Rasen

Wandlung des hässlichen Rasen-Entleins

Spezialisten der niederländischen Firma Hendriks verlegen am 16. und 17. Juni 2008 – mitten während der Euro – einen neuen Basler Joggeli-Rasen. Die braunen Streifen sorgten anschliessend für viel Kritik. 60 Liter Regen pro Quadratmeter in 20 Minuten hatten dem Vorgängerrasen den Rest gegeben.

Rasen im St. Jakobs Park

Spezialisten der niederländischen Firma Hendriks verlegen am 16. und 17. Juni 2008 – mitten während der Euro – einen neuen Basler Joggeli-Rasen. Die braunen Streifen sorgten anschliessend für viel Kritik. 60 Liter Regen pro Quadratmeter in 20 Minuten hatten dem Vorgängerrasen den Rest gegeben.

Es war eine jener mehr oder weniger denkwürdigen Episoden der Euro 08. Als in der Regenflut des Türkei-Spiels die Schweizer Hoffnungen und der Joggeli-Rasen gleichermassen baden gingen, war rasches Handeln angesagt. Mitten im Turnier musste der Rasen ausgewechselt werden. Der Notrasen von damals hält heute noch.

Von Bojan Stula

Als «Flickenteppich», «Patchwork-Rasen» oder «brauner Rasenpuzzle» wurde er verspottet. Und dies waren noch einige der vornehmeren Ausdrücke, mit denen die Spielfläche im Basler St. Jakob-Park nach der Neuverlegung am 16. und 17. Juni 2008 bedacht wurde. Dabei war es eine logistische Meisterleistung gewesen, innerhalb von 48 Stunden den gesamten Rasen auszuwechseln, nachdem die sintflutartigen Regenfälle während des Mittwochsspiels Schweiz - Türkei und die anschliessende Sonntagsbegegnung zwischen der Schweiz und Portugal dem grünen Untergrund den Rest gegeben hatten. Einen Rasenwechsel mitten während einer laufenden Endrunde - das hatte es in der Geschichte des Fussballs zuvor noch nie gegeben. Entsprechend gross war die mediale Aufregung um das ungewollte Euro-Zwischenspiel.

Im grünen Bereich lief da keiner mehr. Erst recht nicht die Verantwortlichen der Uefa. Zuerst wurde bis zum Sonntag der Entscheid hinausgezögert, obschon bereits in der zweiten Halbzeit des Türkei-Spiels Stadiondirektor Christian Kern auf einen neuen Rasen drängte. Danach konnte es nicht schnell genug gehen, als Euro-Geschäftsleiter Martin Kallen am Sonntag um Mitternacht grünes Licht für den Wechsel gab.

Die kurzfristig aus den Niederlanden bei der Spezialfirma Hendriks angeforderten Rasenrollen wurden auf Lastwagen herbeigekarrt, worauf die niederländischen Rasenspezialisten buchstäblich 48 Stunden durcharbeiteten. «Die armen Kerle haben in der Nacht zwischen den Sitzen im Stadion ein paar Stunden Schlaf geschnappt», erinnert sich Andreas Knoepfli, der «Head Groundkeeper» des Stadionbetreibers Basel United. «Aber alles in allem war es eine Riesenleistung der Holländer», urteilt Knoepfli mit der Anerkennung des Experten.

Das Dumme war nur, dass wegen der grossen Hitze die angefeuchteten Rasenrollen während des Transports zwischen ihren Plastikfolien buchstäblich zu kochen anfingen. «Man konnte von der Tribüne aus zusehen, wie Meter für Meter der frisch verlegten Rasenstreifen eingehen», erzählt Knoepfli. Von den 8214 Quadratmetern Neurasen mussten laut Knoepfli mehrere 100 Quadratmeter ausgebessert werden; für die Firma Hendriks bedeutete dies eine herbe finanzielle Einbusse. Und dann blieben erst noch hässliche braune Streifen an den Nahtstellen sichtbar.

Dies steigerte nur noch die Verzweiflung der Uefa-Leute. «Knoepfli, du musst den Rasen einfärben», erging die Order an den Rasenmeister aus Pratteln. Als sich dieser weigerte, griffen einige der Uefa-Funktionäre selber zur Farbspritze. Prompt folgte die nächste Bescherung: Wegen einer fehlerhaften Farbmischung hatten sich die behandelten Rasenstellen über Nacht hellblau verfärbt. Unter höchster Geheimhaltung - selbst die Stadion-Livecams mussten dazu ausgeschaltet werden - wurde von der Uefa eine neunköpfige Putzequipe aufgeboten, die mit Wischmops den Rasen von der Verfärbung befreite.

Andreas Knoepfli steckt voller solcher Euro-Episoden, die nachträglich zum Lachen anregen, damals aber in der Hitze des Gefechts für manch böses Wort sorgten. Auf eines jedoch ist der 46-Jährige stolz. Hatten ihm alle Fachleute prophezeit, dass er den derart gebeutelten Rasen nie über den Winter bringen würde, so belehrte er alle eines Besseren. Am eigenen Ehrgeiz gepackt behandelte Knoepflis Team - laut Stadiondirektor Christian Kern die «Visitenkarte des Joggeli» - den Rasen in der Winterpause mit dem grösstmöglichen Aufwand, worauf dieser besonders dichte Wurzeln schlug.

«Dieser Rasen ist der beste, den wir je hatten», schwärmt Kern. Und Knoepfli verrät, dass auch lange Gespräche mit dem Rasen und gutes Zureden halfen - «selbst wenn ich dafür ausgelacht werde». Heute ist das hässliche Rasen-Entlein von damals ein stolzer Schwan, dem Knoepfli - wenn alles gut geht - noch ein weiteres Lebensjahr zutraut; bei Kosten von 250 000 Franken für jeden Rasenaustausch eine erfreuliche Ansicht.

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