see

Mitgegangen – nicht mitgehangen

Junges Pärchen kam vor dem Bezirksgericht Brugg mit einem blauen Auge davon. (Bild: Walter Schwager)

Gericht

Junges Pärchen kam vor dem Bezirksgericht Brugg mit einem blauen Auge davon. (Bild: Walter Schwager)

Weil keine rechtsgenüglichen Beweise für ihre Schuld erbracht werden konnten, sind zwei junge Leute vom Vorwurf der Gehilfenschaft zur teilweise versuchten Erpressung freigesprochen worden.


Louis Probst

Die Geschichte mutete - wie vor Gerichten nicht unüblich - höchst seltsam an: Da hatte sich ein junges Paar einem flüchtigen Bekannten angeschlossen, der offenbar bei einem «Wohltäter» Geld «abholen» wollte. Das Trio begab sich zu der vermeintlichen Geldquelle. Dort setzte man sich gemeinsam ins Auto des potenziellen Geldgebers und fuhr mit ihm zu einer Dorfbank im Bezirk Brugg. Dort hob der Wohltäter 80 Franken ab.

Irrfahrt zwischen den Banken

Offenbar war das aber in den Augen des Empfängers zu wenig. Gemäss den Erkenntnissen der Untersuchungsbehörde soll es jedenfalls im Auto zum Streit gekommen sein. Schliesslich fuhr der Besitzer des Wagens zu einer anderen Bank. Weil diese aber geschlossen hatte, steuerte man wieder die erste Bank an. Dort begaben sich der Geldgeber und der Bekannte des Pärchens in die Bank. Der Bankangestellten schien die Sache aber nicht ganz koscher zu sein. Sie intervenierte. Darauf wurde der flüchtige Bekannte zum flüchtigen Bekannten im wörtlichen Sinne: Er liess den Kontoinhaber stehen, verliess die Bank, setzte sich ans Steuer des Wagens des Geldgebers in spe und fuhr mit seinen beiden Begleitern davon.

Der Geschädigte wandte sich an die Polizei. In der Folge befasste sich die Jugendanwaltschaft mit dem Hauptakteur der seltsamen Aktion. Und den beiden «Mitfahrenden» flatterten Strafbefehle des Bezirksamtes ins Haus. Weil die Untersuchungsbehörden nämlich der Ansicht waren, dass beide mitgeholfen hätten, den Geschädigten einzuschüchtern, wurden sie wegen Gehilfenschaft zur teilweise versuchten Erpressung, Nötigung und Entwendung zum Gebrauch zu bedingten Geldstrafen verurteilt. Beiden wurden zudem Übertretungen des Betäubungsmittelgesetzes und dem jungen Mann auch noch Gewalt und Drohung gegen Beamte vorgeworfen. Er war im Zusammenhang mit einer Bussenumwandlung von der Kantonspolizei angehalten worden und hatte bei der Fahrt auf den Posten zwei Beamte übel beschimpft und sogar bedroht.

Weil sich die beiden jungen Leute mit dem Urteil des Bezirksamtes nicht einverstanden erklären wollten, hatten sie sich vor Bezirksgerichtspräsident Hans-Rudolf Rohr als Einzelrichter zu verantworten.

Unklare Rollenverteilung

Vor Gericht gaben die beiden Angeklagten die Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz unumwunden zu. «Ich kiffe heute nur noch abends wegen meiner Schlafstörungen», sagte die junge Frau. Zum Vorwurf der Drohung gegen Beamte meinte der Angeklagte, dass er zum fraglichen Zeitpunkt alkoholisiert gewesen sei. Von der Mitwirkung bei einer Erpressung dagegen wollten die beiden partout nichts wissen.

Man habe den Hauptbeschuldigten nur «vom Sehen» gekannt, gaben beide an. «Er ist zu uns gekommen und hat gesagt, dass er Geld abholen könne und ob wir mitgehen wollten», sagte die junge Frau. «Ich bin mitgegangen, ohne zu wissen, um was es da eigentlich ging», meinte der Angeklagte. «Ich habe erst später erfahren, was da wirklich gelaufen ist.» Auch seine Freundin versicherte: «Ich habe nichts von einer Erpressung gewusst. Wenn ich gewusst hätte, um was es da geht, wäre ich zu Hause geblieben.»

Keine Beweise - daher Freispruch

Bezirksgerichtspräsident Rohr sprach die beiden Angeklagten vom Vorwurf der Gehilfenschaft zur teilweise versuchten Erpressung frei. «Das Ganze ist zu diffus», erklärte er. «Der Vorwurf lässt sich nicht rechtsgenüglich nachweisen.» Er belegte daher die junge Frau wegen der
Betäubungsmitteldelikte mit einer Busse von 200 Franken. Den jungen Mann verurteilte er wegen mehrfacher Drogendelikte, Drohung gegen Beamte und Übertretung des Transportgesetzes zu einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu je 30 Franken sowie zu einer Busse von 300 Franken. Die Geldstrafe wurde bedingt ausgesprochen obwohl der Angeklagte in der Probezeit nach einer früheren Verurteilung straffällig geworden war. Der Gerichtspräsident verzichtete zudem auf den Widerruf des bedingten Erlasses einer Strafe, die der Angeklagte wegen Diebstahl und Hausfriedensbruch gefasst hatte.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1