So gut wie nie stehen sie im Mittel- punkt: Die meisten Journalistinnen und Journalisten der Schweizerischen Depeschenagentur (SDA) kennt man nicht einmal innerhalb des Medienzirkusses, da sie ihre Artikel – frei jeder Eitelkeit – lediglich mit dem Kürzel der Agentur zeichnen. Am Dienstagnachmittag legen sie auf einmal aber die Arbeit nieder und ziehen mit Transparenten und Trillerpfeifen durch die Stadt Bern. Sie streiken.

Gemeinsam mit Gewerkschaftern, linken Politikern und Kunstschaffenden wie Schriftsteller Alex Capus und Musiker Büne Huber warnen sie vor dem grössten Abbau in der Geschichte des Unternehmens, das seit 1895 Garant ist für die journalistische Grundversorgung aller Landesteile. Nahezu jede Zeitung druckt ihre Nachrichten ab, jedes Onlineportal ist auf den steten News- fluss angewiesen. Im vergangenen Jahr haben die rund 180 SDA-Redaktoren fast 200 000 Meldungen verfasst.

Nun sollen 40 der 150 Vollzeitstellen abgebaut werden. So hat es SDA-Chef Markus Schwab entschieden. Schnell soll es gehen, rasend schnell: In dieser Woche wird jeder Mitarbeiter zu einem Gespräch aufgeboten, in welchem ihm mitgeteilt wird, ob er entlassen oder frühpensioniert wird, das Pensum zu reduzieren hat oder in unveränderter Anstellung weiterarbeiten darf. Entscheidend sind vier Kriterien: Alter, Marktfähigkeit, familiäre Situation und Leistung. Pro Gespräch hat Schwab gerade mal zehn Minuten eingeplant.

Rabatte reissen Loch in die Kasse

Wenige Stunden vor dem unangekündigten Streik empfängt der SDA-CEO die «Nordwestschweiz» gestern Vormittag in seinem Büro in der Berner Länggasse. Der 55-Jährige wirkt freundlich und gelassen. Warum er sein Unternehmen mit harter Hand führt, erklärt er mit Zahlen: «Schon im Jahr 2017 machte die SDA einen Verlust von rund einer Million Franken», sagt Schwab. «Im laufenden Jahr verzeichnen wir nun einen Einnahmenverlust von weiteren 3,1 Millionen Franken.»

Zum einen, weil einige Verlage Teile des SDA-Angebots aus Spargründen nicht weiter abonniert hätten. Etwa die Hälfte des für 2018 zusätzlich budgetierten Verlustes rühre aber auch daher, dass «wir unseren Kunden einen Rabatt von zehn Prozent gewährt haben». Gemäss Recherchen der «Nordwestschweiz» reisst allein dieser Rabatt ein Loch von zwei Millionen Franken in die SDA-Kasse.

Grund für den Rabatt ist schiere Panik – und die war nicht unbegründet: Mehrere Verlage begannen 2016 unter dem Codenamen «Bulgaria», den Aufbau einer alternativen Agentur zu planen (siehe Artikel rechts). So sollte die SDA zu tieferen Tarifen gezwungen werden. Die Rechnung ging auf. Speziell an der Situation ist die Tatsache, dass die Verleger nicht nur die Kunden der SDA, sondern auch deren Besitzer sind. Grösste Aktionäre sind Tamedia, die NZZ-Gruppe und die SRG.

«Ihm geht es nur um die Zahlen»

Kenner der Verhältnisse kritisieren die Rabatte, mit denen die SDA die Verleger bloss kurzfristig habe besänftigen können. So sagt Roderick von Kauffungen, der erst Ausland- und dann Dienstchef der SDA war und schliesslich bis 2008 ihr Verkaufsleiter, die Rabatte seien «ein Verzweiflungsakt, der nicht von strategischem Geschick zeugt». Schwab, mit dem er während seiner letzten fünf Berufsjahre eng zusammengearbeitet hat, sei ein sehr umgänglicher Mensch, aber auch ein knallharter Finanzchef. «Journalistische Argumente haben ihn kaum interessiert. Ihm geht es einzig darum, dass die Zahlen stimmen.»

Seine Analyse sieht von Kauffungen durch den Abgang von Bernard Maissen untermauert. Nach zwölf Jahren als Chefredaktor musste der Bündner die SDA im Herbst Hals über Kopf verlassen, sein Büro durfte er dem Vernehmen nach bloss unter Aufsicht räumen. «Das Zerwürfnis mit Maissen und sein Abgang waren und sind ein untrügliches Zeichen dafür, dass journalistische Kompetenz innerhalb der SDA unwichtiger wird», sagt von Kauffungen. Tatsächlich sitzt seit dem Abgang des langjährigen Chefredaktors kein Journalist mehr in der Geschäftsleitung.

Daran soll sich auch dann nichts ändern, wenn die letztes Jahr angekündigte Fusion der SDA mit der Bildagentur Keystone über die Bühne gegangen ist. Momentan prüft die Wettbewerbskommission das Zusammengehen. Ein Fusionsverbot käme überraschend. Neuer stärkster Aktionär würde rückwirkend per 1.  Januar die österreichische Presseagentur (APA) miteinem Anteil von 30 Prozent. Gerüchteweise pocht vor allem sie auf eine hohe Dividendenausschüttung. Die APA wollte auf Anfrage keine Stellung nehmen.

Drohung gegen Streikwillige

Der Druck auf die SDA nimmt auch vonseiten des Bundes zu. Jährlich überweist er 2,7 Millionen Franken, dafür darf er die Meldungen der Agentur verwenden. Falls die Leistungen der SDA reduziert würden, könne der Bund als Kunde jederzeit seine Zahlungen reduzieren, sagte Vizekanzler André Simonazzi gestern gegenüber SRF.

Nachdem die SDA-Geschäftsleitung gestern von den Streikplänen Wind bekommen hatte, verschickte sie allen Mitarbeitern eine «dienstliche Anweisung». Wer streiken wolle, müsse sicherstellen, dass «der Streik nicht rechtswidrig ist», drohte sie. Der überwiegende Teil der Redaktion liess sich nicht einschüchtern. Einen Basisdienst an Meldungen hielten die Kadermitarbeiter aufrecht. Ihnen hatte Schwab noch im alten Jahr eine Jobgarantie auch für das neue Unternehmen Keystone_SDA ausgesprochen.