Transsibirische Meiereien
Transsibirische Meiereien - Michael und Anne aus Neufundland

Die tägliche Portion Meiereien aus der Aargauer Zeitung.

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Jörg Meier

MICHAEL UND ANNE leben in Neufundland. Drei Monate pro Jahre reisen sie durch die Welt. 98 Länder haben sie bisher erfolgreich gemeistert; nun also mit der Transsibirischen von Peking nach Moskau. Vorgängig waren sie bereits zwei Wochen in China. Und von Moskau aus werden sie nach Petersburg weiterziehen. Das Ehepaar ist ein eingespieltes Team. Michael war Farmer, aber sie führte den Betrieb. Zusammen waren sie so erfolgreich, dass sie sich frühzeitig zur Ruhe setzen konnten. Sie spricht meisten für beide, er widerspricht selten, ergänzt höchstens ab und zu. Seit sie sich in Ulan Bator einen leuchtend roten Cashmere-Mantel mit Kapuze gekauft hat, ist sie, obwohl eher klein von Statur, unübersehbar.

MICHAEL UND ANNE sind nicht wählerisch. Ihnen gefällt es überall, sie interessieren sich für jedes Land, jede Stadt, jedes Museum. Allerdings vergessen sie auch ziemlich schnell wieder, wo sie waren und was sie gesehen haben. Vorbei ist vorbei, was zählt, ist das Jetzt. Darin können sie völlig aufgehen: Als sie im Volkonski- Haus in Irkutsk zum Salon-Konzert bei Kerzenlicht geladen sind und Tenor und Sopran inbrünstig eine Mozart-Arie in den Raum schmettern, da steht Michael begeistert auf zur Standing Ovation und Anne wischt sich Tränen den Rührung aus dem Gesicht.

MICHAEL UND ANNE waren noch nie in der Schweiz. Sie wissen nichts über unser Land. Ausser, dass es klein ist, eigentlich zu klein, um jetzt schon da hinzureisen. Vielleicht später einmal. Aber zuerst solle der Kolumnist doch einmal nach Neufundland kommen, ja, er sei eingeladen, könne bei ihnen wohnen, so lange er wolle. Allerdings, im Winter sei es teuflisch kalt.

joerg.meier@azag.ch

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