Interview

3000 wollen freiwillig in den Ernstfall-Einsatz: «Wir wurden fast etwas überrumpelt», sagt der Armeechef

Erst seit knapp drei Monaten im Amt - und jetzt schon ein Ernstfall-Einsatz: Armeechef Thomas Süssli.

Erst seit knapp drei Monaten im Amt - und jetzt schon ein Ernstfall-Einsatz: Armeechef Thomas Süssli.

Armeechef Thomas Süssli spricht im Interview mit CH Media über die grösste Mobilmachung seit dem Zweiten Weltkrieg, die Reaktion der Bevölkerung - und er sagt, warum Corona-Dienstleistende für längere Zeit keinen Urlaub bekommen.

Wenn Ihnen an Ihrem ersten Arbeitstag, dem 1. Januar 2020, jemand gesagt hätte, dass Sie schon bald die grösste Mobilmachung seit dem Zweiten Weltkrieg verantworten werden: Was hätten Sie geantwortet?

Thomas Süssli: Ich hätte geantwortet, dass dies sehr unwahrscheinlich sei und die politische Stufe eine Mobilmachung nur bei sehr gravierenden Ereignissen auslösen würde. Ein solches war damals noch nicht absehbar. Allerdings wusste ich, dass die Armee die Mobilmachung seit mehreren Jahren wieder trainiert und wir darauf vertrauen können, dass diese bei Bedarf auch funktionieren würde.

Wann wurde Ihnen klar, dass die Corona-Krise auch für Armee zu einem Ernstfall werden könnte?

Persönlich wurde es mir erst so richtig bewusst, als in Norditalien die Anzahl Infektionen stark anstieg und die ersten Fälle in der Schweiz bekannt wurden. Unser Oberfeldarzt hat schon sehr früh auf mögliche Entwicklungen aufmerksam gemacht.

Coronavirus: Zivilschützer leisten Einsatz "von neuer Dimension" (26.3.2020)

Christoph Flury, Vizedirektor des Bundesamts für Bevölkerungsschutz, an der Medieninfo des Bundes Donnerstag: Zivilschützer leisten Einsatz "von neuer Dimension" (26.3.2020)

  

Bei Ihrer Wahl zum Armeechef hiess es, dass unter anderem Ihre Erfahrungen in der Bekämpfung der Cyber-Bedrohung Kriminalität ausschlaggebend waren. Nun sind Sie aber mit einer uralten Bedrohung konfrontiert: Einem Virus, das nicht die Infrastruktur, sondern die Gesundheit der Menschen angreift.

Die Armee antizipiert und beurteilt laufend mögliche Bedrohungen und Gefahren um daraus die notwendigen Fähigkeiten abzuleiten, um eben bei Bedarf helfen, schützen oder notfalls Gewalt abwehren zu können. Das Risiko von Pandemien ist aus verschiedenen Gründen in den letzten Jahren gestiegen. Dazu trägt die Urbanisierung bei, also der Umstand, dass Menschen vermehrt auf engerem Raum in Grossstädten leben, sowie die zunehmende Mobilität. Experten sagen, dass es nicht die Frage ist, ob es wieder eine Epidemie geben wird, sondern wann. Auch aus diesen Überlegungen heraus hat die Armee vor wenigen Jahren die Bestände der Spitalbataillone erhöht und diese konsequent auf die Unterstützung ziviler Spitäler ausgerichtet.

Verfügen die Soldaten über das nötige Knowhow?

Ja, denn die Spitalbataillone haben in den letzten Jahren in jedem Wiederholungskurs die Zusammenarbeit mit zivilen Spitälern trainiert. Das Feedback der Spitäler war ausnahmslos positiv. Das schönste Kompliment kam von einem Spitaldirektor, der am Ende des WKs der Truppe sagte, er würde diese ohne Zweifel rufen, wenn er Bedarf hätte. Das hat er übrigens nun auch getan.

Was ist die vordringliche Aufgabe der Soldaten?

Wir unterscheiden zwischen den Aufgaben im Gesundheitswesen und der Unterstützung von Polizei und Grenzwachtkorps bei Schutzaufgaben. In den Spitälern geht es darum, das zivile Fachpersonal zu entlasten. Dafür verfügen die Spitalsoldaten über eine im Militär erworbene, zivil anerkannte Ausbildung in der Grundpflege (den Pflegehelferausweis SRK). Wichtig zu verstehen ist, dass 90 Prozent der militärischen Pfleger im zivilen Beruf nicht im Gesundheitswesen arbeiten, also ein echter Mehrwert sind, da ihre Abwesenheit vom Arbeitsplatz das zivile Gesundheitswesen nicht belastet. Das Grenzwachtkorps wird direkt mit qualifiziertem Personal, wie den Militärpolizisten, sowie bei Kontroll- und Routineaufgaben entlastet. Die Polizei wird ebenfalls durch die Übernahme von rückwärtigen Aufgaben, wie dem Botschaftsschutz, entlastet.

Vorgesehen sind maximal 8000 Armeeangehörige. Reicht das? Oder wird es am Ende mehr brauchen? Wären überhaupt mehr mobilisierbar?

Als wir vor rund zwei Wochen mögliche Einsätze planten, haben wir einerseits unsere Kapazität, andererseits den erwarteten Bedarf der zivilen Gesuchsteller berücksichtigt. Nach heutiger Beurteilung werden die maximal 8000 Armeeangehörigen für die vorhersehbaren Aufgaben genügen. Basierend auf einem neuen Bundesratsbeschluss könnten bei zusätzlichen Gesuchen natürlich innert weniger Tage auch weitere Armeeangehörige aufgeboten werden.

Mobilisierung in Ambri (17.3.2020)

Mobilisierung in Ambri (17.3.2020)

Wie viele Kantone haben die Unterstützung der Armee bislang beantragt?

Es liegen aktuell bewilligte Gesuche aus 19 Kantonen vor. Neue Gesuche aus weiteren Kantonen werden folgen.

Es hiess, der Assistenzdienst der Armee sei bis Ende Juni geplant. Allerdings wird dann die Corona-Welle kaum schon abgeklungen sein. Rechnen Sie mit einem längeren Einsatz?

Die Annahmen, welche zu einem möglichen Ende per Juni geführt haben, stimmen aus heutiger Sicht noch. Unabhängig vom Ende des Einsatzes setzen wir die Truppen so ein, dass wir lange durchhalten könnten.

Wie erleben Sie die Soldaten in den ersten Tagen? Kaum jemand hat wohl noch vor kurzem damit gerechnet, für den Ernstfall aufgeboten zu werden.

Ich bin persönlich berührt und begeistert von unserer Miliz, welche ja schliesslich Bürgerinnen und Bürger in Uniform sind. Ich konnte viele Gespräche mit Soldaten während der Mobilmachung sowie jetzt auch bei den Einsätzen führen. Es ist ein grosser Wille spürbar: zu zeigen was man kann und vor allem unserer Bevölkerung zu helfen. Es ist umgekehrt schwierig, diejenigen die Aufgeboten aber noch nicht im Einsatz sind, geduldig zu halten.

Die Dienstleistenden dürfen über das Wochenende nicht nach Hause. Wie lange ist ein Dienst am Stück zumutbar?

Wir rechnen damit, dass der Bedarf an unseren Leistungen in den nächsten Tagen zunehmen und jede helfende Hand gebraucht wird. Deshalb haben wir die Truppe informiert, dass es mindestens in den nächsten drei Wochen keinen Wochenendurlaub gibt. Das wurde mehrheitlich sehr gut verstanden und akzeptiert. Wir werden laufend die Lage beurteilen und möchten später über die Zeit verteilt gestaffelte Urlaube ermöglichen.

Wie erleben Sie und die Armeeangehörigen den Kontakt mit der Bevölkerung?

Die Armeeangehörigen im Einsatz erfahren sehr viel direkte Dankbarkeit aus den Spitälern die sie unterstützen sowie von der Bevölkerung direkt. Dies zeigen auch die vielen Dankesbekundungen und Bilder in den sozialen Medien. Beinahe etwas überrumpelt, auf positive Art, haben uns die vielen Freiwilligen die gerne Dienst bei uns leisten möchten. Es kamen gegen 3000 Anfragen und viele Freiwillige stehen bereits im Einsatz.

Der Goodwill könnte schnell verspielt sein, wenn Dinge schieflaufen. Wie gut ausgebildet für solche Fälle sind die Soldaten wirklich, etwa im Umgang mit Beatmungsgeräten?

Die Spitalsoldaten verfügen über eine Pflegeausbildung, die zivil anerkannt ist. Mit dieser können sie die das Personal in Spitälern von der Grundpflege und Routineaufgaben entlasten. Auch die Überwachung von Patienten ist vorgesehen. Wir haben gleich nach Einrücken diese Ausbildung wieder aufgefrischt. Die konkreten Aufgaben sind jedoch je nach Spital oder sogar Abteilung unterschiedlich und die Ausbildung erfolgt gleich vor Ort. Dies ist sogar notwendig, weil verschiedene Versionen von Geräten im Einsatz sind.

Wird der Corona-Einsatz politische Folgen haben? Momentan unterstützen sogar armeefeindliche Linke den Einsatz. Glauben Sie, das wird nachhaltige Folgen haben?

Der Auftrag der Armee war und ist immer derselbe. Wir helfen, wir schützen und falls notwendig kämpfen wir auch für unser Land und die Bevölkerung. Wir drängen uns damit nicht auf, aber wenn es uns braucht, müssen wir bereit sein. Jetzt können wir dies unter Beweis stellen. Eine Folge könnte sein, dass uns allen wieder bewusster wird, dass die Armee die Sicherheitsreserve der Schweiz ist.

Zurzeit kontrolliert die Polizei, ob die Bevölkerung die Notstandsregeln - Abstand 2 Meter, keine Gruppen über 5 Personen - einhält. Wäre bei Bedarf auch die Armee dafür einsetzbar?

Den konkreten Leistungsbedarf bestimmen die Kantone und zivilen Institutionen in Gesuchen. Bisher haben wir noch kein Gesuch für eine solche Leistung erhalten. Persönlich gehe ich davon aus, dass wir im Hintergrund die Polizei von Aufgaben entlasten damit sie sich auf Kernaufgaben konzentrieren kann.

Der Oberfeldarzt der Armee betrachtet «enge Zwangsgemeinschaften», wie sie in den Schweizer Kasernen vorherrschen, als Risikofaktor für eine Sars-CoV-2-Infektion. Was tut die Armee, um Ansteckungen zu vermeiden?

Einfach ist das nicht: Die Armee verzeichnet in den eigenen Reihen jeweils dreimal so viele Fälle der saisonalen Grippe wie im Rest der Bevölkerung. Armeeangehörige, die Corona hatten und wieder gesund sind, sind danach immun. Wie soll dieser Vorteil genutzt werden? Längere Einsätze? Der Oberfeldarzt hat im Einklang mit dem BAG klare Verhaltens- und Hygienevorschriften erlassen. Diese haben wir angeordnet, überprüfen sie und setzen sie auch durch.

Das gelingt Ihnen nicht überall, nicht alle halten die Regeln ein.

Es ist uns selbstkritisch bewusst, dass es teilweise andere Bilder gibt. Wir beobachten jedoch zunehmend Verständnis und Akzeptanz bei der Truppe für die Massnahmen. Aktuell sind in der Armee etwas über 100 positiv auf das Coronavirus getestete Fälle bekannt, bei rund 15000 Armeeangehörigen im Dienst, inklusive Rekrutenschulen. Diese Zahl liegt tatsächlich etwas höher als im Durchschnitt der Bevölkerung.

Gab es auch schwere Fälle?

Schwere Fälle hatten wir zum Glück noch keine und es scheint, dass die Symptome bei der jüngeren Altersgruppe eher mild sind. Wir verfügen bei Verdacht oder positiven Tests grosszügig Quarantäne, die betroffene Truppe kann dann weiter ausgebildet werden. Dabei tragen die Armeeangehörigen Schutzmasken, wo sie in Gruppen arbeiten oder der Abstand nicht eingehalten werden kann. Wir vermeiden für die Truppe unter Quarantäne jedoch den Kontakt mit der Bevölkerung. Tatsächlich verfügen wir nun über erste Armeeangehörige, die nach einer Ansteckung wieder gesund und immun sind. Es ist zur Zeit jedoch noch kein spezieller Einsatz geplant, nach Abschluss der Quarantäne stehen sie wieder normal im Einsatz.

Nochmals zurück zum Goodwill: Glauben Sie, dass die Stimmbürger nun mehr Verständnis haben für neue Kampfjets als beim Gripen, wenn sie nun im September über die Beschaffung abstimmen?

Die Wahrnehmung der Armee als letzte Sicherheitsreserve der Schweiz für eine Vielzahl von Bedrohungen und Gefahren, nicht nur Pandemien, dürfte sich erhöht haben. Um bei Krisen, Katastrophen oder Konflikten eben helfen, schützen oder wenn nötig verteidigen zu können, müssen wir unsere Armeeangehörigen, es sind in unserer Milizarmee ja Bürger in Uniform, zweckmässig und richtig ausrüsten. Dazu gehören genau so Mittel am Boden, im Cyberraum und in der Luft.

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