Täterbetreuung

29000 Franken im Monat für jungen Straftäter: Es geht auch noch teurer

Der 17-jährige Carlos kostet Staat im Monat 29000 Franken.

Der 17-jährige Carlos kostet Staat im Monat 29000 Franken.

Die Resozialisierungsmassnahmen eines 17-jährigen Zürchers mit jahrelanger krimineller Vergangenheit kosten 29000 Franken monatlich. Jugendanwälte aus verschiedenen Kantonen bezeichnen den Betrag als «sehr hoch».

Die Sendung «Reporter» des Schweizer Fernsehens SRF machte den Fall «Carlos» publik: Der 17-jährige Zürcher, der seit seinem 11. Altersjahr straffällig ist und zuletzt einen Gleichaltrigen mit einem Messer fast getötet hatte, ist nicht etwa in einer Strafanstalt eingesperrt, sondern bekommt eine regelrechte Sonderbehandlung. Er wohnt mit einer Sozialarbeiterin in einer Viereinhalb-Zimmer-Wohnung, bekommt Privatunterricht und besucht intensiv Thaibox-Kurse. Insgesamt kümmern sich zehn Personen um den jungen Mann. Die Kosten: 29000 Franken im Monat.

Während in den Onlineforen empörte Kommentare vorherrschen, versucht die Jugendanwaltschaft des Kantons Zürich die Wogen zu glätten. Der Leitende Oberjugendanwalt Marcel Riesen-Kupper sagte gegenüber 20 Minuten online: «Er wurde mehrmals über Monate in geschlossenen Institutionen, vom Jugendgefängnis bis zur geschlossenen psychiatrischen Klinik, untergebracht, ohne dass sich damit etwas gebessert hätte. Die Jugendanwaltschaft und die involvierten Stellen waren mit ihrem Latein am Ende, es herrschte eine gewisse Ohnmacht. In solchen Fällen ist es manchmal notwendig, nach neuen Wegen zu suchen.»

Diese Haltung teilt Jugendanwältin Verena Schmid aus dem Kanton Basel-Stadt: «Es gibt viele verschiedene Konzepte von Einrichtungen für jugendliche Straftäter. Es gibt aber auch Jugendliche, für die all diese Konzepte nicht passen. Dann kann es sinnvoll sein, ein eigenes Setting wie in Zürich aufzubauen», sagt sie auf Anfrage der «Nordwestschweiz».

Bis zu 40000 Franken für Unterbringung in der «Psychi»

Sind aber die 29000 Franken gerechtfertigt? «Es ist schon ein sehr hoher Betrag. Allerdings: Diese Preise sind hoch. Auch ein Gefängnis kostet viel.» Wie der «Tages-Anzeiger» berichtet, kostet ein Platz im St. Galler Jugendgefängnis Platanenhof mehr als 24000 Franken im Monat, im Massnahmenzentrum Uitikon (ZH) sind es bis zu 17000 Franken.

Bei straffälligen Jugendlichen, die man als gefährlich einschätzt, sei etwa die Unterbringung in der Jugendforensik denkbar, sagt Jugendanwältin Schmid. In Basel ist dies in einer Abteilung der Universitären Psychiatrischen Klinik möglich. Kostenpunkt: Bis zu 40000 Franken im Monat.

«Bei teuren Settings wird immer der Nutzen mit den Kosten abgewogen», sagt Verena Schmid. «Es muss also gefragt werden, wie hoch die Gefahr wäre, dass der Jugendliche ohne Behandlung oder ohne das geplante Setting schwere Delikte mit hohen Folgekosten verübt. Je höher diese Gefahr ist, umso gerechtfertigter sind teure und/oder für den Jugendlichen auch einschneidende Interventionen.» Dabei gelte es zu beachten, dass gerade die ins Auge gefasste Behandlung oder Intervention Gewähr bieten könne, diese Rückfallgefahr langfristig zu vermindern.

Barbara Altermatt, Leitende Jugendanwältin des Kantons Solothurn, hält gegenüber der «Nordwestschweiz» fest, man suche in jedem Fall nach der besten, aber auch günstigsten Lösung. Individuelle Angebote seien auch im Kanton Solothurn denkbar. «So sind schnell einmal mehrere Personen involviert – aber kaum in Dimensionen, wie sie im Zürcher Fall gezeigt worden sind», sagt Altermatt. Die Zürcher «Dimensionen» werfen auch im Aargau Fragen auf: «Ohne den Fall im Detail zu kennen wirkt die Zahl von 29000 Franken abstrakt gesehen sehr hoch. So viel kostet in der Regel eine Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt», sagt Beatriz Gil, stellvertretende Leiterin der Jugendanwaltschaft des Kantons Aargau. Ein gewisses Staunen über die «neuen Wege» der Zürcher Jugendanwaltschaft ist hörbar, wenn Gil sagt: «Im Sinn der öffentlichen Sicherheit werden Jugendliche mit sehr schweren Delikten in der Regel geschlossen untergebracht.»

Jugendliche dürfen nicht einfach weggesperrt werden

Gemäss Jugendstrafgesetz dürfen Jugendliche nicht einfach weggesperrt werden. Artikel 27 hält fest, dass jugendliche Straftäter eine gewisse erzieherische Betreuung erhalten sollen, die sie auf die soziale Eingliederung vorbereitet. Jugendanwältin Schmid aus dem Kanton Basel-Stadt verweist auf das Ausland: «Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass junge Menschen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit rückfällig werden, wenn sie in der Strafanstalt keine erzieherische Betreuung hatten. Erneute Gefängnisaufenthalte oder gar eine Verwahrung sind volkswirtschaftlich ebenfalls sehr teuer. Ein junger Mensch hat ja noch viele Lebensjahre vor sich.»

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