Interview

Ärzte-Präsident kritisiert die Gesundheitspläne von Alain Berset: «Das geht in unseren Augen alles zu weit»

Jürg Schlup Präsident der Ärztevereinigung FMH. (Bild: zvg)

Jürg Schlup Präsident der Ärztevereinigung FMH. (Bild: zvg)

Der Bund möchte mit einer Erstberatungsstelle die ausufernden Gesundheitskosten senken. Jürg Schlup, Präsident der Ärztevereinigung FMH, kritisiert die damit geplante Einschränkung der freien Arztwahl.

Eine Erstberatungsstelle und eine nationale Zielvorgabe, um das Kostenwachstum im Gesundheitswesen zu begrenzen: das hat der Bundesrat gestern vorgeschlagen. Die Pläne von SP-Bundesrat Alain Berset stossen bei der Ärztevereinigung FMH auf wenig Gegenliebe. Präsident Jürg Schlup bezweifelt, dass die Massnahmen die gewünschte Wirkung – Einsparungen in Milliardenhöhe – erzielen. Insbesondere die Einführung einer obligatorischen Erstberatungsstelle kritisiert der oberste Schweizer Arzt.

Herr Schlup, der Bundesrat will die steigenden Gesundheitskosten mit einer Erstberatungsstelle dämpfen. Eine gute Idee?

Jürg Schlup: Nein, denn so wird die freie Arztwahl eingeschränkt. Natürlich kann man nun sagen, 70 Prozent der Bevölkerung hätten sich bereits für ein solches Modell entschieden. Doch das ist auf freiwilliger Basis geschehen. Jetzt reden wir von einem Zwang. Der rasche, ungehinderte Zugang zum Arzt der eigenen Wahl wäre erschwert. Bisher haben wir das hierzulande hochgehalten. Jetzt will der Bundesrat dies für Grundversicherte einschränken. Da sind wir dagegen.

Der Bundesrat begründet den Schritt damit, dass er hunderte Millionen Einsparungen bringen könnte.

Könnte, ja. Der Konjunktiv ist wichtig. Einen so weitgehenden Eingriff auf einer so vagen Datenbasis einführen zu wollen, ist unverhältnismässig. Kommt dazu, dass man laut dem Gesetzesentwurf seine Erstberatungsstelle nur unter gewissen Voraussetzungen wechseln darf. Das geht in unseren Augen alles zu weit.

Wollen die Ärzte nicht einfach das alte, für sie einträgliche System verteidigen?

Freiwillig schränkt unsere Bevölkerung die Arztwahl heute grossmehrheitlich ein. Dass eine obligatorische Einschränkung noch mehr einsparen würde, bezweifle ich.

Daneben will der Bundesrat ein nationales Gesamtkostenziel einführen.

Auch das ist der falsche Weg. Ich verweise auf Deutschland. Dort sind grundversicherte Patienten mit Wartezeiten konfrontiert, weil die Kostenziele gedeckelt sind. Was machen die Spitäler im Herbst? Sie verschieben den Termin in den Januar, wo wieder Budget frei ist. Zudem führen Kostenziele zu Zusatzkosten, denn deren Einhaltung muss überwacht und sanktioniert werden.

Sie haben nun nicht mit Kritik an den Vorschlägen des Bundesrats gegeizt. Wie würden sie denn sparen?

Wir kämpfen für die Einführung der einheitlichen Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen, denn dadurch werden die Prämienzahler entlastet. Dann muss die administrative Belastung der Ärzte sinken. Innert zehn Jahren 30 Minuten mehr Büroarbeit jeden Tag: das kostet. Und nimmt weiter zu. Auch eine überkantonale Spitalplanung fordern wir schon lange. Sie hätte ebenfalls kostendämpfende Wirkung. Hier sind die Kantone gefordert.

Meistgesehen

Artboard 1