So aufregend wie ein WK

Die «Alpenfestung» hat zwar relativ gute Zuschauerzahlen erreicht, doch SF hat die politische Dimension des Projekts unterschätzt. Eine TV-Kritik.

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Alpenfestung

Alpenfestung

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Oliver Baumann

Ein Flop war das SF-Living-History Projekt «Alpenfestung - Leben im Réduit» nicht. Zumindest nicht aus Sicht der Fernsehmacher. Teilweise schalteten sich weit über eine halbe Million Zuschauer in die Sendung ein, die gestern nach 16 Folgen zu Ende ging. Der durchschnittliche Marktanteil lag bei 44,5 Prozent. Das ist zwar deutlich weniger, als bei vergleichbaren früheren Sendungen, wie den «Pfahlbauern» oder «Leben wie zu Gotthelfs Zeiten» - aber immer noch besser als der Durchschnittswert der Struktursendung «Schweiz Aktuell», in deren Rahmen die «Alpenfestung» ausgestrahlt wurde. Und damit hat das Schweizer Fernsehen sein primäres Ziel erreicht.

«Wir ziehen», sagt SF-Sprecher David Affentranger, «eine positive erste Bilanz.» Gemäss Affentranger waren nicht nur die Zuschauerzahlen zufriedenstellend. Auch das die Sendung begleitende Internetangebot sei vom Publikum rege genutzt worden - und die Rückmeldungen der Zuschauer seien ebenfalls «mehrheitlich positiv» gewesen.

Affentranger sagt zwar, dass man damit gerechnet habe, dass die Sendung polarisiere. Und er ist auch nicht unglücklich über das mediale Echo, welches die «Alpenfestung» ausgelöst hat. Dennoch scheint das Schweizer Fernsehen die politische Dimension dieses vermeintlich harmlosen TV-Projekts unterschätzt zu haben.

Bereits lange bevor die «Alpenfestung» auf Sendung ging, meldeten jüdische Organisationen und Historiker Bedenken gegenüber einer «Unterhaltungsshow» an, die auf dem 2. Weltkrieg basiert und sprachen von einer «Banalisierung eines hochproblematischen Themas». Von der Verhöhnung der 55 Millionen Kriegsopfer war gar die Rede. Als schliesslich rechtsbürgerliche Kreise, die sonst keine Gelegenheit auslassen, auf die «zwangsgebührenfinanzierte» TV-Station einzuprügeln, plötzlich voll des Lobes waren für das Schweizer Fernsehens, nahm die Debatte um die «Alpenfestung» bisweilen absurde Züge an. Dabei verstärkte der Sukkurs von rechter Seite die Kritik der Linken nur noch.

Für das Schweizer Fernsehen wäre es allerdings ein Leichtes gewesen, die Vorwürfe zu entkräften, man portiere eine einseitiges und vor allem überholtes Geschichtsbild: In einem sechsteiligen Spezialreihe der Sendung «DOK» setzte sich SF diesen Sommer nämlich durchaus kontrovers mit dem Thema «Die Schweiz und der 2. Weltkrieg» auseinander. Mehr als ausführlich zu Wort kam in den Beiträgen auch der «Alpenfestungs»-kritische Historiker Jakob Tanner.

Doch das Schweizer Fernsehen verzichtete - aus was für Gründen auch immer - darauf, die «DOK»-Beiträge intensiv zu bewerben oder sie wenigstens auf einen attraktiveren Sendeplatz als der spätabendlichen 23.15-Uhr-Schiene zu platzieren. Dass die «DOK»-Beiträge weniger stark wahrgenommen wurden als die «Alpenfestung», verwundert deshalb nicht.

Doch auch das Bunker-Format selbst barg rückblickend kaum Zündstoff. Die Doku-Soap war weniger ein historischer Rückblick, denn ein auf alt getrimmtes Spiegelbild der heutigen Gesellschaft. Murrende Soldaten und orientierungslose Kader, die ihre Unfähigkeit hinter militärischen Floskeln zu verstecken versuchen, finden sich auch in jedem WK des Jahres 2009. Und leider war die «Alpenfestung» auch nur selten aufregender als ein solcher. Charakterköpfe, mit denen sich der Zuschauer hätte identifizieren oder sich zumindest über sie hätte ärgern können, fehlten in der Sendung gänzlich.

Dass SF auch in Zukunft wieder Formate wie die «Alpenfestung» ausstrahlen wird, ist laut Affentranger wahrscheinlich. Für konkrete Konzepte sei es aber noch zu früh.

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