Nachruf

Als die SP-Urgesteine im roten Mercedes fuhren...

Daguet war massgeblich an der Gründung der Unia beteiligt (Archiv)

Daguet war massgeblich an der Gründung der Unia beteiligt (Archiv)

Er orchestrierte zusammen mit Parteipräsident Peter Bodenmann die Wahl von Ruth Dreifuss in den Bundesrat. In der Nacht auf Freitag ist der frühere SP-Zentralsekretär André Daguet mit 67 Jahren gestorben.

Der Chronist von «Le Temps» nannte ihn, als er 2011 aus dem Nationalrat zurücktrat, in seinem Porträt einen «papy flingueur» (ältere Menschen kennen vielleicht noch den Film «Les tontons flingueurs» mit Lino Ventura).

Schwer zu übersetzen auf Deutsch, denn «flingue» ist der Revolver und das Verb «flinguer» übersetzt man am besten mit «abknallen». Und dann fällt in «Le Temps» auch noch der Name Bud Spencer.

Alles zusammen – aber im richtigen Verhältnis – kann durchaus helfen, zu charakterisieren, wer André Daguet war. Aber die einzelnen Facetten muss man gut auseinanderhalten, denn ein kaltblütiger Mann mit dem Colt in der Hand war er nie, auch kein raubeiniger Ex-Boxer, der Probleme mit einem Faustschlag aus der Welt schaffte, fast bevor sie sich ernsthaft stellten. Und schon gar nicht ein Opa.

Bud Spencer – der Lenker

Wo die Kennzeichnung am besten zutrifft, ist sie gleichzeitig auch am meisten irreführend. Bud Spencer war ja der eine Pol des Duos, das man ebenfalls aus den Filmen als «zwei glorreiche Halunken» kennt, das die «Fäuste für ein Halleluja» zu schwingen pflegte.

Das Schlitzohr war natürlich Peter Bodenmann, der Oberwalliser, der in den 90er-Jahren SP-Parteipräsident war, und André Daguet war sein Adlat. Bodenmann zog zwar die Fäden, aber Daguet haute nicht drein. Aber er hielt dem Zampano aus Brig den Rücken frei, hatte als Zentralsekretär die Parteizentrale auf Vordermann gebracht und im Griff und dachte als studierter Rechtsgelehrter immer dann ein bisschen differenzierter, wenn es nötig war.

Ihre Sternstunde erlebten die beiden bei der Nichtwahl von Christiane Brunner in den Bundesrat. Ihr Coup war es, 1993 dem gewählten Francis Matthey die Annahme der Wahl so lange madig zu machen, bis er schliesslich klein beigab. Allzu gerne wäre er nämlich Bundesrat geworden.

Die Easy-Rider-Tour 1993

Doch Bodenmann/Daguet hielten nicht mehr viel davon, sich schon wieder von den Bürgerlichen vorschreiben zu lassen, wen die SP in den Bundesrat delegieren solle. Der «Fall Otto Stich», der anstelle von Lilian Uchtenhagen gewählt wurde, sollte sich nicht wiederholen.

Die Chronisten griffen wieder in die Filmgeschichte und fantasierten von einer Easy-Rider-mässigen Roadtour quer durch die Schweiz im roten Mercedes, bis schliesslich Ruth Dreifuss als Nachfolgerin von René Felber installiert worden war.

Man muss annehmen, dass ihm die Roadtour gefiel, nicht nur wegen der Farbe des Mercedes. Aber auch. Denn André Daguet war ein leidenschaftlicher Sozialdemokrat.

Den 1990er-Linksschwenk von Bodenmann machte er noch so gern mit. Er setzte sich vehement ein für die traditionellen Anliegen der Sozialdemokratie, soziale Gerechtigkeit von der Lohnpolitik bis zur Rentengeschichte, und war Mitbegründer von Amnesty International Schweiz und ihr Generalsekretär.

Alle Chronisten verpassten ihm 2011, als er nach acht Jahren aus dem Nationalrat zurücktrat, das Epitheton SP-«Urgestein». Dazu beigetragen hat wohl auch sein Wirken als Gewerkschaftsfunktionär. Nach seiner SP-Zeit ging er 1996 zu den Gewerkschaften, wurde Geschäftsleitungsmitglied beim SMUV und war massgeblich am Zusammenschluss von SMUV, GBI und VHTL zur Gewerkschaft Unia beteiligt.

2010 hatte Daguet bereits einen Herzstillstand erlitten, erholte sich aber wieder. Gestorben ist er an der Nervenkrankheit ALS.

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