agrarpolitik
Stunk ums Güllen: Soll der Schleppschlauch obligatorisch werden?

Bauernverband und Umweltschützer streiten erbittert darüber, wie Landwirte ihre Arbeit machen sollen. Ein Beispiel: der Schleppschlauch.

Maja Briner
Merken
Drucken
Teilen
Mit einem Schleppschlauch wird die Gülle nah am Boden ausgetragen.

Mit einem Schleppschlauch wird die Gülle nah am Boden ausgetragen.

Bild: Boris Bürgisser

Es mag wie eine Posse klingen, aber der Hintergrund ist ernst: Politiker diskutieren darüber, wie Bauern die Gülle auf ihren Feldern ausbringen sollen. Seit über einem Jahrzehnt erhalten diese Geld, wenn sie einen sogenannten Schleppschlauch einsetzen.

Die Gülle wird so näher am Boden verteilt, wodurch weniger umweltschädliche Ammoniakemissionen entstehen. Der Bund hat diese Technik bisher mit 160 Millionen Franken gefördert. Die Bauern erhalten heute maximal viermal pro Jahr 30 Franken pro Hektare, wenn sie mit Schleppschlauch güllen.

Doch der finanzielle Anreiz hat nach Ansicht des Bundesrats ausgedient. Die Zahl der Betriebe, die einen Schleppschlauch einsetzen, stagniert. Agrarminister Guy Parmelin konstatierte im Herbst: Die Beiträge brächten keinen zusätzlichen Fortschritt mehr. Gleichzeitig sind die Ammoniakemissionen laut Bund zu hoch.

Bauern wehren sich gegen Obligatorium

Der Bundesrat setzt daher auf ein Obligatorium: Ab 2022 gilt dieses grundsätzlich für alle Bauern. Ausnahmen gelten etwa für sehr steile Hänge und kleine Parzellen. Der Anteil der Gülle, die mit dem Schleppschlauch ausgebracht wird, soll so von gut 40 auf 70 Prozent steigen.

Ob es so weit kommt, ist jedoch offen: Das Parlament ist drauf und dran, das Obligatorium zu kippen. Eine Motion von Mitte-Ständerat Peter Hegglin ist auf Erfolgskurs: Nach dem Ständerat hat auch die Wirtschaftskommission des Nationalrats zugestimmt.

In dieser setzte der Bauernverband diese Woche gleich in mehreren Fragen seine Interessen durch. «Schwer zu fassen und auszuhalten» sei das, meinte GLP-Präsident Jürg Grossen auf Twitter. Es zeigt sich: Der Graben zwischen ökologischen Kräften und Bauernverband ist tiefer als jedes Gülleloch.

Doch weshalb dieser Widerstand gegen die neue Schleppschlauchregel? Hannah Hofer, Leiterin Energie und Umwelt beim Bauernverband, sagt:

«Ein Obligatorium ist aus mehreren Gründen kontraproduktiv.»

Ein Argument: Weil das System teurer ist, würden Betriebe dieses gemeinsam kaufen und teilen. Dadurch könnten sie aber nicht mehr so gut auf das Wetter Rücksicht nehmen – was grossen Einfluss auf die Emissionen habe. Zudem, so sagt Hofer, würden öfter Lohnunternehmer beauftragt, die oftmals schwerere Maschinen hätten. Das belaste den Boden stärker.

Eine Rolle spielt auch das Geld. Laut Hofer haben hauptsächlich grössere Betriebe auf Schleppschlauch umgestellt. Sie kritisiert, das Obligatorium sei überdurchschnittlich teuer für die kleinen Betriebe und führe nur zu kleinen Reduktionen.

Bei der Umweltschutzorganisation WWF stossen diese Argumente auf wenig Verständnis. Landwirtschaftsexpertin Eva Wyss sagt:

«Was wirklich zu teuer ist, ist Anreizgeld – also Steuergeld – weiter auszugeben, obwohl es gar keinen Effekt mehr hat.»

Die Landwirtschaft habe 13 Jahre Zeit gehabt, sich auf das Obligatorium vorzubereiten. «Dafür wurden über 160 Mio. Franken investiert», sagt Wyss. Und gerade für kleine Betriebe seien ja Ausnahmen vorgesehen. Für den WWF wäre ein Obligatorium dringend nötig. Laut Bund könnten so rund 1500 Tonnen Stickstoff eingespart werden. Das entspricht etwa 1,5 Prozent der Überschüsse.

Initiativen sorgen für Zündstoff

Nach Ansicht des WWF zeigt die Schleppschlauchdiskussion exemplarisch, wie der Bauernverband agiere: Er scheine zwar eine Reduktion der Nährstoffverluste zu unterstützen, gleichzeitig torpediere er aber konkrete Massnahmen, sagt Wyss. Der Bauernverband weist diesen Vorwurf von sich. «Emissionsverminderungen sind wichtig und werden von uns auch unterstützt», so Hofer. «Die Mehrkosten der Betriebe müssen aber finanziert werden können und in einem Verhältnis zu den Verminderungen stehen.»

Der Streit um die Bauern geht derweil in die nächste Runde: Im Juni kommen die Trinkwasser- und die Pestizidinitiative an die Urne, welche die ­Agrarpolitik umpflügen wollen. Der Abstimmungskampf läuft bereits.