Vermisste aufgetaucht

Vermeintliches Mordopfer: Wieso tauchte Petra P. vor 31 Jahren unter?

Die Informatik-Studentin Petra P. verschwand 1984 spurlos in Braunschweig. Sie galt als Mordopfer und wurde für tot erklärt, ehe sie vor kurzem wieder auftauchte. Doch was war das Motiv für ihr freiwilliges und geplantes Verschwinden?

Zwei Zufälle sind schuld, dass Petra P. nach 31 Jahren wieder auftauchte. Die 55-Jährige, die in Düsseldorf allein in einer Mietwohnung lebt, war 1984 im 320 Kilometer entfernten Braunschweig spurlos verschwunden. Sie galt als Mordopfer. Ihre Eltern liessen sie 1989 für tot erklären.

Zufall Nummer 1: In ihre Wohnung wurde eingebrochen, die Wohnungstür beschädigt. Zufall Nummer 2: Eine Nachbarin im Miethaus entdeckte den Einbruch und alarmierte die Polizei.

Aufgrund der Vorgeschichte der Totgeglaubten muss man davon ausgehen, dass sie selbst nicht die Polizei informiert hätte. Schliesslich musste sie sich ausweisen. Weil sie das nicht konnte – sie lebte unter falschem Namen – und die Beamten beharrlich einen Ausweis forderten, gestand sie schliesslich, Petra P. zu sein. Jene Frau, die 1989 als 24-jährige Informatik-Studentin spurlos verschwunden war und in mehreren westdeutschen Grossstädten mitten unter Tausenden anderen Menschen gelebt hatte – und untergegangen war wie ein Vögelchen in einer grossen Schar. 

Studentin verschwindet spurlos: «Aktenzeichen XY ungelöst» vom 11.1.1985

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Ihr Abtauchen hatte die damals 24-jährige Informatik-Studentin genau geplant. Es sollte so aussehen, als sei ihr etwas zugestossen. Sie hatte ihr Zimmer im Studentenwohnheim verlassen, um für zwei Wochen im Elternhaus in Wolfsburg zu wohnen und ihre Diplomarbeit abzuschliessen, während diese in den Ferien weilten. Das erzählte sie sogar noch einem Mitbewohner kurz vorher. Doch im Elternhaus kam sie nicht an, weshalb sie ihr Bruder tags darauf als vermisst meldete. Stattdessen hatte sie 4000 Mark für ihr neues Leben gespart und bereits eine Wohnung in Gelsenkirchen angemietet. 

Doch was war das Motiv für ihr Verschwinden? Gewalt oder sexueller Missbrauch können ausgeschlossen werden. Das habe es in ihrer Familie nicht gegeben, sagt die Polizei. 

Man könne aus der Ferne keine seriöse Diagnose stellen, sagt der Diplom-Psychologe Gerd Zimmek im «Tagesspiegel». «Es spricht aber einiges für ein bestimmtes Krankheitsbild, eine psychische Störung, die sogenannte Dissoziative Fugue.» Das sei das «Ich bin mal eben Zigaretten holen»-Phänomen. In Krisen- und Kriegszeiten nehmen solche Vorfälle zu. «Es ist eine Notfallreaktion der Seele», sagt der Psychiater.

Mehrere Umstände lassen das plausibel erscheinen: Petra P. stand mit ihrer Diplomarbeit offenbar vor dem Abschluss. Sie hatte sich allerdings ein schwieriges Thema ausgesucht. Dazu können übergrosse Ansprüche an sich selbst, Stress und Versagensängste kommen. «Und dann gibt es kein Zurück, weil sie vor Scham vergeht», vermutet Zimmek.

Wieso andere abtauchen

Der bekannte deutsche Profiler Axel Petermann, ein Spezialist für Vermisstenfälle und ungeklärte Tötungsdelikte, kennt mehrere Fälle, bei denen Menschen ebenso plötzlich verschwunden sind. «Ein Familienvater hat eine neue Liebe gefunden und nicht den Mut gehabt, das zu äussern. Eine Frau flieht vor ihrem gewalttätigen Ehemann. Ein türkisches Mädchen versucht, aus ihrer patriarchalisch geprägten Familie auszubrechen», zählte er der deutschen Zeitung «Die Welt» Beispiele auf. 

Petermann hat in seinem Kriminalistenleben schon einiges erlebt und in mehreren Büchern über spektakuläre Fälle geschrieben. «Aber ein so fulminanter Fall, dass jemand über 31 Jahre verschwunden ist, ist mir noch nicht untergekommen.»

Bei Petra P. könnte, so meint der Profiler, eine sehr starke Kränkung der Hintergrund sein – oder psychische Probleme. «Aber an dem Tag, als sie verschwand, wollte sie ihrem jüngeren Bruder ein Geschenk kaufen. Ihn hat sie auch zurückgelassen», sagt Petermann und folgert: «Sie scheint sehr wenig Mitgefühl zu haben.» (pz)

Düsseldorf

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