Zugunglück Goms: Lokomotivführer sah eine Verformung

Noch ist unklar, ob der im Goms verunglückte Glacier Express zu schnell fuhr. Fest steht, dass der dichte Fahrplan die Matterhorn Gotthard Bahn (MGB) in der Hochsaison vor Herausforderungen stellt.

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Lokomotivführer sah eine Verformung

Lokomotivführer sah eine Verformung

Tobias Gafafer

Am Sonntag hat die Matterhorn Gotthard Bahn (MGB) den Betrieb zwischen Lax und Fiesch im Untergoms wieder aufgenommen. Nach der Entgleisung eines Glacier Expresses von Zermatt nach St.Moritz, bei der am vergangenen Freitag eine Japanerin ums Leben gekommen ist, befinden sich laut der Walliser Polizei noch 13 Personen in Spitalpflege; darunter 7 schwer verletzte Japaner.

Fachleute, die beim Unglücksabschnitt einen Augenschein nahmen, sprachen von «Glück im Unglück». Fahrleitungsmasten und das Gelände, das sich bei der Unglücksstelle teilweise verbreitert, hätten verhindert, dass alle drei entgleisten Wagen ganz umgestürzt seien.

Doch eine Gleisverformung?

Noch nicht geklärt ist die Unfallursache. Walter Kobelt, Leiter der zuständigen Untersuchungsstelle, sagte gestern in Brig vor den Medien, der Lokomotivführer habe vor dem Unfall eine Verformung der Schienen gesehen. Der Lokführer habe jedoch nicht mehr bremsen können. Ob es diese Deformation wirklich gegeben hat, kann Kobelt nicht bestätigen. Die Schienen seien wegen des Unfalls zu sehr beschädigt.

Oder zu schnell gefahren?

Eine andere These besagt derweil, dass der Glacier-Express – der langsamste Schnellzug der Welt – im Unglücksabschnitt zu schnell gefahren sein könnte. Dafür spricht, dass die Höchstgeschwindigkeit bei der Unglücksstelle laut Kobelt von 35 auf 55 Kilometer pro Stunde wechselt. Zudem hatte die MGB auf dem Unglücksabschnitt erst vor zwei bis drei Wochen Unterhaltsarbeiten am Gleis ausgeführt. Ob die Geschwindigkeit tatsächlich die Unfallursache war, muss erst die Analyse des Fahrtenschreibers zeigen. Klar ist, dass die MGB in der Hochsaison einen komplexen Fahrplan hat, der die Lokführer vor die Herausforderung stellen kann, Verspätungen aufzuholen.

In den Sommermonaten rollen von Zermatt/Brig nach Disentis gleich vier Glacier-Express-Züge innerhalb von eineinhalb Stunden, dazu kommt noch ein Regionalzug. Dieser aufwändige Betrieb ist notwendig, weil die MGB wegen der Zahnstangen-Abschnitte auf ihrem Netz maximal 6-Wagen-Züge bilden kann. Die RhB ihrerseits, die den Glacier-Express in Disentis übernimmt, kuppelt jeweils 12 Wagen zusammen, was den Betrieb deutlich vereinfacht.

Wenig Kreuzstellen

Zudem muss die MGB neben dem Glacier-Express und den Regionalzügen noch Pendelzüge zwischen Täsch und dem autofreien Ferienort Zermatt sowie Autoverladezüge durch den Furkatunnel im Fahrplan unterbringen.

Und seit der Eröffnung des Lötschberg-Basistunnels ist der Fahrplan zwischen Visp und Zermatt noch dichter geworden. Auf der einspurigen Strecke von Zermatt nach Disentis sind die Ausweichstellen aber begrenzt. Ein Nadelöhr ist der 15 Kilometer lange Furkatunnel, in dem aus Kostengründen bloss eine Kreuzungsstelle gebaut wurde.

Mit anderen Worten: Die MGB muss Verspätungen wenn immer möglich verhindern, weil sich diese sonst wie Dominosteine auf ihren ganzen Zugverkehr auswirken können. Am Sonntag hatten zum Beispiel etliche MGB-Züge im Goms rund zehn Minuten Verspätung. MGB-Sprecher Thomas Werlen bestätigt, dass es bei Verspätungen schwierig sei, wieder «in den Fahrplan reinzukommen». Es gebe Pläne für neue Kreuzungsstellen.

Gleichzeitig betont Werlen, dass 2009 94 Prozent der Züge pünktlich unterwegs gewesen seien. Und ein Klumpenrisiko für Verspätungen stelle eher die Strecke über den Oberalppass dar.