Markus Reinhardt
Tod des Bünder Polizeichefs: Das Drama bleibt mysteriös

Was genau ist passiert? Das kann niemand sagen, selbst jene nicht, die dem WEF-Kommandanten Markus Reinhardt nahegestanden sind. So bleibt diese Tragödie im Letzten rätselhaft. Am Dienstag fand in Chur die Abdankungsfeier statt.

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Das Drama bleibt mysteriös

Das Drama bleibt mysteriös

Max Dohner, Chur

«Oh, du widerstehst dem Leben, und ich widerstehe dem Tod!» So begrüssten sich alte Polizeikameraden gestern im Zug, 1. Klasse, nach Chur, alle im hohen Offiziersrang. Viele kantonale Polizeiorgane müssen gestern ohne oberste Führung ausgekommen sein. Dafür sperrten herumlungernde Jugendliche im Bahnhof Chur, das Handy am Ohr, die Augen auf, so sehr wimmelte es von Polizei.

Die Begrüssung im Zug war nur ein Scherz, um sich gegenseitig zu versichern, wie gut man sich gehalten habe in schwerer Zeit. Aber spätestens, als einer sagte: «Gut, na ja ... unter diesen Umständen», merkten die Offiziere selber, dass sie unbewusst auch ans Grundproblem eines hoch geschätzten Kameraden rührten, an dessen Abdankung sie reisten: Wie viel – oder wie wenig – widerstand Markus Reinhardt noch dem Leben, alle die Jahre hindurch – und vor allem ganz am Schluss?

Es ist und bleibt sein Geheimnis. So viel wurde gestern klar: Reinhardts letzte Stunden vor dem Selbstmord in Davos, unmittelbar vor dem WEF, seine Überlegungen und seine Gefühle, werden im Dunkeln bleiben. Das Bild des Bündner Polizeikommandanten deckt sich weitgehend bei allen, mit denen wir in den letzten Tagen über Reinhardt gesprochen haben, Korpskollegen, nahe Bekannte, Freunde, Partner. Aber eines konnte sich niemand vorstellen: dass sich Reinhardt umbringen würde. «Kurz vor dem WEF», erzählte ein Mitarbeiter, «hatten Reinhardt und ich in Landquart noch über die möglichen Risiken des Anlasses gesprochen. Er war sehr zuversichtlich. Er hatte wie immer alles im Griff.»

«Geheult wie ein Kind»

Wie oft hört man diesen Satz, wenn sich die Leute heute an Reinhardt erinnern: «Er hatte alles im Griff!» Den Satz äussern ehemalige Kameraden aus dem Militärdienst – offenbar jene Zeit, da Reinhardt den unauslöschlichsten, den besten Eindruck hinterliess auf alle. Das sagt aber auch der Journalist Theo Gstöhl aus Trimmis, der erst dann brauchbare Informationen über Unfälle und Verbrechen von der Bündner Polizei bekam, als Reinhardt Kommandant geworden war und zügig einen neuen Kommunikationsdienst aufbaute.

Als die Nachricht kam, Reinhardt habe sich umgebracht, war Gstöhl, wie er sagt, «fassungslos». Eine halbe Stunde habe er «geheult wie ein Kind». Eine bemerkenswerte Aussage eines Journalisten in Bezug auf einen Polizeichef. Gstöhl rühmt Reinhardts Menschlichkeit – auch das wie alle. Reinhardts früherer zugeordneter Offizier, heute pensioniert, sagt: «Er war ein herzensguter Mensch, vielleicht zu gut.» Ginge das denn nicht zusammen, strammer genauer Kommandant und Mensch?

«Bestens vorbereitet, ja brillant war er als Leiter der Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten», sagt der ehemalige Aargauer Kommandant, Léon Borer. Das Gleiche hört man von Marco Salis aus Pontresina, vom Engadiner Rettungschef, dem Alpinkadermitglied der Bündner Kapo: «Reinhardt hatte alles im Griff. Kein Strich war bei ihm am falschen Ort. Von der Kleidung bis zu den Gesprächen war alles genau, da ging alles nach Schema. Das ist die typische Militärschule. Persönlich war er zuvorkommend, loyal und gerecht, mit allen gleich.» Geschätzt habe er ihn auch als Partner bei der Rega, bei der Reinhardt Verwaltungsrat war.

Das Rieseln vor dem Rutsch

Seit Jahren aber hatte Reinhardt ein Problem, Alkohol, und das Problem war weitherum bekannt. Auf den Dienst habe sich das augenscheinlich nicht ausgewirkt, sagen die meisten, mindestens lange nicht. Noch am Sonntag, ehe das WEF losging, berichtet ein Davoser Bauer, habe er abends mit Reinhardt «ein Glas Röteli» getrunken und der Kommandant sei ihm dabei vorgekommen wie eh und je. War es der Tropfen zu viel? Am Schluss wollte genau darüber die Polizeidirektorin, Barbara Janom Steiner (BDP), mit dem Kommandanten sprechen: Reinhardt war im WEF-Dienst betrunken erschienen. Kurz nach dem letzten Telefon der Regierungsrätin erschoss er sich im Hotelzimmer.

In wenigen Stunden, vielleicht nur Minuten, schien Reinhardt alles entglitten zu sein. Oder fand die innere Erosion des Mannes seit längerem statt? Einige Stimmen von Leuten, die ihm sehr nahe standen, lassen das durchblicken. Auch anderes müsse den Mann zermürbt haben. Dinge des Privatlebens? Jeder sagt, darüber kenne er nur Gerüchte. Dieser Bereich scheint verschlossener als jeder andere.

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