Arthur Schneider wählt seine Worte mit Bedacht. Nicht zum ersten Mal gibt der Würenlinger Alt Gemeindeammann den Medien Auskunft, nicht zum ersten Mal geht es um den Absturz der Swissair vom 21. Februar 1970. Der Fall begleitet ihn seit 46 Jahren. Seit jenem Samstag, als kurz nach dem Mittag 47 Menschen im Würenlinger Unterwald den Tod fanden. Schneider war einer der Ersten am Absturzort. Eigentlich wollte er helfen. Zu helfen gab es aber nichts mehr. Nur noch einzusammeln. Trümmer. Effekten. Leichenteile.

Flugzeugabsturz Würenlingen: Er erlebte ihn hautnah

Danach sammelte Schneider weiter. Jahrelang hat er, der das Gedächtnis eines Elefanten und die Akribie eines Archivars hat, jedes je publizierte Schriftstück zum Flugzeugabsturz aufbewahrt. Im vergangenen November erst veröffentlichte er seine Sammlung in Buchform. «Goodbye Everybody» heisst das Werk, benannt nach den letzten Worten des Co-Piloten Armand Etienne.

Flugzeugabsturz Würenlingen: von damals bis heute

«Es ist schon seltsam», sagt Schneider nun, «gerade am Dienstagabend habe ich neun Exemplare des Buchs zur Post gebracht. Sieben gingen an die amtierenden Bundesräte, je eins an den Bundeskanzler und an den Bundesanwalt. Dazu ein Begleitbrief mit der Bitte, doch endlich Licht ins Dunkel zu bringen. Und am Mittwochmorgen lese ich diesen NZZ-Artikel.» Schneider ist zufrieden, dass endlich, endlich etwas in Bewegung gerät. Sonderlich überrascht ist der Chronist jedoch nicht. Immer habe er gewusst, dass es da «Abmachungen gegeben haben musste, die nicht an die Öffentlichkeit gelangen durften».

Neues Buch, brisante Enthüllungen

Vor gut einem Jahr, anlässlich des 45-Jahr-Gedenktages, sagte er gegenüber der «Nordwestschweiz»: «Die Bundesbehörden haben sich miserabel verhalten. Die ermittelnde Staatsanwaltschaft Bülach hat einen Top-Job gemacht, den Bericht bei der Bundesanwaltschaft eingereicht – und dann geschah nichts mehr, der Fall wurde zum Rohrkrepierer.» 2000 habe die Bundesanwaltschaft das Verfahren still und heimlich eingestellt, ohne dass die Hinterbliebenen der Opfer informiert wurden.

«Dabei kann man ja eben nicht sagen, man habe die Täter nicht erwischt – man wusste ja, wer es war! Heute müssten die Bundesbehörden doch das Füdli haben, um zu sagen, warum man damals nicht weiter ermittelt hat.» Vermutlich habe die Schweiz Angst vor weiteren Anschlägen gehabt oder sei erpresst worden. «Dafür könnte man ja sogar Verständnis aufbringen. Aber einfach nichts sagen, und noch heute ein Geheimnis darum machen? Das ist nicht sauber.»

Schneider hat sein Buch publiziert, weil er nie akzeptieren wollte, dass die Ermittlungen eingestellt wurden, nachdem der Fall praktisch aufgeklärt war. Ganz hinten, auf Seite 443, hat er «10 Klagen und Fragen» formuliert. Nummer 1: «Die Eidgenossenschaft hat mit ihrem Verhalten kläglich versagt und den Attentätern den Rücken gestärkt». Nummer 6: «Die Glaubwürdigkeit der Eidgenossenschaft ist in arge Schieflage geraten.» Nummer 9: «Mutige Entscheide und offene Kommunikation für die Angehörigen und die Öffentlichkeit würden die Anklagen aufheben».

«Diese Chance haben sie nun», sagt Schneider. «Die Bundesräte müssen die Altlasten ihrer Vorgänger beseitigen.» Jetzt, da «der Stein zünftig ins Rollen gekommen ist», brauche es Zweierlei: «Eine Entschuldigung an die Angehörigen, das ist eine Frage des Anstandes. Und dann eine Erklärung, weshalb die Behörden so gehandelt haben.» Vorab empfindet Schneider Genugtuung: «Es zeigt, dass man zu einem Ergebnis kommt, wenn man um etwas kämpft.» Aber die Tragik bleibe: «Ich hoffe sehr, dass die Angehörigen der Opfer jetzt Klarheit und Erlösung bekommen.»

Flugzeugabsturz in Würenlingen: "Goodbye Everybody"

«Goodbye Everybody»

So verabschiedete sich der Pilot von den Passagieren.