Sind unterirdische Unterkünfte für Asylsuchende geeignet?

Aus Sicht der Flüchtlingshilfe ist die Unterbringung von Asylsuchenden in unterirdischen Anlagen grundsätzlich problematisch und daher abzulehnen. Diese Form der Unterkunft ist nicht «artgerecht», wir sind ja keine Maulwürfe. Der zweite Punkt ist, dass eine Flucht, aus welchen Gründen auch immer, ein traumatisches Erlebnis für die Betroffenen darstellt. Solche Unterbringungsformen können die Traumata reaktivieren. Andererseits haben wir offenbar einen derart grosses Unterbringungsnotstand, dass man vor der Wahl steht: schlafen diese Leute draussen unter einer Brücke oder kann man sie irgendwo unterbringen? So gesehen können auch unterirdische Unterkünfte - für eine möglichst kurze Zeit - in Kauf genommen werden. Dann muss man aber darauf achten, wem das zugemutet wird: Jungen Männern ja, Familien mit Kindern oder gebrechlichen, älteren Menschen nicht. Eine Woche, zwei, höchstens drei sind zumutbar.

Machen es sich Bund, Kantone und Gemeinden zu einfach bei der Suche nach geeigneten Unterkünften?

Ich frage mich schon, ob man mit der nötigen Dringlichkeit und Ernsthaftigkeit darum bemüht ist. Ich denke da vor allem ans VBS, das bis jetzt schlicht zu wenig erreicht hat, obwohl Bundesrat Maurer vom Gesamtbundesrat beauftragt wurde, tausende geeignete Plätze zur Verfügung zu stellen. Nur ein Bruchteil davon ist bisher umgesetzt worden. Für mich ist es zudem ein grosser Unterschied, ob man solche ungeeigneten Anlagen bei einem grossen Ansturm wie beispielsweise 1991 mit über 41'000 Asylgesuchen in Betrieb nimmt, oder in einer Phase, die als courant normal bezeichnet werden muss.

Woher rührt die jetzige Situation?

Das Problem ist hausgemacht. Alt-Bundesrat Blocher hat 2007 entschieden, dass die Strukturen, die für jährlich 20‘000 Asylgesuche ausgelegt waren, halbiert werden sollen. Eine Folge davon war, dass viele der vormalig vom Bund finanzierten kantonalen Liegenschaften aufgegeben wurden. Das war aus meiner Sicht eine sträfliche strategische Fehlentscheidung. Ob sie bewusst getroffen wurde, weiss nur Herr Blocher selber. Man weiss seit eh und je, dass es schwierig ist, Asylunterkünfte zu finden.

Verstehen sie die Menschen, die sich an den Forderungen der Asylanten in Solothurn stossen?

Die genauen Umstände in Solothurn kenne ich nicht. Wenn es aber stimmt, dass den Betroffenen auch eine oberirdische Unterkunft angeboten wurde, war die Aktion kontraproduktiv. Damit wird die Stimmung in der Bevölkerung nicht verbessert. Und das können Flüchtlinge am wenigsten gebrauchen.

Wird die Forderung nach möglichst kurzer Aufenthaltsdauer in Zivilschutzanlagen eingehalten?

Nicht immer. Die Rechte der Asylsuchenden sind nicht gut geschützt. Letztlich liegen die Kompetenzen über Versorgung und Unterbringung auf Gemeindeebene in den Händen einzelner Personen, die nach eigenem Gusto gestalten können. Es gibt solche, die das sehr gewissenhaft und engagiert machen, dann aber auch solche, die eine andere Einstellung gegenüber den Asylsuchenden haben. Deren Ziel ist es, die Unterkunft so unattraktiv wie möglich zu gestalten.

Was müsste denn verbessert werden?

Man müsste mehr Anstrengungen unternehmen, passende Unterkünfte zu finden. Das zweite: Wenn sich konkrete Probleme ergeben, sollte man mit kulturellen Vermittlern arbeiten. Oft ist es so, dass man sich schlicht nicht versteht.

Kennen Sie Fälle, wo Asylbewerber zu Demonstrationen gedrängt wurden? In Solothurn zum Beispiel waren Plakate in perfektem Deutsch zu sehen.

Ja, im Fall etwa der umstrittenen Asylunterkunft Hochfeld in Bern hat das sicher auch eine Rolle gespielt. Da liess sich beobachten, dass aktivistische Kreise die Asylsuchenden unterstützten, vielleicht auch dazu gebracht haben, dass sie sich überhaupt zur Wehr setzen. Die Verhältnisse in dieser Asylunterkunft waren, gestützt auf verschiedene Zeugenaussagen, wirklich schlecht.

Was sagen Sie zu dem medialen Grossereignis „Asylwesen" der letzten Tage generell?

Das ist schon sehr bedauerlich. Es ist ja gerade diese aufgeheizte Stimmung, die dazu führt, dass die zuständigen Behörden völlig den Kopf verlieren und solch unsägliche und unrechtmässige Vereinbarungen treffen, wie in Bremgarten geschehen. Und die ganze Weltpresse schreibt nun, dass wir eine rassistische Gesellschaft seien, Apartheid-Politik betreiben würden. Aber das ist natürlich Blödsinn, wir sind nicht rassistischer als andere Nationen. Eigentlich ist es ja ganz banal: Da müssen oder wollen Leute ihre Heimat verlassen, und nun sind sie hier und brauchen unsere Hilfe. Behandeln wir sie doch anständig, wie wir es uns selber wünschen würden in dieser Lage. Für die wenigen, die sich nicht an die Gesetze halten, gibt es die Polizei und die Justiz. Die Stimmung, die im Moment herrscht, bringt niemanden weiter und ist ein grosser Teil der vermeintlichen Probleme, die wir mit den Asylsuchenden haben.