Jacqueline Lausch Dietler

Stürmisch ists auch rund um die Heubühne Lochmatten in Härkingen an der Premiere vom Freitagabend. Dadurch lässt sich das bunte Theatervolk auf dem Vorplatz aber nicht vom Feiern, Lachen und Tanzen abhalten. Im Gegenteil, es entführt das unter dem Dachvorsprung vor Regen geschützte Publikum nach Stans ins Jahr 1291, wo einfache Bauern beschwingt ein Volksfest feiern. Die ausgelassene Stimmung wird aber jäh von gestört: Auf einem glänzenden, schwarzen Wallach kommt der herrische Vogt Wolfenschiessen (Ruedi Eggenschwiler) angeritten und schikaniert die Festgemeinde mit herrischem Gerede und anzüglichen Bemerkungen. Die bescheidenen Leute sind empört und ziehen sich - gemeinsam mit dem Publikum - in den Schutz der Heubühne zurück.

Einmalige Atmosphäre

Eingehüllt in warme Decken kann man die einmalige Atmosphäre des Spielortes erstmals auf sich wirken lassen: Zwei Ebenen sind durch eine Treppe mit kleiner Zwischenplattform verbunden. Drei Orte, die im Laufe der Aufführung bespielt werden. Die schlichten Bühnenbauten und der Hintergrund werden durch Diaprojektionen in ein neues Licht getaucht. Eine Leinwand verwandelt sich in ein altes Bauernhaus, eine Holzkonstruktion in ein Gefängnis. Landschaftsimpressionen im Hintergrund schaffen das Ambiente, in dem «Die Stauffacherin - Das andere Tell Schauspiel» seinen Lauf nimmt.

Was der protzige Wolfenschiessen schon im Prolog androhte, macht er in der ersten Szene wahr. Er dringt ins Haus von Marie Baumgarten (Gabriella Borner) ein und will sich ihr auf brutale Art nähern. Der schlauen Bäuerin gelingt es aber, durch eine List, ihm zu entschlüpfen und ihren Mann zu Hilfe zu holen. Der aber braust auf und schwingt die Axt ...

Musikalisch höchst sensibel begleitet Hubert Steiner das Geschehen auf der Bühne, kreiert eine einmalige Stimmung, die Angst, Hast und sich steigernde Dramatik spiegelt.

Freie Inszenierung des Tell-Stoffes

Christoph Schwager nimmt sich des Tell-Stoffes in Text und Inszenierung auf freie Weise an. Der Tell (Hansjörg Christ) ist ihm nicht der grösste Held, eher ein Zauderer. Auch der Apfelschuss fällt etwas anders aus als im Original. Die Männer Melchthal (Thomas Koch), Fürst (Ruedi Eggenschwiler) und Stauffacher (Thomas Wyss) sind es zwar, die auf dem Rütli zur Tat schreiten, doch im Hintergrund ziehen die Frauen, die Stauffacherin (Monika Bütschi-Amsler), Berta (Alexandra Piscopo) und Klara (Claudia Büttler) die Fäden. Die Stauffacherin bereitet schliesslich das Terrain für den Weg in die Freiheit. Die Faszination von Autor und Regisseur Christoph Schwager für den Tell-Mythos ist spürbar. Und sein Text ist von so manchem tiefsinnigen Gedanken getragen, der sich weiterspinnen lässt.

In der Aufführung gibt es bezaubernde Musik, wortloses Schattenspiel, aufgeregte Volksaufläufe und lebhafte Dialoge. Die Schauspielerinnen und Schauspieler verschmelzen mit ihren Figuren, agieren und reagieren sorgsam. Die engagierten Gäuer Spielleute dürften auf ihre schöne Ensemble-Leistung stolz sein.