Chinderhuus
Umstrittene Kinderkrippe: Jetzt handelt der Gemeinderat

Zwangsfütterungen und Misshandlungen sollen im Aarburger «Chinderhuus» stattgefunden haben. Bis heute meldeten sich zahlreiche ehemalige Angestellte und betroffene Eltern bei unserer Redaktion. Auch sie berichten von Ungeheuerlichem. Jetzt kommt Bewegung in die Sache - auch von Seiten der Gemeinde.

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Umstrittene Kinderkrippe

Umstrittene Kinderkrippe

Keystone

Claudia Landolt

Der Vorwurf könnte härter nicht sein: Die Babies, Kleinkinder und Teenager seien im «Chinderhuus» regelmässig zwangsgefüttert worden. Täglich werden dort bis zu 63 Kinder betreut. Wie erfolgte diese Zwangsfütterung? «Kleineren Kindern hat man mit der einen Hand den Kieferknochen gedrückt, und mit der anderen Hand den Löffel mit dem Essen in den Mund gedrückt», berichtet Andrea* (Name der Redaktion bekannt), eine ehemalige Praktikantin. «Wenn auch das nichts genützt hat, hätte man das Kind auf den Rücken gelegt und ihm so das Essen reingestopft.» Es sei sogar vorgekommen, dass ein Kind drei Stunden lang vor seinem Teller habe sitzen müssen, bis es ihn leer gegessen habe. Sonst hätte es keinen süssen Tee zu trinken und kein Zvieri gegeben.

Ruth König, die Krippenleiterin, bestätigte die Zwangsfütterungen indirekt in einem Beitrag auf TeleM1. Dies könne «öppe» passiert sein, gestand sie unter Tränen. Ihre Absicht dahinter sei eine gute gewesen. Sie wollte, dass die Kinder statt Junk Food auch Gemüse essen.

Den ganzen Tag im Maxi-Cosi

Eine Mutter erinnert sich, dass ihre Tochter wochenlang nur im Maxi-Cosi gelegen habe. «Bewegungsförderung war kein Thema. Krabbeln hat sie erst in ihrer neuen Krippe gelernt», erzählt Viviane* (Name der Redaktion bekannt). Praktikantin Andrea sagt, es sei gar nicht möglich gewesen, dass Babies auf dem Boden herumgekrabbeln konnten, weil «so viele grössere Kinder im gleichen Raum umhergetollt sind und ausserdem der Boden alt, voller Splitter und zudem schmutzig» gewesen sei. Da die Betreuerinnen (allesamt unerfahrene Praktikantinnen) auf die Babies aufpassten, wäre keine Zeit gewesen, mit den grösseren Kindern zu spielen oder Projekte zu entwickeln. Einen Tagesablauf habe es nicht gegeben, einziger Fixpunkt sei das Mittagessen gewesen. Für die Kleineren bereits um 10 Uhr.

Viviane nahm ihre Tochter aus dem «Chinderhuus», als sie von den dortigen Zuständen erfahren hat. Ihrer Tochter habe sie nichts angemerkt. So richtig schockiert sei sie aber gewesen, als sie gemerkt habe, als man ihrer Tochter mit demselben Lappen den Mund abwischen habe wollen, mit welchem man zuvor den Popo gereinigt habe. Hygiene war die Sache im «Chinderhuus» wohl nicht, glaubt man den ehemaligen Betreuerinnen: Es gab nur ein kleines Badezimmer für alle Kinder, das WC wies keine WC-Brille auf, den Kindern wurde mittags nicht die Zähne geputzt, klein und gross teilten Waschlappen, und auch gewickelt wurde nicht über die Massen oft.

500 Franken pro Kind und pro Monat - das ist konkurrenzlos günstig

Noch heute macht sich Vivane Vorwürfe, dass sie nicht eher reagiert habe. Doch der Preis sei für sie als Alleinerziehende ein unschlagbares Argument gewesen: Für nur 500 Franken inklusive Windeln und Schoppennahrung konnte sie im «Chinderhuus» ihr Baby Kind betreuen lassen - täglich, einen ganzen Monat lang. Diese Preisstruktur erklärt man sich in der Gemeinde unter anderem mit dem hohen Ausländeranteil. Rund 40 Prozent der Aarburger Einwohner sind fremdländischer Herkunft. Auch die Wohnungspreise entsprechen diesem Angebot.

Hinweise, aber keine Anzeige

Doch aller Betroffenheit, Empörung und Sprachlosigkeit zum Trotz: Eine Anzeige über die Misshandlungen im «Chinderhuus» hat niemand eingereicht. Entsprechende Hinweise und telefonische Beschwerden seien bei den Sozialen Diensten Hinweise eingegangen, heisst es in der Fachabteilung der Gemeinde. Aber auch: Grundlage für einen Handlungsbedarf sei einzig eine Anzeige. Auch dies habe man den Anrufenden mitgeteilt. Der Vorwurf so mancher Beschwerdeführerinnen, die Gemeinde habe einfach «nichts gemacht», lässt die Behörde nicht auf sich sitzen. Der stellvertretende Gemeindeschreiber und Kommunikationsleiter in dieser Angelegenheit, Urs Wicki, bestätigt gegenüber a-z.ch, dass sich jetzt etwas tut. «Die Fachabteilung hat den Bericht der Fachstelle Kinder und Familien bearbeitet», sagt Urs Wicki. «Das weitere Vorgehen wird voraussichtlich an der Gemeinderatssitzung vom 26. April 2010 beraten.»

Schliessung vorerst nicht in Sicht

Damit nicht genug: Ziel sei es, so Wicki, «dass der Gemeinderat grünes Licht erteilt, damit als erste Etappe ein detaillierter Massnahmenplan erstellt und in der zweiten Etappe umgesetzt werden kann.» Inoffiziell ist die Rede davon, dass bis am Ende der Sommerferien das «Chinderhuus» betrieblich, personell und inhaltlich neu organisiert werden kann. Eine Schliessung sei vorläufig keine Option und entbehre jeder Grundlage, man wolle versuchen, mit der Leiterin zusammen einen Weg zu finden, heisst es. Im Falle einer Weigerung stünde ein anderes Szenario zur Debatte.

Das «Chinderhuus» entstand aus der Krippe «Asylo», eine Betreuungsstätte der örtlichen Fabriken Franke und Zimmerli. Ruth König absolvierte dort vor 20 Jahren ihre Ausbildung. Als die «Asylo» Knall auf Fall ihre Pforten schloss, zeigte sich Ruth König bereit, die Krippe mit ihrer Schwester Elsbeth als Köchin weiterzuführen.

Ruth König geniesst den Ruf einer sozial engagierten Person. So ist sie Vizepräsidentin des Clubs der Hundefreunde Aarburg und Präsidentin des Samaritervereins Bezirk Aarburg. Sie hat selbst zwei Pflegekinder und kümmert sich zusätzlich um ihre zweite, behinderte Schwester.

Im Aargau fehlen klare Richtlinien

Die ihr vor mehr als 12 Jahren erteilte Bewilligung zur Gründung einer Krippe musste nicht neu erteilt werden. Dies ist möglich, weil für den ganzen Kinderbetreuungsbereich eine alte Verordnung Geltung hat, die gar keine Bestimmung zu Kindertagesstätten enthält - die Pflegekinderverordnung (Pavo). Justizministerin Widmer-Schlumpf hat deren Revision in Auftrag gegeben und verpflichtende Bestimmungen zum Schutz der Kinder aufgenommen. Diese gingen aber in der (Parteien-)Polemik rund um «massloser Regulierungswut» unter.

Der Kanton Aargau mangelt es zudem an Regelungen und Verordnungen, nach denen eine Krippe geführt werden muss. Diese beziehen sich auf Anzahl Kinder, auf die Räumlichkeiten und die Ausbildung der Betreuerinnen. Offenbar ist das Departement Hochuli daran, diese Richtlinien und entsprechende Qualitätsstandards bis zum Jahr 2012 auszuarbeiten.