Rhetorik

Allzweckwaffe und Papiertiger: Warum das Wort «Gesamtschau» Karriere macht in der Politik

Wo geht es eigentlich lang? Eine Gesamtschau soll den Bundespolitikern den Weg weisen. (Bild Manuel Lopez/Keystone)

Wo geht es eigentlich lang? Eine Gesamtschau soll den Bundespolitikern den Weg weisen. (Bild Manuel Lopez/Keystone)

Sie will entwirren, verwirrt am Ende aber oft mehr: Scheint ihnen ein Problem zu gross, rufen Politiker gerne nach einer Gesamtschau.

Sie ist die Allzweckwaffe gegen nahezu jedes Problem, mit der sich die Schweizer Politik herumschlägt: die Gesamtschau. Sie verspricht Entschlossenheit und Übersicht zugleich. «Wir haben die Lage erfasst», lautet ihre simple Botschaft. Was dem Schriftsteller das Panorama, ist dem Politiker die Gesamtschau. Sie soll alle Fakten hervorbringen und von jeder Seiten beleuchten. «Auslegeordnung» nennt sich dieser Prozess auch, ein einstiger Militärjargon, der als Helvetismus längst zum nationalen Kulturgut gehört.

In der Geschäftsdatenbank des Parlaments finden sich über 1700 Einträge zum Begriff «Gesamtschau». Nur schon die Forderung nach einer solchen entfaltet eine Wirkung. Eine Gesamtschau kann als Papiertiger mit Empfehlungen auftrumpfen oder Aktivität vortäuschen, um eine unangenehme Reform auf die lange Bank zu schieben. Sie will entwirren, verwirrt am Ende aber oft mehr.

Adaptierbar für jedes beliebige Thema

«Ich denke, es ist wichtig, dass wir hier eine Gesamtschau haben», erklärte etwa SP-Ständerat Claude Janiak diese Woche in einer Ratsdebatte. Er äusserte sich zur Frage, wie sich die Fahrer von Elektroautos an der Finanzierung der Strasseninfrastruktur beteiligen sollten. Sein Satz kann jedoch für jedes beliebige Thema adaptiert werden. Meist bestellt vom Parlament, hat der Bundesrat in der nun zu Ende gehenden Legislatur unter anderem Gesamtschauen über politische Bildung, Sportförderung und Innovationspolitik vorgelegt. Von feiner Ironie zeugt der Berichtstitel «Fünfzig Jahre Stockwerkeigentum – Zeit für eine Gesamtschau».

Nicht zu vergessen sind all die Gesamtschauen, die Politiker erfolglos gefordert haben. Allein: Die Mutter aller Gesamtschauen bleibt natürlich jene zur Agrarpolitik, die mehr Markt vorschlug und so Bauern im ganzen Land zur Weissglut trieb. «Brandgefährlich» sei sie, warnte Bauernpräsident Markus Ritter. Sie könne nur in einer Fabrik entstanden sein, frotzelte ein Innerrhoder Bauer. «Sicher nicht mit der Mistgabel in der Hand.»

Autor

Sven Altermatt

Sven Altermatt

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