«Warte seit Monaten auf mein Kindergeld»

Schuld an der Misere ist ein neues Gesetz. Man habe den Aufwand unterschätzt, sagt Stefan Nauer von der Familienausgleichskasse.

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Maja Sommerhalder

«Das ist eine Frechheit. Seit Monaten warte ich auf mein Kindergeld und nichts geht», sagt Sandro Kleiber (Name geändert). Der Gebäudeentfeuchter aus Lupfig erhält jeden Monat 200 Franken Kinderzulage für seinen Sohn. Elf Jahre lang wurde ihm dieser Betrag fristgerecht ausbezahlt - seit diesem Juni ist Schluss damit.

Er fragte bei der Familienausgleichskasse der Sozialversicherung Aargau (SVA) nach. Beim Gespräch wurde klar: Sandro Kleiber ist kein Einzelfall. «Eine offensichtlich gestresste Mitarbeiterin sagte mir, dass die Versicherung überlastet ist und mit den Auszahlungen nicht mehr nachkommt», so Kleiber. Es gebe zu viel Arbeit und zu wenig Personal. «Warum stellte man bei der hohen Arbeitslosigkeit nicht mehr Personal ein?», kritisiert Kleiber. «Offensichtlich ist es so, dass nur, wer laut schreit, an sein Geld kommt.» Die restlichen müssten sich eben gedulden: «Für Leute, die auf das Geld angewiesen sind, ist diese Wartezeit eine Zumutung.» Vielerorts würden die Arbeitgeber den Betrag vorschiessen: «Dies können sich aber auch nicht alle Firmen leisten. Viele geraten durch dies in einen Liquiditätsengpass.»

Wer bekommt Kinderzulage?

Die Familienausgleichskasse des Kantons Aargau zahlt eine Kinderzulage von 200 Franken im Monat. Anspruch haben Eltern, deren Kinder zwischen 0 und 16 Jahre alt sind. Mit Inkrafttreten des Bundesgesetzes der Familienzulagen ab 1. Januar 2009 haben alle Arbeitnehmer, Nichterwerbstätigen mit bescheidenen Einkommen und in der Landwirtschaft Beschäftigten Anspruch auf Kinderzulagen. Finanziert werden sie durch Beiträge der Arbeitgeber. Die Auszahlung erfolgt mit dem Lohn. Auch Auszubildende zwischen 16 und 25 Jahren haben Anspruch auf eine Ausbildungszulage von 250 Franken im Monat. (som)

Aufwand unterschätzt

«Richtig», sagt Stefan Nauer von der Familienausgleichskasse (SVA): «Wir sind tatsächlich überlastet.» Grund ist das neue Bundesgesetz über die Familienzulagen, das seit Anfang dieses Jahres in Kraft ist: «Neu müssen alle Arbeitgeber an einer Familienausgleichskasse angeschlossen sein, damit sie Kinderzulagen erhalten.» Früher hätten die Arbeitgeber teilweise diese Zulagen direkt gezahlt.

«Wir haben 52 Prozent mehr Anmeldungen als vor einem Jahr.» Diese Flut könne man fast nicht bewältigen, obwohl man das Personal in den letzten zwei Jahren verdoppelt hätte: «Mit dem neuen Gesetz ist der Abklärungsaufwand gestiegen. Die Komplexität der Fälle konnte schweizweit nicht ausreichend abgeschätzt werden.»

Etwa drei Monate müssten momentan die Eltern auf ihre Kinderzulagen warten. «Das betrifft alle, die bei uns versichert sind.» Das Geld erhielten sie rückwirkend - ohne Zinsen. «Das Gesetz sieht keine Zinsen vor», so Nauer.

Mehr Mitarbeiter sollen es richten

Doch die Familienausgleichskasse des Kantons Aargau sei mit diesem Problem keineswegs allein, wie Nauer sagt: «Es geht allen anderen Kassen in der Schweiz auch so.» Doch trotz Wartezeit müsse niemand am Hungertuch nagen: «Wenn jemand dringend auf die Kinderzulage angewiesen ist, überweisen wir ihm das Geld vorzeitig. Manchmal schiesst auch der Arbeitgeber die 200 Franken vor.» Dies sei allerdings freiwillig und auf eigenes Risiko.

Die Familienausgleichskasse will die Anmeldeflut mithilfe von temporären Arbeitskräften in den nächsten Monaten in den Griff bekommen. Bis dahin muss Nauer wohl noch viele verärgerte Versicherte beruhigen. «Ich erhalte etwa drei Reklamationen pro Woche. Auch meine Mitarbeiter werden am Telefon mit vielen Beschwerden konfrontiert.»

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