Wegen EU-Norm

Appenzell Ausserrhoden und Thurgau werden zum Corona-Risikogebiet – eine Erklärung

«Erhöhte Wachsamkeit»: Belgien erklärt den Thurgau und Appenzell Ausserrhoden zum Coronarisikogebiet.

«Erhöhte Wachsamkeit»: Belgien erklärt den Thurgau und Appenzell Ausserrhoden zum Coronarisikogebiet.

Die belgische Corona-Taskforce erweitert ihre Warnliste für Reisende um sechs weitere Kantone auf 13. Bei den betroffenen Kantonen sorgt diese Entscheidung für Kopfschütteln und Schmunzeln.

Was bisher geschah

Die belgische Corona-Taskforce nimmt es sehr genau, wenn es um die Warnlisten für belgische Touristen geht. Bereits Anfang August hatte Belgien Reisen in die Kantone Waadt, Genf und das Wallis verboten.

Erst nach einer Intervention von Aussenminister Ignazio Cazis strichen die Belgier das Wallis, die Waadt und wenig später auch Genf von der Liste.

Nun hat das belgische Aussenministerium die Liste erneut angepasst. Neu stehen auch zwei Ostschweizer Kantone auf der Liste: Appenzell Ausserrhoden und Thurgau.

Warum?

Das Hin- und Her der Kantone auf den roten und gelben Listen Belgiens hat einen trivialen Grund. Stevan van Gecht, Vorsitzender des wissenschaftlichen Ausschusses zur Bekämpfung der Coronapandemie und somit das «belgische Pendant» zu Daniel Koch erklärt:

«Bei der Beurteilung der Schweiz orientierten wir uns anfänglich an den NUTS-2-Regionen.» Mit diesem EU-System werden Regionen wie etwa die Ostschweiz oder die Genferseeregion erfasst.

So habe man das Wallis zusammen mit dem Stadtkanton Genf auf die rote Liste gesetzt, obwohl es im Wallis weniger Fälle gab erklärt van Gucht.

«Wir mussten auf die NUTS-3-Regionen zurück.» Damit werden etwa in Deutschland Bundesländer erfasst, die zum Teil so gross wie die Schweiz sind. Hierzulande aber ist jeder der 26 Kantone eine eigene NUTS-Region.

Man sei sich natürlich bewusst, dass das in der kleinen Schweiz zu absurden Situationen führen könne, sagt van Gucht.

Nach belgischem System kommt eine Region mit mehr als 20 Neuinfektionen auf 100000 Einwohner innert 14 Tagen auf die orange, mit mehr als 100 Fällen auf die rote Liste.

Diese Systematik dient der eindeutigen Identifizierung von Regionen in der EU und entspricht in der Regel den Gliedstaaten der Mitgliedsländer. Also Bundesländer in Deutschland (Niedersachen, gleich gross wie die Schweiz) oder Regionen in Frankreich (Nouvelle-Aquitaine, doppelt so gross wie die Schweiz).

Auch in der Schweiz findet diese EU-Nomenklatur Anwendung. So ist jeder der 26 Kantone eine NUTS-3 Region. Man sei sich natürlich bewusst, dass das in der kleinen Schweiz zu absurden Situationen führen könne, sagt van Gecht. «Deshalb nutzen wir erst NUTS-2.»

NUTS 2-Regionen in der Schweiz sind etwa die Ostschweiz oder Genferseeregion. Doch eben diese Unterteilung habe zu grossen Problemen geführt. So habe man das Wallis zusammen mit dem Stadtkanton Genf auf die rote Liste gesetzt, obwohl im Wallis proportional viel weniger Menschen an Corona erkrankt sind, erklärt van Gecht.

Nach belgischem System kommt eine Region mit mehr als 20 Neuinfektionen auf 100'000 Einwohner innert 14 Tagen auf die orange, mit mehr als 100 Fällen auf die rote Liste.

«Wir nutzen dasselbe System wie im Inland. Belgien hat 69,9 Neuinfektionen pro 100'0000 Einwohner und ist somit auch im orangen Bereich », sagt Virologe van Gucht.

Für das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ist Belgien aufgrund der Neuinfektionen seit dem 20. August Risikogebiet.

Die Reaktionen der Kantone

Das sagt der Ausserrhoder Gesundheitsdirektor Yves Noël Balmer und macht sogleich ein Beispiel: «Angenommen, ein belgischer Tourist fährt von St. Gallen mit dem Trogener Bähnli zur Vögelinsegg. Wie soll der denn merken, dass er die Kantonsgrenze überschritten hat und nun in das ‹Corona-Risikogebiet Ausserrhoden› einfährt?»

Yves Noël Balmer, Gesundheitsdirektor Kanton Appenzell Ausserrhoden.

Yves Noël Balmer, Gesundheitsdirektor Kanton Appenzell Ausserrhoden.

«Zwar gab es in den letzten zwei Wochen 17 Neuinfektionen. Die grösste Gefahr aber sind die Infektionsherde», sagt der Sozialdemokrat. Natürlich seien die Zahlen höher als es ihm lieb sei.

So beschreibt Balmer die Lage. Man sei wirklich darauf angewiesen, dass sich alle – Private, Restaurants, Unternehmen – an die Massnahmen hielten.

«Bis jetzt klappt es gut. Die Landwirte halten sich wirklich daran, den Termin für die Alpabzüge nicht bekannt zu geben», lobt Balmer.

Der Thurgauer Gesundheitsdirektor Urs Martin hat regelmässig auf der Website der belgischen Botschaft nachgeschaut, nachdem immer mehr Schweizer Kantone auf die Reisewarnliste Belgiens kamen.

Denn vorletzte Woche gab es im Kanton mehr Coronafälle als letzte Woche; die Zahlen sind rückläufig. «Vielleicht ist es eine Retourkutsche, weil die Schweiz Belgien auf die Liste der Risikoländer genommen hat.»

Urs Martin, Gesundheitsdirektor Kanton Thurgau.

Urs Martin, Gesundheitsdirektor Kanton Thurgau.

Eine Reaktion auf die Massnahme der belgischen Behörde wird es im Thurgau nicht geben. Regierungsrat Martin sagt: «Machen kann man nicht viel.» Ausserdem sei es ja eine Massnahme auf Zeit.

Der Kanton Thurgau dürfte es verschmerzen. Im vergangenen Jahr generierten sie 1580 Logiernächte, was einem Anteil von lediglich 0,4 Prozent entspricht.

Zum Vergleich: Deutsche Touristen fallen deutlicher ins Gewicht. Im vergangenen Jahr generierten sie fast 73'000 Logiernächte oder 18 Prozent.

Wie es weitergeht

Mit 23 respektive 31 Neuinfektionen pro 100'000 Einwohner in den vergangenen 14 Tagen sind die Kantone Thurgau respektive Appenzell Ausserrhoden am unteren Ende der Liste. Sinken die Infektionszahlen, verschwinden auch die Kantone von der Liste.

«Es ist natürlich bedauerlich, dass die belgischen Touristen nun nicht mehr die feine Schoggi aus Bernrain kaufen, sondern nur noch ihre eigene schwarze Schoggi essen können», meint der Thurgauer Regierungsrat Urs Martin.

Und auch sein Ausserrhoder Kollege Balmer nimmt's mit Humor: «Ich bin oft auf den Strassen des Kantons unterwegs, so auch heute. Allzu viele Belgier sind mir noch nicht begegnet.»

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