Es gilt, diese Fakten kurz festzuhalten. Das Wesentliche aber ist: Vera Diener, 21 Jahre alt, geboren in Albligen, einem Weiler am Rand des Berner Mittellands, Wochenaufenthalterin in Bern, Floristin von Beruf, und JUSO-Politikerin aus Überzeugung, übernimmt bald ein Amt, das eigentlich für Menschen jenseits des Frischhaltedatums reserviert ist. Gemeinderätin in Schwarzenburg. 7 Exekutivpolitiker für 7000 Einwohner.

Während man in einigen Gemeinden aus Personalnot Leute mit vorgehaltener Pistole in die Amtsstuben schieben muss, zeigt sich Diener vorbehaltlos erfreut. Am 1. Januar rückt sie für den zurücktretenden SP-Parteikollegen Alexander Meucelin nach.

Schwarzenburg. Berner Mittelland, 7000 Einwohner, Postkartenidylle.

Schwarzenburg. Berner Mittelland, 7000 Einwohner, Postkartenidylle.

Man trifft Vera Diener am Bahnhof Schwarzenburg, wo sie ziemlich ausgestreckt auf einer Bank liegt und mit ihrem Handy beschäftigt ist. Händedruck, Begrüssung, kurzes Plaudern über Mofas (sie fuhr Puch Maxi, bis es ihr geklaut wurde, dann Ciao), und heiteres Lamentieren über die schlechte Verkehrsanbindung (den Führerschein hat sie nicht), Rituale des Dorflebens halt.

Lustigerweise wählt sie dann ein Café aus, das man eher der Birkenstock-Generation aus den 80er zurechnen würde; hier wird wohlriechendes Teekraut in bunten Riesentassen gereicht, und wer sich die steile Treppe zur vermeintlichen Toilette hinunterhangelt, findet sich plötzlich zwischen getrockneten Mandeln und magenschonendem Joghurt wieder. Kaffee für den Reporter, Tee für die Politikerin. Diener also, ihr Sidecut hat es ja schon in die Medien geschafft, die blauen Haare sowieso, und ihre sexuelle Ausrichtung auch (bisexuell, aber im Moment für die Medien und die Öffentlichkeit nicht so interessant, da sie einen Freund hat). Man muss ziemlich genau hinhören, wenn Diener spricht. Sie redet manchmal so leise, dass die Schlagertruppe im Radio immer wieder mal die Pauke auf ihre Wörter herunterfallen lässt – hat sie jetzt Solidarität oder Postmodernität gesagt? Man weiss nicht so genau, ob sie das sottovoce aus Vorsicht auf lokale Befindlichkeiten einstudiert hat, oder ob es ihr angeboren ist. Sie erklärt dann aber ziemlich glaubhaft, dass sie einfach ein bisschen heiser sei und ihre Stimme schonen müsse. Wahrscheinlich Folgewirkung all der Gratulationswünsche, die «von überallher niederprasseln».

Rollen wir ihre Biographie auf: Aufgewachsen in Albligen, einem Dorf «in der Senke» neben Schwarzenburg, Berner Halbinsel im Fribourgischen, 500 Einwohner, von denen mittlerweile «sicher wieder ein paar gestorben sind», also machen wir ca. 450 draus. Die Kindheit mehrheitlich hinter Buchdeckeln verbracht – Federica de Cesco, Cornelia Funke – und sich so nebenbei mit der Rolle von weiblichen Heldinnen vertraut gemacht. Das Elternhaus? Jetzt muss sie es zugeben, sie ist politisch nicht ganz unbeleckt, im Gegenteil, eigentlich strömt sogar ziemlich dickes Sozialistenblut durch ihre Adern. Ihre Familie gehört zu den sozialdemokratischen Urgesteinen in der Gegend, schon ihr Grossvater war in der SP. Uralte Parteiprotokolle läsen sich wie ein Familienstammbaum, sagt sie und zählt auf: «Lehmann, Lehmann, Lehmann, Diener, Diener, Diener, Lehmann.» Diener ist der Name ihrer Mutter, Lehmann heisst der Vater. Eintritt in die JUSO während des Au-Pair-Jahres in Genf, dann eine Lehre als Floristin, seit einem Jahr in der Geschäftsleitung der JUSO Schweiz, und nun also, seit einem Tag, Gemeinderätin in spe.

Es gibt ein paar andere, die sich das in ihrem Alter auch schon angetan haben. Bekannte Namen. Bänz Friedli etwa, der mit 20 in den Gemeinderat von Wohlen gewählt wurde, aber bleibendere Spuren als Autor des Huusmaa-Blog im Migros-Magazin hinterlassen hat, und heute als renommierter Musikjournalist und Kabarettist wirkt. Oder Pierre Maudet, der zwar der Politik etwas länger erhalten blieb als Friedli, aber aus anderen Gründen nicht mehr als politisches Vorbild taugt.

Nur, genau das will sie sein: Vorbild. Vor allem für junge Frauen. «Männer haben es in dieser Hinsicht so viel einfacher. Ich kann mich erinnern, wie ich am Anfang bei der JUSO extrem Schiss hatte, vor 150 Menschen zu reden, während sich die gleichaltrigen männlichen Kollegen ohne Zögern das Mikrofon geschnappt und dann «totalen Schwachsinn gelabert» haben. Diese Chuzpe will sie jetzt auch an den Tag legen, minus den Schwachsinn. «Ich mache Politik, seit ich 15 bin. Natürlich fehlen mir die spezifischen Dossierkenntnisse, aber die kann ich mir ja aneignen.»

Genau, die JUSO. Aber zuvor schaut man noch staunend einem Rudel Schulkinder auf Kickboards hinterher – «zukünftige JUSO-Mitglieder, alles!». Diener sinniert anschliessend ein bisschen darüber, ob man das Zentrum von Schwarzenburg nicht zur autofreien Zone erklären sollte, bevor sie die lustigsten Sponti-Aktionen ihrer JUSO-Zeit Revue passieren lässt, für die sie auch schon einmal in der Polizeizelle landete. Man merkt: Sie hatte ziemlich viel Spass daran. Diener merkt trocken an: «Wenn man über Politik nicht ab und zu lacht, wird man zwangsläufig verrückt.»

Martin Haller würde dem vielleicht nicht ganz so begeistert zustimmen. Gestern musste der Gemeindepräsident von Schwarzenburg es dem «Bund» schon erklären, heute hat er den watson-Reporter an der Strippe: Ja, man müsse sich als Exekutivpolitiker ein bisschen zurücknehmen. Nein, im Gemeinderat könne man nicht Oppositionspolitik machen wie in der JUSO. Ja, sie geniesse Vorschusslorbeeren bei ihm. Nein, das Alter spiele keine grosse Rolle, Erfahrung könne man sich mit 21 oder mit 60 Jahren aneignen. Ausserdem sei er ein grosser Verfechter einer ausgewogenen Vertretung der Bevölkerung im Gemeinderat.

Der Gemeinderat von Schwarzenburg, das soll der Vollständigkeit halber erwähnt werden, war bis zu den letzten Wahlen 2016 ein rein männliches Gremium.

Man muss dann noch mit ihr durch den alten Dorfkern spazieren. Am Morgen erschlug einem die Idylle fast, Schindelhäuser, Giebeldächer, stumpenrauchende Flaneure, offene Hauseingänge, in denen Menschen Putzlappen beschaulich in Plastikeimer kreisen lassen, Szenen wie zu Gotthelfs Zeiten mit einem Schuss Moderne, sogar die Zeugen Jehovas wirken hier weniger mechanisch als in der Stadt. Jetzt die leise Hoffnung, dass Diener blumige «Grüessechs» verteilt in Hauseingängen, und den Ellbogen lässig auf ein Fenstersims abstützt, um über Geranien hinweg ein bisschen Volksnähe zu zelebrieren. Passiert leider nicht, es ist Mittagszeit in Schwarzenburg und auch die Klischees haben Pause, ausserdem kennt Diener Schwarzenburg gar nicht so gut und umgekehrt.

Drei Jahre ist sie hier in die Sekundarschule gegangen, dann ins Internat – «‹Hanni und Nanni›-Zeit, nicht übertrieben», mit der Matratze die Treppe runtergerasselt und solche Sachen – grössere und kleinere Dramen, Schulschätze und gebrochene Herzen, beste Freundinnen und schlechte Noten.

Links das altehrwürdige Tabakgeschäft, rechts der Fairtrade-Laden. Das sei Schwarzenburg en miniature, eine gute Mischung zwischen Tradition und Moderne, findet sie. Wohin als nächstes? Zur Bibliothek natürlich, dem Ort, an dem sie wahrscheinlich die meiste Zeit verbracht hatte hier. «Es hatte bloss ein paar Hundert Bücher im Regal, ich konnte nicht sehr wählerisch sein.» Unterwegs zupft Diener immer wieder mal an einem Strauch oder einem Bäumchen, pflückt eine Chegälä, eine Kastanie, oder spielt mit einer Vogelbeere. «Schon auch eine Passion, ja», sagt sie über ihren Beruf, die Floristerik, «jeder Strauss ein Einzelstück».

Ist sie eigentlich bewandt in den theoretischen Debatten der Linken? Nein, interessiert sie nicht gross, sie habe schon auch ein bisschen von Marx, Engels, Gramsci, Rosa Luxemburg gelesen, aber zitieren könne sie nicht viel. «Politik ist doch kein Wettbewerb, wer am meisten Fremdwörter in einen Satz packen kann!» Es ist die Praxis, nicht die graue Theorie, die sie reizt. Sponti-Aktionen eben, als Kriegsmaterialgerät verkleidet gegen die Wehrpflicht kämpfen, oder goldene Penisse in Flammen aufgehen lassen, um auf die Lohngleichheitsforderung aufmerksam zu machen.

Etwas mehr als drei Monate hat sie, um sich in die Dossiers einzulesen. Ist sie wirklich nicht nervös? Keine Angst vor hochgezogenen Augenbrauen und prüfenden Brillenblicken gestrenger Finanzbeamter (sie wird wahrscheinlich das Finanzdepartement übernehmen)? Kurzer Seitenblick, man will die kleinste Regung in ihrem Gesicht nicht verpassen. Aber Diener ist Profi genug, schnalzt höchstens kurz mit der Zunge: «Ich gehe nicht davon aus, dass es einfach wird, aber ich gehe davon aus, dass es funktioniert.» Linke Politiker müssen ja Visionen haben, also: Was ist ihre Vision für Schwarzenburg? «Schwarzenburg soll eine solidarische Gemeinde sein, die allen Menschen ein gutes Leben ermöglich wird, ohne dass die Umwelt darunter leidet, mit guter Bildung, guter Verkehrsanbindung.» Ok, fair enough.

Jetzt stellt man ihr noch die 5-Jahres-Frage. Was macht sie in 5 Jahren? Das ist ein bisschen gemein, weil sie jetzt entweder die ehrliche No-bullshit-Antwort geben («Ich weiss es nicht.») und sich bei ihren Gemeinderatskollegen schon jetzt ein bisschen ins Abseits zitieren kann, oder sie sagt etwas diplomatisch-verklausuliertes wie: «Ich freue mich jetzt einfach mal auf die Herausforderungen.» Sie entscheidet sich für den dritten Weg, («Doofe Frage!»), und lenkt das Gespräch auf die «Grauhaarpolitik», die sie bald aufmischen möchte.

Die nächsten Wahlen sind 2020 und wenn sie das alles tatsächlich durchzieht, dann wird sie in den nächsten zwei Jahren mehrheitlich ermüdende Budgetdiskussionen über Fussängerstreifen führen, statt als Radschützenpanzer verkleidet Berner Polizeigrenadieren vor der Nase herumtanzen. Hat sie nicht das Gefühl, dass sie irgendwie ein bisschen zu früh den Weg der grossen Beständigkeit eingeschlagen hat? Klares Dementi: «Nein, ich kann mich auch sonst austoben.» Und die grossen politischen Fragen kommen auch nicht zu kurz, sagt sie: «Ich verändere nicht den Inhalt meiner Politik, nur den Stil.»

Der Rundgang durchs Dorf endet am Bahnhof. Die S6 verbindet Schwarzenburg mit Bern, ein BLS-Bummelzug, Halbstundentakt, letzte Verbindung 23.48 Uhr. Aber Diener will ja gar nicht weg, im Gegenteil, die Stadt ermüdet sie meistens, die Menschen, die Hektik. Sie will darauf hinarbeiten, dass junge Leute wie sie vermehrt wieder aufs Land ziehen. Ein Reitschul-Ableger in Schwarzenburg, wieso nicht?

Diener entdeckt dann noch einen ANTIFA-Sticker, an ein Robidog-Eimer geklebt, schon der zweite an diesem Vormittag, natürlich hat sie keine Ahnung, wer wie wo was, aber freuen kann man sich ja trotzdem. «Wieso nicht einfach mal die Botschaften etwas vereinfachen?» Eine rhetorische Frage, Diener spricht gerade über die Vorteile des linken Populismus, aber man kann es eigentlich auch auf ihre persönliche Situation anwenden. Ja, wieso nicht einfach mal die Botschaften etwas vereinfachen?