. Das Unterrichtswesen schneidet mit Abstand am schlechtesten ab. Fehlender Teuerungsausgleich, Abschaffung des automatischen Stufenanstiegs und Einführung von «Wartejahren» bis zum ordentlichen Einstiegslohn sind die Gründe für diese miserable Lohnentwicklung.

Berücksichtigt man die Teuerung von 17 Prozent in diesem Zeitraum, dann beträgt der reale Lohnverlust in vielen Kantonen weit über 20 Prozent. Zudem gibt es stossende kantonale Lohnunterschiede, die bis zu 25 000 Franken pro Jahr für die gleiche Schulstufe ausmachen.

Während Zürich die Einstiegslöhne im Januar 2011 massiv erhöhte und der Aargau im August 2011 nachzog, ist in Bern und andernorts bis heute nichts oder nur wenig passiert. Daher hat der LCH keine generelle Lohnforderung für alle Kantone gestellt, sondern auf das Ausmass der enormen Lohnlücke aufmerksam gemacht.

2. Akt: Die mediale Zuspitzung. Wir sind uns Zuspitzungen gewohnt im Kampf um Einschaltquoten und Auflagezahlen. Aber es macht natürlich einen Unterschied, ob der LCH für das nächste Jahr 20 Prozent mehr Lohn für sämtliche Lehrpersonen fordert – wie dies einige Medien kommuniziert haben –, oder ob er eine jährliche Lohnerhöhung von maximal 3,7 Prozent in den nächsten fünf Jahren verlangt für Kantone, welche die Lehrerlöhne in den letzten 20 Jahren nicht erhöht haben.

In der «Samstagsrundschau» vom 6. Juli habe ich auf diesen Unterschied hingewiesen und wurde dann vom Journalisten gefragt, ob Lehrer eigentlich streiken dürfen. Meine Antwort lautete: «Nur als allerletztes Mittel; aber Lehrpersonen werden sich sehr genau überlegen, ob sie wegen des Lohns zulasten der Schüler streiken wollen oder nicht.» In den Medien war danach zu lesen, Zemp droht mit Streik, wenn die Löhne für 2014 nicht flächendeckend um 20 Prozent erhöht werden, was natürlich blanker Unsinn ist.

3. Akt: Die Reaktionen. Entsprechend heftig waren die Reaktionen auf diese Falschmeldung in den Leserbriefen und sozialen Medien. Fünf Gegenargumente dominierten dabei die Diskussion, um die Lohnforderung des LCH zu entkräften:

Kein Geld vorhanden für höhere Lehrerlöhne! Wirklich? In den nächsten fünf Jahren gehen Tausende von Lehrpersonen in Pension und werden durch Jüngere mit tieferem Gehalt ersetzt. Das gibt finanziellen Spielraum zur Verbesserung der Einstiegslöhne und der Lohnentwicklung. Die Kantone haben Milliarden bei den Lehrerlöhnen in den letzten Jahren eingespart. Jetzt ist eine Erhöhung der Löhne überfällig.

12 Wochen Ferien! Wirklich? Lehrpersonen haben wie alle Arbeitnehmer vier bis sechs Wochen Ferien je nach Alter. Sie arbeiten bei einem Pensum ab 90 Prozent im Schnitt 2072 Stunden pro Jahr, was deutlich über der Sollarbeitszeit liegt, und kompensieren einen Teil ihrer Überzeit aus den Schulwochen in der unterrichtsfreien Zeit. Die Belastung ist stark angestiegen, weswegen immer mehr ihr Pensum reduzieren, um nicht auszubrennen.

Lehrer verdienen europäische Spitzenlöhne! Wirklich? Die wöchentliche Unterrichtsverpflichtung an Schweizer Volksschulen ist seit 220 Jahren unverändert bei 28 bis 30 Lektionen, während sie im europäischen Vergleich auf 20 bis 24 Lektionen sank. Das relativiert die vergleichsweise hohen Schweizer Lehrergehälter deutlich. Das Lohnniveau in der Schweiz ist bei sämtlichen Berufen höher als im benachbarten Ausland.

An der Basis vorbeipolitisiert! Wirklich? Die LCH-Lohnforderung ist von der Delegiertenversammlung, der Basis des LCH, genehmigt worden und kein einsamer Entscheid der Verbandsspitze.

Das schadet dem Berufsprestige! Wirklich? Lohn und Berufsprestige hängen direkt zusammen. Eine Salärvergleichsstudie von PwC ergab, dass die Lehrerlöhne nicht mehr konkurrenzfähig sind zu den Löhnen von Berufen mit vergleichbaren Anforderungen in der Privatwirtschaft.

Fazit: Die LCH-Lohnforderung ist gut begründet, angemessen und bezahlbar. Aber sicher keine Frechheit!

Beat W. Zemp ist Präsident des Dachverbandes Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH).