Panini kunstvoll den Kampf angesagt

Die kleine, feine Alternative zu den Panini-Alben sind «Tschutti-Heftli». Die Kulturbeiz Wohlen unterstützt das Sammel-Projekt als Verkaufsstelle und Tauschbörse.

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Panini kunstvoll den Kampf angesagt

Panini kunstvoll den Kampf angesagt

Samuel Schumacher

Wie immer im Vorfeld grosser Fussballturniere greift auch dieses Jahr das Panini-Fieber um sich. Tausende Teenager, Studenten, Arbeiter und Grosseltern nehmen täglich den Gang zum Kiosk auf sich, um die Hochglanz-Fussballerköpfe auf Abziehbildchen zu kaufen. Danach wird geklebt, getauscht und weiter gekauft. Ziel ist es, das eigene Panini-Album bis zum WM-Anpfiff am kommenden 11. Juni voll zu haben. Koste es, was es wolle.

Alternative zum Hochglanz-Kommerz

Nicht alle jedoch sind begeistert von der kommerziellen Vermarktung des Fussballs. Manche finden es übertrieben, wie stark der Lieblingssport der Nation von Geldgebern und Marketing-Kampagnen dominiert wird. Für sie ist und bleibt Fussball ein Sport, der ohne Hochglanz-Bilder und teure Fanartikel mindestens so viel Spass macht.

Zum Kreis der Panini-Kritiker gehört Res Matter, Mitbetreiber der Wohler Kulturbeiz. «Es stimmt mich ein wenig nachdenklich, wenn ich sehe, dass die Vermarktung in der Fussballwelt heute fast mehr Platz einnimmt als der Sport selber», meint Res Matter. Ganz auf das grosse Fussball-Bildli-Sammeln verzichten wollte Matter aber dennoch nicht. «Als Kulturbeiz unterstützen wir in diesem Jahr die ‹Tschutti-Heftli›-Spezialausgabe, die eine sympathische Alternative zum Panini-Album bietet», erklärt Res Matter.

Die Luzerner Redaktion des «Tschutti-Heftli», das dreimal jährlich herausgegeben wird und aus ungewohntem Blickpunkt über die Fussballwelt berichtet, hat bereits vor der EM 2008 ein eigenes Sammelalbum lanciert. Nach dem unerwartet grossen Erfolg folgt jetzt die WM-2010-Ausgabe. 37 Künstlerinnen und Künstler aus der Schweiz und Deutschland haben das Projekt dieses Jahr unterstützt und unentgeltlich Porträts von insgesamt über 400 an der WM teilnehmenden Fussballern gestaltet. Diese Porträts sind in 20er-Packungen für zwei Franken pro Packung an verschiedenen Verkaufsstellen erhältlich.

Unterstützung für Trinkwasserprojekt

Eine der wenigen Verkaufsstellen der Tschutti-Bildli im Kanton Aargau ist die Wohler Kulturbeiz. «Es war die gelungene Mischung aus Fussballbegeisterung und sozialem Gedankengut, die uns dazu bewegte, uns als Verkaufsstelle der ‹Tschutti-Heftli›-Spezialausgabe zur Verfügung zu stellen», erklärt Res Matter. Zehn Prozent des Erlöses spenden die Herausgeber an das Projekt «Viva con Agua», das dieses Jahr ein Trinkwasserprojekt in Moçambique unterstützt. Die Kulturbeizer spenden dem Projekt zudem den ihnen zustehenden 25-Prozent-Anteil am Erlös.

Mehr Abwechslung und Spannung

Hat das «Tschutti-Heftli» überhaupt eine Überlebenschance neben dem allmächtigen Panini-Album? Oder ist es mehr ein Gag als eine ernst gemeinte Alternative? «Zugegeben, es ist ein kleiner Fankreis von knapp 30 Personen, die bei uns Tschutti-Bildli kaufen und sich zum Tausch treffen», bemerkt Res Matter. «Das Sammeln macht aber auch im kleinen Kreis unglaublich Spass.» Trotz der verhältnismässig kleinen Fangemeinde gibt es auch für die Tschutti-Bildli-Fans regelmässige Tauschbörsen und die Möglichkeit, online nach fehlenden Bildern zu suchen. Wer noch einsteigen will, der kann das jederzeit tun. Zwei der treuen Wohler Tschutti-Bildli-Sammlerinnen sind Claudia Galliker und Patrizia Keusch. «Die Tschutti-Bildli sind viel abwechslungsreicher und spannender als die Panini-Porträts», betonen beide. Auch sie habe aber vor allem der soziale Aspekt des «Tschutti-Heftli» zum Mitmachen bewogen. «Wenn man beim Sammeln auch gleich noch ein sinnvolles Projekt unterstützt, dann macht das ganze Fussball-Fieber doch viel mehr Spass!»

Nordkorea mit Zensurbalken

Die total 445 Tschutti-Bildli sind stark geprägt vom Charakter des Landes, für das die abgebildeten Sportler an der WM um den Pokal kicken. Es sind nicht einfach plumpe Nahaufnahmen, sondern viel mehr kleine Kunstwerke, die einem zum Lachen und manchmal auch zum Rätseln bringen. Die Schweizer Profi-Kicker kommen allesamt als Heilige daher. Die Algerier sind – gezeichnet vom heiss umkämpften Qualifikationssieg gegen Ägypten – mit blutigen Köpfen abgebildet. Die Ivorer sind auffällig modisch gekleidet und Nordkoreas National-Elf kommt in einheitlicher Militäruniform und teilweise mit Zensurbalken vor den Augen daher. Ist das nicht ein bisschen überzeichnet? «Das Beispiel der nordkoreanischen Mannschaft ist etwas krass», gibt Res Matter zu. «Das ‹Tschutti-Heftli› wird von der Fifa nicht offiziell anerkannt. Die künstlerische Freiheit wurde bei der Produktion umso grösser geschrieben.» Die dadurch entstandene Vielfältigkeit des ‹Tschutti-Heftli› mache das Sammeln erst so spannend, betont Matter. Bis zum Anpfiff am 11. Juni, hofft Matter, verfalle noch der eine oder andere dem «Tschutti-Heftli»-Fieber. Bildli tauschen kann man in der Kulturbeiz auch noch während der WM. Und wer nicht tauschen, sondern die WM live mitverfolgen will, ist bei der Kulturbeiz ebenfalls an der richtigen Adresse.