Zürich

«Wir wollen gemeinsam feiern»

Die Hohe Fraumünsterfrau Susann Pflüger (hinter dem Fahnenträger, in Weiss) mit der Gesellschaft zu Fraumünster beim Umzug am Limmatquai.

Gesellschaft zu Fraumünster

Die Hohe Fraumünsterfrau Susann Pflüger (hinter dem Fahnenträger, in Weiss) mit der Gesellschaft zu Fraumünster beim Umzug am Limmatquai.

Die «Gesellschaft zu Fraumünster» kämpft seit 20 Jahren um eine den Männern gleichwertige Behandlung am Sechseläuten.

Sidonia Küpfer

«Es gibt noch viel zu tun», zieht Susann Pflüger, die Hohe Fraumünsterfrau der Gesellschaft zu Fraumünster, Bilanz. Seit 1989 setzen sich die Frauen dafür ein, beim Zürcher Traditionsanlass im Umzug mitlaufen zu dürfen. Das ist ihnen auch in diesem Jahr nicht erlaubt. Seit 2006 dürfen die Frauen aber auf der Originalstrecke des Sechseläutens laufen mit einem Abstand von 45 Minuten vor dem Umzug der Zünfte.

Susann Pflüger verweist auch auf die erzielten Fortschritte: «Der Umgangston mit den Zunftmeistern ist viel kollegialer geworden.» Darüber, dass die Gesellschaft auch in diesem Jahr nicht am offiziellen Umzug mitmachen darf, ist Pflüger dennoch enttäuscht: «Ich sehe wirklich keinen vernünftigen Grund, warum die Gesellschaft zu Fraumünster nicht am Sechseläutenumzug mitlaufen darf», ärgert sich die Präsidentin der Gesellschaft zu Fraumünster.

Weshalb ist ihr die Teilnahme am Umzug denn so wichtig? «Das Sechseläuten ist das Zürcher Fest schlechthin», erklärt Pflüger, für die das Frühlingsfest von klein auf fester Bestandteil des Jahres war. «Man kann heute nicht mehr sagen, Frauen gehören da nicht dazu», ist für die Zürcher Friedensrichterin klar.

Das Sechseläuten zeige die Geschichte Zürichs auf und da hätten die Frauen einen gleichwertigen Platz zugute. Denn während auf politischer und juristischer Ebene eine Gleichstellung erreicht sei, mangle es noch an der gesellschaftlichen Gleichwertigkeit, sagt Pflüger und erinnert an Themen wie Lohnungleichheit zwischen Mann und Frau.

Die Gesellschaft zu Fraumünster entstand 1989: Acht Frauen gründeten die damalige «Zürcher Frauen-Zunft» und erhoben den Anspruch, ins Zentralkomitee der Zürcher Zünfte aufgenommen zu werden und am Sechseläutenumzug mitmachen zu dürfen - zum Unmut der Zünfter.

Susann Pflüger blickt auf einen steinigen Weg zurück: «Anfangs wurden wir schwer bekämpft. Es war viel Arbeit, bis wir so auf die Strasse gingen, wie wir es heute tun. Uns wollte beispielsweise kein Wirt Gastrecht gewähren, bis sich die Brasserie Lipp überwand.» Mittlerweile versammelt sich die Gesellschaft im Hotel Baur au Lac.

«Aus dem kulturellen Leben Zürichs sind wir nicht mehr wegzudenken», resümiert sie selbstbewusst und verweist auf das historische Mittelalterspektakel, das alle drei Jahre auf dem Münsterhof stattfindet.

Seit 1994 versteht sich die Frauenzunft nicht mehr als Zunft. Seitdem nennt sie sich «Gesellschaft zu Fraumünster» - in Analogie zur «Gesellschaft von Constaffel» bei den Männern: Diese wurde 1336 von Rudolf Brun als Gegengewicht zu den Handwerkerzünften gegründet und vereinigte die einflussreichen Kräfte der Stadt wie Ritter und Adlige, wie die Gesellschaft im Internet erläutert.

Die Frauen-Gesellschaft nimmt ihren historischen Bezug auf die Äbtissinnen der Fraumünster-Abtei. Das Benediktinerinnenkloster bestand von 853 bis 1524 und diente als Verwaltungszentrum für die königlichen Besitztümer um Zürich, wie dem Historischen Lexikon der Schweiz zu entnehmen ist. Die Äbtissin wurde vom König zur Reichsfürstin ernannt und galt in Zürich als Stadtherrin.

An diese historische Stellung der Äbtissinnen will die Gesellschaft zu Fraumünster erinnern: «Wir wollen die Frauengeschichte in Zürich sichtbar machen», beschreibt Susann Pflüger ihr Anliegen. Aus diesem Grund ehrt die Gesellschaft an jedem Sechseläuten-Vormittag eine Zürcher Frau postum.

Um diese Frauen sichtbar zu machen, bringt die Gesellschaft zu Fraumünster am Ort des Wirkens oder des Wohnens der geehrten Frau eine Tafel an. Damit soll an Lydia Welti-Escher, an Emily Kempin-Spyri, an Laure Wyss und wie sie alle heissen erinnert werden.

20 Jahre lang versucht die Fraumünstergesellschaft bereits vergeblich, am Umzug teilzunehmen. Wie soll das Ziel doch noch erreicht werden? Für Pflüger ist Hartnäckigkeit der Schlüssel. Aber dieses Ziel müsse «im gegenseitigen Einvernehmen» mit den Zünftern erreicht werden. «Wir wollen gemeinsam ein Fest feiern, das geht nicht, wenn es Gewinner und Verlierer gibt», beteuert Pflüger.

Mit corine Mauch hat Zürich nun erstmals eine Frau als Stadtpräsidentin. Könnte dies der Umzugsteilnahme der Frauen neuen Schwung geben? Zumindest beim diesjährigen Sechseläuten wird Mauch aufgrund eines privaten Termins fehlen. So musste sie auch die Einladung der Gesellschaft zu Fraumünster ausschlagen, was Susann Pflüger bedauert.

Für ein anderes Jahr stellte Corine Mauch aber bereits in Aussicht, dass sie sowohl beim Frauen- als auch beim Männerumzug mitlaufen würde. Sollten die Frauen auch 2010 noch nicht in den offiziellen Umzug integriert sein, so müsste sich Corine Mauch zumindest nicht zwischen einer Teilnahme bei den Zünftern oder den Fraumünsterfrauen entscheiden.

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