Medizin

Ärzte kauften angebliches Corona-Wundermittel zum Eigengebrauch – so deckten Kantonsärzte Privatbestellungen auf

Gemäss bisher unveröffentlichten Zahlen des Apothekerverbands Pharmasuisse verdoppelte sich die bestellte Menge von Hydroxy­chloroquin-Präparaten diesen März von durchschnittlich 10'000 auf knapp 20'000. (Symbolbild)

Gemäss bisher unveröffentlichten Zahlen des Apothekerverbands Pharmasuisse verdoppelte sich die bestellte Menge von Hydroxy­chloroquin-Präparaten diesen März von durchschnittlich 10'000 auf knapp 20'000. (Symbolbild)

Wie Mediziner zu Beginn der Coronapandemie den Engpass eines wichtigen Rheumamedikaments in der Schweiz mitverursachten.

Konservendosen, Toilettenpapier und Seife. Als die Coronapandemie Ende Februar die Schweiz erreichte, verzeichneten viele Detailhändler einen plötzlichen Anstieg der Nachfrage nach diesen Produkten. Getrieben von der Angst vor Versorgungsengpässen deckten sich die Menschen mit allem ein, was irgendwie notwendig erschien. In Inseraten rief der Detailhandel die Bevölkerung zur Vernunft auf: «Hamsterkäufe sind absolut unnötig.»

Jetzt zeigt sich, dass in den Anfangszeiten der Pandemie auch Vertreter einer Berufsgruppe Hamsterkäufe tätigten, von der man dies nicht erwartet hätte: die Ärzte. Sie kauften gemäss der Kantonsapothekervereinigung allerdings keine Pelati-Büchsen, sondern bestellten ein Arzneimittel, das in der Schweiz im Normalfall zur Behandlung von Patienten mit rheumatischen Krankheiten eingesetzt wird.

Es heisst Hydroxychloroquin, ursprünglich entwickelt als Mittel gegen Malaria, und wurde seit März als mögliches Wundermittel gegen Covid-19 gehandelt. US-Präsident Donald Trump sprach in den höchsten Tönen davon, in wissenschaftlichen Publikationen erschienen aus heutiger Sicht zweifelhafte Studien über die angebliche Wirksamkeit. Die Nachfrage nach den Präparaten schoss in die Höhe. Spitäler begannen damit, das Mittel experimentell an schwerkranken Coronapatienten zu testen.

Und Schweizer Ärzte bestellten es mutmasslich für sich und ihre Familien, um im Fall der Fälle gewappnet zu sein – obwohl die Behörden und Fachspezialisten den Einsatz der Präparate nur im Rahmen von Wirksamkeitsstudien in Universitätsspitälern und anderen grossen Spitälern empfahlen.

Das BAG musste intervenieren

Samuel Steiner, Präsident der Kantonsapothekervereinigung, sagt, Patienten mit chronischen Krankheiten seien zwischenzeitlich nicht mehr an die Medikamente gekommen, während einige Ärzte es «offenbar zum Eigengebrauch» bezogen hätten: So hätten nach dem Beginn des Engpasses diverse Kantone von Ärzten und Apotheken bei Hydroxychloroquin-Bestellungen einen Patientennamen sowie die Angabe einer Krankheit verlangt. «Sehr oft erhielten wir dann keine Rückmeldung mehr.» Der Engpass habe etwa zwei bis vier Wochen gedauert.

Völlig überrascht war der Berner Kantonsapotheker Steiner nicht von der Entwicklung. Bestellungen auf Vorrat zum Eigengebrauch habe es schon vor einem Jahrzehnt bei der H1N1-Pandemie gegeben, damals sei das Grippemedikament Tamiflu im Fokus gestanden.

Gemäss bisher unveröffentlichten Zahlen des Apothekerverbands Pharmasuisse verdoppelte sich die bestellte Menge von Hydroxy­chloroquin-Präparaten diesen März von durchschnittlich 10'000 auf knapp 20'000. Zeitgleich stellten auch US-Behörden in mehreren Bundesstaaten besorgt fest, dass Ärzte Hydroxychloroquin im grossen Stil für sich und ihre Familien bezogen.

Einer, der die Entwicklung in der Schweiz genau verfolgte, ist der Pharmasuisse-Vizepräsident Enea Martinelli. Der Spitalapotheker hat laut eigenen Angaben von verschiedenen Seiten gehört, dass zu Beginn der Pandemie namentlich Hausärzte das Arzneimittel aus prophylaktischen Gründen gekauft haben. «Das ist nicht verboten, hat in diesem Fall aber einen Engpass provoziert.» Martinelli bemühte sich im März mit dem Verband Intergenerika und dem Universitätsspital Basel, die Versorgungslage im Land zu verbessern.

Schliesslich musste sogar das Bundesamt für Gesundheit eingreifen, wie Recherchen zeigen. In einem geharnischten Schreiben vom 9. April appellierte die Behörde an Schweizer Ärzte und Apotheker, davon abzusehen, die Hydroxychloroquin-Präparate der Anbieter Sanofi und Helvepharm für Patientinnen und Patienten ausserhalb der zugelassenen ­Indikationen zu verschreiben.

Das Amt führte eine landesweite Formularpflicht ein. Nur Bestellungen, denen das ausgefüllte Formular beiliege, dürften von den Grossisten oder Herstellern abgewickelt werden, betonte das BAG. Gegenüber CH Media hält die Behörde fest, es habe sich um «einen Appell an die Vernunft der Beteiligten» gehandelt.

Ärzteverbände haben keine Kenntnis von Privatkäufen

Was sagen die Ärztegesellschaften zu den Hydroxychloroquin-Privatbestellungen einzelner Mitglieder?

Der Ärzteverband FMH gibt an, keine Kenntnis davon zu haben. Philippe Luchsinger, Präsident von Haus- und Kinderärzte Schweiz, liegen ebenfalls keine Informationen dazu vor. Luchsinger betont jedoch, gerade der Einsatz von Medikamenten in der Behandlung von Covid-19 dürfe nur unter der Anwendung wissenschaftlicher Kriterien und in Zusammenarbeit mit Fachleuten durchgeführt werden. Entsprechend mache es für Hausärzte «absolut keinen Sinn», Hydroxychloroquin im Zusammenhang mit der Pandemie zu bestellen.

Inzwischen stellen neue Studien die Wirksamkeit des angeblichen Wundermittels bei Covid-19 ganz infrage. Die US-Arzneimittelbehörde FDA warnt sogar vor dem breiten Einsatz der Präparate zur Behandlung von Coronapatienten. Es gebe vermehrt Berichte über Betroffene, die nach der Verabreichung als Nebenwirkung schwere Herzrhythmusstörungen entwickelten. Die Nachfrage ist zurückgegangen. Und Rheumapatienten haben in der Schweiz wieder Zugang zu ihren Medikamenten.

Meistgesehen

Artboard 1