Die Schweiz als pünktlichstes Land der Welt – das sei nicht bloss ein Klischee. «Wenn man sich mehr als fünf Minuten verspätet, sollte man dies telefonisch mitteilen.» So wird es dem Neuankömmling in gewissen Kantonen von Amtes wegen ans Herz gelegt als «Information für einen guten Start am neuen Wohnort».

Vom Schweiz-Bild solcher kultureller Ratgeber hat sich der Schweizer Alltag jedoch zuletzt weit entfernt, zum Beispiel im nationalen Strassenverkehr. Auf der Autobahn 1 zwischen Zürich und Bern etwa geht es längst nicht mehr um ein paar wenige Minuten, sondern um eine Stunde. In dieser zeitlichen Kategorie muss der Autofahrer mittlerweile denken auf der A1, der mit Abstand am meisten befahrenen Nationalstrasse der Schweiz.

Diese neue Schweizer Realität fern aller Pünktlichkeit beklagte kürzlich selbst der Direktor des Bundesamts für Strassen (Astra) im Interview mit der «Neuen Zürcher Zeitung» (NZZ). «Ärgerlich ist, dass Sie nicht mehr wissen, ob Sie von Zürich nach Bern 70 Minuten brauchen oder zweieinhalb Stunden.» Auf der Strasse sei diese Verlässlichkeit verloren gegangen, was eigentlich eine Zumutung sei, so der Direktor.

Immerhin glaubt der Astra-Direktor zu wissen, dass sich die Pünktlichkeit zurückholen lässt. Wobei die Schweiz damit teilweise bauliches Neuland betreten würde. Im Limmattal zwischen Zürich und Brugg AG könnte auf die A1 noch eine Etage oben drauf gesetzt werden, die A1 würde also künftig doppelstöckig geführt. Unten ginge dann der Verkehr von Zürich nach Bern durch, oben der Gegenverkehr – oder umgekehrt.

Doch das Astra hat auch Mittel, die weniger drastisch wären für das Landschaftsbild. Neue Tunnel gehören zum Beispiel dazu. Oder zu Stosszeiten die Tempoobergrenze auf 80 Stundenkilometer zu senken, weil der Verkehr so deutlich flüssiger wird: Die Abstände von Auto zu Auto werden geringer, es gibt weniger Unfälle. Auf 400 Kilometern kann bereits auf Tempo 80 umgeschaltet werden, weitere 800 Kilometer sollen folgen.

So wird bekämpft, was hinter der verlorenen Pünktlichkeit steht: die Überbelastung. Der Verkehr hat sich verdoppelt seit 1990. Die Staustunden nahmen gar noch schneller zu: auf der A1 in den letzten neun Jahren um den Faktor 2,5. Gemäss den offiziellen Prognosen wird es bis 2040 in diesem Stile weitergehen. Es werden jährlich nochmals 25 mehr Kilometer gefahren. Auf den am stärksten befahrenen 160 Kilometern würde der Verkehr dann täglich zwei bis vier Stunden stocken oder ganz still stehen.

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