Fluglärm
«Auf irreführende Weise Fehlverhalten suggeriert»

Die Flugwegerfassung auf dem Flugplatz Birrfeld soll mehr Vertrauen zwischen den Flugplatzbenützern und den Gemeinden schaffen. In einem Gastbeitrag äussert sich Jürg Wyss, Seon, zu dieser Thematik aus der Sicht des Aviatikers. Wyss ist Pilot und Chefredaktor der «Aero Revue».

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Aargauer Zeitung

Das Thema Fluglärm polarisiert zuweilen. Für den Flugplatz Birrfeld, seit 1936 in Betrieb, gehören Reaktionen aus der Bevölkerung zum Flugalltag. Auch die Eigenämter Gemeindebehörden werden von der Bevölkerung mit Reklamationen konfrontiert. Zwar geniesst das Birrfeld eine breite Akzeptanz, ist ein beliebtes Ausflugsziel und nimmt bei der Grundausbildung angehender Berufspiloten schweizweit eine wichtige Rolle ein. Doch beim motorisierten Fliegen entstehen Schallimmissionen. Verständlich, dass sich ein Teil der Bevölkerung dadurch gestört fühlt.

Wie orientieren sich die Piloten in der Luft?

Piloten, die den Flugplatz Birrfeld anfliegen oder von diesem abfliegen, tun dies ausschliesslich nach Sichtflugregeln. Sie orientieren sich an markanten Geländepunkten wie Flüssen, Ortschaften oder Strassen. Von jedem Flugplatz existiert eine An- und Abflugkarte. Gelb markiert und damit gut erkennbar sind darauf die zu meidenden Ortschaften. Die An- und Abflugwege sowie die Platzrunde sind in Form von Linien dargestellt. Diese sind in der Luft indes nicht sichtbar. Der Pilot setzt deshalb die Flugrouten aus dem Flugzeug quasi virtuell in den Luftraum um und wählt entsprechend den zu fliegenden Kurs. Die Flugwege stellen in der Praxis somit eine Art dreidimensionale Korridore dar. Ein Beispiel: Beim Anflug von Westen her führt die Route zwischen den Gemeinden Scherz und Habsburg durch. Der Pilot sieht links die markante Habsburg mit dem Dorf, und rechter Hand Scherz, während er mit reduzierter Leistung Richtung Flugplatz absinkt. Gleichzeitig hält er nach anderen Flugzeugen Ausschau, die sich im An- oder Abflug befinden. Er beurteilt deren Flugweg und weicht dann von seinem Kurs ab, wenn sich die Gefahr einer Kollision abzeichnet. Das Luftfahrtgesetz schreibt einzig vor, dass über dicht besiedelten Ortschaften eine Mindestflughöhe von 300 Metern über Grund, anderswo 150 Meter eingehalten werden müssen. Diese dürfen aber unterschritten werden für die Bedürfnisse von Abflug oder Landung. (jwy)

Kein Fehlverhalten

In einem Beitrag der AZ vom 22. April äusserte sich Janssen zu einer im Vorfeld auf privater Basis durchgeführten Messung wie folgt: «Ich habe an einem Mittwochnachmittag gemessen. Etwa 50 Prozent der Flugzeuge fliegen falsch.» Ein Vorwurf, den die Verantwortlichen des Flugplatz Birrfeld vehement zurückweisen: «Diese Aussage und das dazu publizierte Bild von Flugwegen suggerieren in irreführender Weise ein Fehlverhalten der Piloten», ärgert sich Max Riner, Präsident des Regionalverbandes Aargau des Aero-Clubs der Schweiz. «Piloten, die nicht exakt auf der Linie fliegen, begehen weder eine Übertretung im Sinne des Luftfahrtgesetzes, noch verhalten sie sich unkorrekt.»

Das Bild lasse auch keine Rückschlüsse zu, um welche Flugzeuge es sich auf jenem Bild handle. Es zeige indes deutlich, dass kein einziges Flugzeug eine Ortschaft, geschweige denn Janssens Haus überflogen habe. «Die Piloten der Schleppflugzeuge kennen die Problematik genau. Sie halten sich wenn immer möglich an die Schleppkorridore und umfliegen die Gemeinden sehr bewusst», betont Riner.

Die Ansichten bezüglich der Flugwege klaffen offensichtlich auseinander. Genau da setzt die Flugwegerfassung an. «Gemeindebehörden und Flugplatzleitung wollen damit das Problem der unterschiedlichen visuellen Wahrnehmung durch Pilot und Bodenbeobachter in den Griff bekommen», umschreibt Reto Nyffenegger, Vertreter der Anliegergemeinden und Gemeindeammann von Scherz, das Ziel. Eine objektive Beurteilungsbasis soll das gegenseitige Vertrauen stärken, indem allfällige Unkorrektheiten im fliegerischen Verhalten, aber auch bei den angebrachten Beschwerden verringert werden können. «Die allgemeine Lärmbelästigung im Birrfeld ist in den letzten Jahren durch den Einbau von leiseren Motoren und Schalldämpfern merklich zurückgegangen», anerkennt Nyffenegger. Die Reklamationen beziehen sich hauptsächlich auf Abweichungen von Flugwegen.

Vertrauen durch Rücksicht

Um Vertrauen geht es auch dem Flugplatz Birrfeld. «Ein freundnachbarschaftliches Zusammenleben ist nur durch Rücksicht zu erreichen», sagt Flugplatzchef Roger Trüb. «Wir werden mit unseren Piloten weiter an der korrekten Einhaltung der Flugrouten arbeiten. Deshalb wirken wir auch an den Messungen mit.» Es gehe darum, Problemzonen zu erkennen und nicht um Kontrollen mit Sanktionen oder das Verteilen von Bussen. «Dazu sind weder die Gemeinden noch der Flugplatz befugt. Solange die Piloten die Mindesthöhen über Grund nicht unterschreiten, bewegen sie sich innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Grenzen.»

Gemäss Trüb werden die Piloten bereits während der Grundschulung, später auch an Weiterbildungen und bei Checkflügen auf das exakte Einhalten der Volte sensibilisiert. «Bei auswärtigen Piloten, die mit dem Platz wenig vertraut sind, ist nicht auszuschliessen, dass sie die Flugwege nicht immer metergenau einhalten können.» Die Flugwegaufzeichnungen sollen nun Klarheit schaffen.

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