Durchgangszentrum

«Würde es keinen Tag aushalten»

Begegnung der ungewohnten Art gestern Morgen am Tag der offenen Tür zwischen Besuchern und einem Asylsuchenden.

Durchgangszentrum

Begegnung der ungewohnten Art gestern Morgen am Tag der offenen Tür zwischen Besuchern und einem Asylsuchenden.

Tag der offenen Tür im Durchgangszentrum für Asylsuchende in Urdorf: Besucher aus der Region fühlten hautnah mit, wie anforderungsreich das Asylwesen für alle Beteiligten sein kann.

von Flavio Fuoli

Gestern Morgen vor der «Alst» im Urdorfer Bergermoos, der «Anlage für Luftschutztruppen», wie es im korrekten bundesbernischen Amtsdeutsch heisst. Vertreter von Limmattaler Behörden und Ämtern nehmen einen Augenschein vom Durchgangszentrum für Asylsuchende.

Maike Daniëls, die Leiterin, führt durch die unterirdische Anlage, die eine Welt für sich jenseits des Normalen, des Alltags der Besucher darstellt. Eine Welt, die für 65 Bewohner und ihre Betreuer von der privaten Firma ORS die tägliche Realität bedeutet.

Es ist eng hier in dieser Welt. Betonwände, Betonböden, alles bloss aufgehellt mit schwachen Farben. Keine Fenster, die Lüftung arbeitet ununterbrochen. Maike Daniëls führt an einem unscheinbaren Raum vorbei, dem Gebetsraum. Er ist nicht möbliert, nur ein paar Teppiche am Boden zeugen von seiner Funktion.

«Die Stimmung fehlt hier zum Beten», meint eine Besucherin. Eine andere: «Mich irritiert, dass keine Symbole des Glaubens vorzufinden sind.» Das Durchgangszentrum ist keine Wohlfühloase, das wird schnell klar. Im Spielraum stehen lediglich ein Pingpongtisch und ein Töggelikasten. «Also, ich würde es keinen Tag hier aushalten», fasst ein Besucher seine Empfindungen zusammen, «aber wenn man müsste . . .»

65 Personen fasst derzeit das auf 90 Plätze ausgelegte Zentrum. Sie kommen aus 21 Nationen. Kein Wunder, dass das Regime relativ streng ist. Kein Wunder, begegnet der Besucher vielen Hausregeln, die an praktisch jeder Wand hängen. «Ohne eine straffe Hausordnung könnten wir den Betrieb hier nicht aufrechterhalten», erklärt René Burkhalter, der operative Leiter der ORS für den Kanton Zürich.

Viele Asylsuchende würden sich sonst hängen lassen. Es sei aber die Aufgabe der Betreuung, die Leute selbstständig werden zu lassen und sie auf das Leben in den Gemeinden vorzubereiten - wenn sie denn einen positiven Asylentscheid erhalten. «Unsere Hauptaufgabe ist die Integration.»

Zwischen 18 und 43 Jahren alt sind die betreuten Männer. Und es sind nur Männer hier in Urdorf. Die meisten sind um die 23 bis 24 Jahre alt. Leiterin Daniëls stellt ihnen ein gutes Zeugnis aus: «Es läuft derzeit super. Das hängt auch damit zusammen, dass einige länger als die durchschnittlichen vier Monate hier sind. Sie kennen den Betrieb, und die Betreuung kennt sie. Man weiss, wie man sie anspricht.»

Die rund um die Uhr Betreuten kommen aus fernen Ländern, etwa Somalia, Eritrea, Sri Lanka oder Georgien, aus unterschiedlichen Kulturen also. Da kann es vorkommen, dass Männer nicht wissen, wie man abwäscht, dass man einen elektrischen Backofen nicht mit dem Schlauch reinigen sollte oder wie man kocht.

Zur Beschäftigung gehören nicht nur zwei Stunden Deutsch die Woche, sondern auch das Erlangen einer gewissen Selbstständigkeit. Kochen und einkaufen müssen alle selber. Auch wird die Unterkunft von den Asylsuchenden geputzt und gereinigt. Hiefür bekommen die Beteiligten ein Extrageld, eine Art Lohn für Arbeit. Denn richtig arbeiten dürfen die Asylsuchenden im Kanton Zürich die ersten sechs Monate von Gesetzes wegen nicht.

Ob Langeweile ein grosses Problem sei, will eine Besucherin wissen. «Es ist vor allem die Ungewissheit, die den Asylsuchenden zu schaffen macht», erklärt die Zentrumsleiterin. «Das ist viel schlimmer als Langeweile. Wenn jemand sieben Monate hier ist und auf den Asylentscheid warten muss, ist das schon hart. Die meisten nehmen lieber einen negativen Entscheid in Kauf, als so lange warten zu müssen.»

Die Führung ist nach einer Stunde zu Ende. Manch einer wird froh gewesen sein, das er das «Schulzimmer» für den Deutschunterricht hat verlassen können. Im Bunkerraum hatte René Burkhalter über das Asylwesen der Schweiz unterrichtet.

Und so hat man vor der frischen Luft und der wunderbar scheinenden Sonne draussen noch erfahren können, dass nur 5 Prozent der Grenzübertritte von Asylsuchenden legal sind, 95 Prozent aber illegal. Bei Essen aus Eritrea und unter einem Spruchband, das in verschiedenen Sprachen die Besucherinnen und Besucher willkommen heisst, konnte man die neuen Erkenntnisse über das Asylwesen miteinander diskutieren.

Max Kroiss, Gemeindeleiter der Urdorfer Katholiken etwa, war beeindruckt vom geordneten Betrieb. Er, der Deutsche, habe auch begriffen, dass Schweizer Männer es gewohnt sind, im Militär so unter Tage zu hausen. «Das ist schon speziell.» Romy Müller, die Leiterin des Asylbereichs der Stadt Schlieren, war beeindruckt vom Goodwill, den die Betreuer den Asylsuchenden entgegenbringen würden.

Etwas erstaunt zeigte sie sich, dass nur zwei Stunden Deutsch pro Woche auf dem Stundenplan stehen. «Da wundern wir uns auf der Gemeinde immer, warum die uns zugewiesenen Flüchtlinge so wenig Deutsch verstehen.»

Lotti Tinguely von der reformierten Kirchenpflege Urdorf fand die Enge im «Stollen» doch etwas bedrückend. Der Betrieb sei jedoch gut organisiert, lobte sie. Und: «Ich wusste nicht, dass die Asylsuchenden rund um die Uhr betreut werden. Dieser Job unter Tage, der ist schon hart.»

Meistgesehen

Artboard 1