Nie gespielt, aber eine Legende

Der Mann hat kein einziges Mal das gelb-schwarze Dress übergestreift, er hat für den Super-League-Fussballklub Young Boys kein Tor erzielt und dennoch ist Charles Beuret eine YB-Legenden. Der Medienchef, der Ende Jahr in Pension geht, hinterlässt dem Berner Club ein unbezahlbares Vermächtnis.

Drucken
Beuret_dsc.jpg

Beuret_dsc.jpg

Solothurner Zeitung

Walter Ryser

Wenn YB-Fans ins Schwärmen geraten, dann fallen Namen wie Geni Meier, Walter Eichenberger, «Wale» Müller, «Köbi» Brechbühl, «Dinu» Weber oder Lars Lunde. Es sind Namen, die jedem YB-Fan geläufig sind. Es sind Spieler, die beim heutigen Super-League-Fussballklub BSC Young Boys längst Legenden-Status geniessen.

Ein 100-jähriges YB-Leibchen

Als erster Schweizer Fussballklub besitzen die Berner Young Boys ein Museum, das die Klubgeschichte dokumentiert. Das Museum im Stade de Suisse ist das Werk von YB-Medienchef Charles Beuret. Und es ist ein beeindruckendes Werk, das der 64-jährige, zweifache Familienvater hier geschaffen hat. Prunkstück des YB-Museums sind die beiden Meistertrophäen, welche die Young Boys nach drei (1908- 1910) und vier (1957-1960) aufeinanderfolgenden Titelgewinnen definitiv gewannen. Daneben sind vor allem aus der Zeit der zweiten Meisterserie in der Ära des legendären YB-Trainers Albert Sing zahlreiche Trophäen und Fanions zu sehen, die an unvergessliche Spiele im Europacup erinnern. Im Museum befindet sich auch noch ein gut erhaltenes YB-Leibchen aus der Gründerzeit um 1898. «Dies alles habe ich in mühsamer Kleinarbeit aus verschiedenen Ecken in Bern zusammengetragen», sagt Beuret dazu. Daneben erhalten die Besucher auf vier Bildschirmen und in einem Klubkino Einblicke in alte YB-Zeiten. Das Museum kann mit Stadionführungen oderjeweils samstags (14 bis 16 Uhr) besucht werden. (war)

Den Namen Charles Beuret dagegen nennt kein YB-Fan, viele von ihnen kennen ihn nicht einmal - und unter die Legenden würden sie ihn schon gar nicht einreihen. Damit liegen sie komplett falsch. Der weisshaarige Herr, bald 65 Jahre alt, hat zwar nie ein gelb-schwarzes YB-Dress übergestreift, weder im Wankdorf noch in einem andern Schweizer Fussballstadion je ein Tor für YB erzielt und dennoch steht er auf der gleichen Stufe wie die eingangs erwähnten, ehemaligen YB-Spieler.

Charles Beuret, aktueller Medienchef beim Berner Fussballklub, wird Ende Jahr bei seiner Pension YB etwas hinterlassen, das wertvoller ist als jedes Tor und jede Trophäe, die von den «wahren» YB-Legenden beigesteuert wurden: Beuret hat das beeindruckende YB-Museum geschaffen (siehe auch Kontext), dazu ein Archiv angelegt, das alles lückenlos dokumentiert bis zurück ins Gründungsjahr 1898. Zusammen mit Stefan Niedermaier, CEO Stade de Suisse, rettete er zudem die alte Wankdorfuhr vor der Verschrottung. Diese steht heute vor dem Stade de Suisse und dient vielen Touristen (vorwiegend deutschen) als beliebtes Foto-Sujet - wegen Deutschlands 3:2-Sieges im WM-Final von 1954 über Ungarn.

Das alles kann nur einer, dessen Herz gelb-schwarz schlägt. Die Faszination für diesen Klub könne er kaum beschreiben. «Charly», wie er von seinen Freunden genannt wird, tut sich schwer, eine Erklärung zu liefern für sein grosses Engagement gegenüber den Young Boys. «YB gehört einfach zu Bern, und ich bin durch und durch Berner», sagt er. Es sei ein Klub mit einer faszinierenden Geschichte. «Als Berner ist man stolz auf diesen Klub. Ja», gibt er lachend zu. «Wenn das Herz für YB schlägt, dann spinnt man einfach und macht alles für diesen Klub.»

Angefangen hat alles als kleiner Bub. Klein «Charly» war ein begeisterter Zeitungsleser, vor allem den Sportteil habe er verschlungen. Die Artikel über die Berner Young Boys habe er sogar ausgeschnitten und besitzt er heute noch. «Für mich war schnell klar, ich wollte im Stadion dabei sein.» Von da an liess ihn dieser Klub nie mehr los und begleitete ihn sein ganzes, berufliches Leben lang. Bereits kurz nach Abschluss der Handelsmatur stieg Charles Beuret in den Journalismus ein. Fast 30 Jahre lang begleitete er als «Bund»-Redaktor die Young Boys. Als dann die Berner Traditionszeitung vor einigen Jahren ihre Selbstständigkeit aufgeben und etliche Redaktionsstellen abbauen musste, da war Beurets offizieller Transfer ins Wankdorf nur noch eine Formsache.

Als Medienchef hat Beuret in den letzten vier Jahren nicht bloss seine ehemaligen Journalisten-Kollegen mit den üblichen Bulletins vor den Spielen bedient, nein: Beuret hat weit mehr getan, als Woche für Woche einige Schreiberlinge bei Laune zu halten. Er verschaffte den Young Boys schlicht und einfach ein neues, glaubhaftes und von vielen geschätztes Image.

«Ja, das mag zutreffen», sagt Beuret zaghaft und bestätigt, dass die Arbeit mit den Journalisten nur einen Teil seiner Aufgaben ausmacht. Er nimmt sich auch gewissenhaft all jenen Fans an, die unzufrieden sind. Er antwortet ihnen persönlich, nimmt ihre Anliegen ernst, versucht zu schlichten, macht ihnen Freundschafts-Angebote. Als Beispiel nennt er eines der letzten Super-League-Spiele gegen die Grasshoppers: «Erstmals seit langem wurden im Stadion keine Feuerwerkskörper gezündet», sagt er und zeigt sich erfreut über die rigorosen Eingangskontrollen. Doch nicht alle YB-Fans sind mit ihm einig. «Am nächsten Tag hatte ich 40 Mails von erbosten Fans, die sich beschwerten, dass sie lange hätten anstehen müssen und wegen der unsinnigen Kontrollen den Start der Partie verpasst haben.» Beuret versteht diese Leute nicht, aber er wird ihnen antworten: «Auch das ist Öffentlichkeitsarbeit.»

Daneben pflegt er regen Kontakt mit vielen ehemaligen Spielern, lädt diese zu gemeinsamen Treffen ins Stade de Suisse ein, etwas, das er zusammen mit der Betreuung des YB-Museums auch nach seiner Pensionierung tun wird. Gerade die Ehemaligen würden diese Gesten schätzen. «Es zeigt ihnen, dass man sie nicht vergessen hat, dass der Klub an sie denkt und ihr Engagement auch heute noch schätzt.»
Es sind nicht nur die grossen Namen, die Beuret einlädt: Kürzlich ist auf Antrag von ihm ein Spieler zum YB-Ehrenmitglied ernannt worden, der während der vier legendären Meisterjahre von 1957 bis 1960 zum YB-Kader gehörte, aber keine Minute zum Einsatz kam. Auch Charles Beuret hat keine Minute für YB gespielt, bei künftigen «Legenden»-Treffen gehört er aber zweifellos dazu.

Aktuelle Nachrichten