Freihandel

Bauer Steffen fürchtet sich vor einem Abkommen: «Das wäre der Todesstoss»

240 Rinder hält Tobias Steffen, Bauer ist sein Traumberuf. Doch wegen der Mercosur-Verhandlungen hat er Existenzängste.

Bütikofen. Ein 120-Seelen-Dorf im Emmental, unweit von Burgdorf. Die traditionellen Bauernhäuser mit den prächtigen Walmdächern und den gepflegten Gärten prägen das Bild. Dazu Wälder, Wiesen und Vieh. Auch hinter dem Luderhof weiden Kühe und Rinder. Doch sie gehören nicht zum Betrieb von Tobias Steffen. Seine Munis können nie auf die Weide – was manchen Besucher irritiert.

Steffen gibt dies unumwunden zu, als er seinen langen und offenen Stall zeigt. Links und rechts stehen die Rinder, statt Namen haben sie Nummern: Blaubelgier, Simmentaler und Angus-Rinder werden gemästet. Ganz vorne sind jene, die bald in den Schlachthof kommen. Je weiter man läuft, desto leichter und jünger werden die Rinder. Steffen hat einen Mastbetrieb, die «Fresser» kauft er zu, wenn sie etwa vier Monate alt und 180 bis 200 Kilogramm schwer sind. Zehn bis elf Monate bleiben sie bei Steffen, bis sie 520 bis 540 Kilogramm erreicht haben. Der Futtergang ist so breit, dass man locker mit dem Futtermischwagen durchfahren kann. Mit der Mistgabel sieht man Steffen kaum. Höchstens mit dem Besen.

Steffen ist Pächter des Luderhofs und betreibt mit einem Kollegen, dem Wälchli Martin, wie man hier sagt, einen Rindermastbetrieb der intensiven Art. Für 260 Rinder bietet der Stall Platz. Momentan sind 240 da. Steffen weiss, dass sein Hof nicht den klischierten Vorstellungen der Schweizer Landwirtschaft entspricht. Weil seine Rinder eben nicht auf die Weide dürfen.

Aber sie können den Regen auf dem Rücken spüren. Denn Steffen produziert nach den Richtlinien von IP-Suisse. Und dafür muss er die Anforderungen an die Tierwohlprogramme RAUS (Regelmässiger Auslauf im Freien) und BTS (Besonders tierfreundliche Stallhaltungssysteme) erfüllen. Letzteres bedeutet, dass ein Teil der Liegefläche eingestreut ist. Das bedeutet Mehrarbeit und Mehrkosten. Jeden Morgen mistet Steffen aus und streut Stroh. Zwei Kilogramm pro Rind und Tag.

Bauer aus freien Stücken

Tobias Steffen ist 33-jährig, seit kurzem Familienvater und unter den Bauern eine Rarität: Seine Eltern führten nämlich keinen Hof, sondern im aargauischen Murgenthal ein Restaurant. Steffen wurde nicht Bauer, weil das von ihm erwartet oder ihm in die Wiege gelegt worden ist. Sondern weil Bauer «der schönste Beruf» ist, wie er sagt. Auf dem Luderhof hat er sein zweites Lehrjahr absolviert und als Angestellter gearbeitet, bevor er 2017 den Hof als Pächter übernahm. Einige Zeit arbeitete er zudem in Kanada, fuhr Mähdrescher auf einem für dortige Verhältnisse kleinen Betrieb – mit 2000 Hektaren Land.

Zur Tierhaltergemeinschaft auf dem Luderhof gehören 42 Hektaren. Gras und Mais bauen Steffen und Wälchli vorwiegend an – das Futter für die Tiere. Etwas Mais müssen sie von anderen Bauern zukaufen. Dazu bekommen die Rinder Ergänzungsfutter und Mineralstoffe – und altes Brot, das nicht verkauft werden konnte. «Das hilft gegen Food Waste und ist ein kostengünstiger Ersatz für Getreide», sagt Steffen. 3,4 Tonnen Nahrung verfüttert der Mäster seinen Rindern täglich.

Die Ohnmacht des Bauers

Das Fleisch der Luderhof-Rinder geht bei Migros und bei Coop über die Theke. Doch es gab schon bessere Zeiten für hiesige Rindermäster. Das Angebot an IP-Rindern ist derzeit zu gross. Es kommt vor, dass Steffen seine Tiere nicht abbringt, obschon sie das ideale Gewicht erreicht haben. Dass er sie zwei Wochen länger halten muss, die Rinder nochmals zunehmen. Dass sie zu schwer sind und er deshalb weniger Geld pro Kilogramm Fleisch bekommt als üblich. «Doch die Detailhändler verkaufen die 20 Kilogramm zum gleichen Preis.» Aus Steffens Worten tönt eine gewisse Ohnmacht gegenüber den Detailhändlern.

Es ist nicht seine einzige Sorge: Die Pläne des Bundesrates für ein Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten treibt ihn um: «Fällt der Grenzschutz weg, würden die Schlachtviehpreise zusammenbrechen.» Steffen rechnet damit, dass sein Einkommen um 20 bis 30 Prozent sinken würde. Hat er kein Vertrauen in die Schweizer Konsumenten, dass sie hiesiges Fleisch bevorzugen? «Der Einkaufstourismus zeigt, dass es am Schluss immer um den Preis geht.» Mercosur sei ein Todesstoss für die Schweizer Rindermäster. Steffen spricht von Existenzängsten: «Wir können nicht hurtig den Stall umnutzen, wenn die Politik ändert. Der Stall ist nun mal gebaut für die Rindermast», sagt Steffen. Er würde gerne noch ausbauen.

Doch eben, als Bauer ist man abhängig von der Politik. «Lieber als Direktzahlungen bekäme ich gute Preise für meine Produkte», sagt Steffen. «Es ist doch nicht normal, dass ein Liter Mineralwasser teurer ist als ein Liter Milch.»

Alles müsse immer billiger werden, und gleichzeitig fordere die Politik mehr Ökologie. Für Steffen ein unmöglicher Spagat. Er hat eine klare Vorstellung: «Ich will eine produzierende Landwirtschaft. Von Blumenwiesen können wir uns nicht ernähren. Kaufen wir dann alles im Ausland?», fragt er rhetorisch. Er zeigt auf das Umland: «Wir haben so viel Gras. Das sind ideale Verhältnisse für Rinder und Kühe.»

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