Sekundarschule
Kontroverse über die Chancen in der Sekundarschule

Am Mittwochabend haben Eltern, Lehrer, Schulleiter, Behördenmitglieder und Vertreter aus der Wirtschaft mit einer Delegation des Volksschulamtes über die künftige Ausrichtung der Sekundarschule diskutiert.

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Sek Affoltern

Sek Affoltern

Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern

Von Martin Platter

Ähnlich wie bei den ausufernden Sonderpädagogischen Massnahmen, versucht die Zürcher Bildungsdirektion derzeit auch bei der Sekundarschule dem kostspieligen und unübersichtlichen Wildwuchs an verschiedenen Schulvarianten Einhalt zu gebieten. Die Amtsvertreter sind sich dabei sehr wohl bewusst, dass sie subtil vorgehen müssen, um keinen politischen Orkan auszulösen. Anders als ihr Vorgänger Ernst Buschor, der als Schulreformturbo galt, versucht sich Regierungsrätin Regine Aeppli mit einer breit angelegten Grundsatzdiskussion an die Thematik.

Das Vorgehen dazu ist umfangreich und aufwendig. Am 12. September 2008 erfolgte der Projektstart. Unter dem Titel «Chance Sek» sollen nun innerhalb von 16 Monaten alle involvierten Kreise zu Wort kommen - neuerdings auch die Betroffenen selber, nämlich die Schülerinnen und Schüler. Sieben Anhörungen an unterschiedlichen Sekundarschulen haben bereits stattgefunden.

Umfangreiche Erhebung

Dazu kommt eine Befragung ausgewählter Lehrpersonen, in Zusammenarbeit mit den Lehrerverbänden ZLV und SekZH beziehungsweise der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH) durch eine externe, unabhängige Stelle. Zu den Themen Lehrplan und -mittel, Ausbildung und Personalfragen werden weitere «Hearings» durchgeführt. Erstmals spielt bei der Lösungsfindung auch das Internet eine zentrale Rolle. Unter chance-sek.zh.ch können sämtliche Protokolle abgerufen sowie Ziele, Meinungen und auch Kritik angebracht werden. Begleitet wird das Projekt von einer gemäss -verfasser «kritischen Resonanzgruppe».

Im Affoltermer Kasino wurde am Mittwochabend die vierte von sieben Forumsveranstaltungen in den Regionen des Kantons durchgeführt. Unter dem Vorsitz von Martin Wendelspiess, Leiter Volksschulamt, und Joseph Hildbrand, Chef Bildungsplanung, diskutierten Lehrer, Schulleiter, Schulbehördemitglieder, Eltern und Vertreter aus der Wirtschaft über den Ist- und Sollzustand der Sek. Die Themenvorgabe: Wie können die Übertritte zwischen Primar-, Sek I und Sek II gestaltet werden, dass sie chancengerecht sind und die individuellen Leistungs- und Entwicklungspotenziale der Schulerinnen und Schüler berücksichtigt werden?

Deutliche Worte zum Ist-Zustand

Die einleitenden Worte von Hildbrand zur Ausgangslage waren deutlich: Gemäss PISA-Studie erreichten ein Fünftel der Schulabgänger die vorgegebenen Leistungsziele nicht. Seit 30 Jahren ist im Kanton eine Auseinandersetzung über das richtige Sekschulmodell im Gang. Das habe zur Folge, dass jede Gemeinde «etwas Eigenes» mache.

Wendelspiess zeigte auf, dass bezüglich Chancengleichheit vieles im Argen liegt. Die Schere zwischen SekA- und SekC-Schülern, die nach Schulabschluss keine Lehrstelle finden, gehe im Zuge der sich verschärfenden Wirtschaftssituation laufend mehr auf. 2008 fanden 1,6 Prozent der Schweizer SekA-Abgänger keine Lehrstelle, sogar 4,2 Prozent der Schüler waren es mit ausländischem Pass. In der Sek B waren es bereits 5,5 Prozent (11 Prozent Ausländer). Mit SekC- und Kleinklassenabschluss stehen die Chancen am schlechtesten mit 14,7 Prozent (23,7 Prozent Ausländer). Das führt zu grossem Druck auf die SekA, der bereits in der Primarschule bei den Zuteilungen spürbar ist. Denn die Zusammensetzung in C-Klassen, die oft einen hohen Anteil an Jugendlichen aus bildungsfernen Familien ausländischer Herkunft aufweisen, ist der Lernleistung abträglich. Jugendliche mit vergleichbaren Leistungen in den B-Klassen würden deshalb gegenüber C-klassigen Schülern bevorzugt, führte Wendelspiess aus.

Gravierende Chancenungleichheit

Gehe man in die Tiefe, stelle sich jedoch heraus, dass es zwischen den Stufen inklusive Gymnasium erstaunliche Leistungsüberschneidungen der Schüler gebe. Je weniger an den Sekundarschulen jedoch das Modell mit Anforderungsstufen angewendet werde, desto weniger wird diesen unterschiedlichen Leistungen durch Umstufung Rechnung getragen, erklärte der Volksschulamtleiter. (Das Gros der Sekundarschulen im Kanton führt nach alter Väter Sitte noch immer die mit drei Abteilungen ohne Anforderungsstufen, die zuvor Sek-, Real- und Oberschule genannt worden war. Eine Umstufung bedingt, dass man in allen Fächern das nächst höhere Leistungslevel erreicht. Mit den verschiedenen Anforderungsstufen in der dagegen ist es bei einseitiger Begabung möglich, beispielsweise für Deutsch und Mathematik unterschiedliche Leistungsstufen zu erreichen.)

Die Bildungsdirektion strebt deshalb eine Vereinheitlichung der unübersichtlichen Modellvielfalt an, die den grossen Leistungsüberschneidungen Rechnung trägt und die relativ geringe Durchlässigkeit zwischen den Stufen behebt. Sie erhofft sich davon eine Milderung der Benachteiligung von Sek-C-Schülern beim Übertritt ins Erwerbsleben. Das dritte Sekundarschuljahr soll zudem nach dem Muster der Pilotschule Affoltern neu gestaltet werden, hin zum Projektunterricht mit einer Abschlussarbeit. Das fördert die fachübergreifenden Kompetenzen der Jugendlichen.

Divergierende Meinungen

Im Gespräch mit den Schulpräsidenten stellte sich später jedoch heraus, dass die genannten Probleme teilweise von der Politik und deren ausführendem Organ, der Bildungsdirektion «hausgemacht» sind. Namentlich die im Zuge von Einsparungen eingeführten, sehr strikt zugeteilten Vollzeiteinheiten für die Lehrkräfte führten zur Zusammenlegung von Klassenzügen verschiedener Sekundarstufen. Ein weiteres Problem ist die Ausbildung der Lehrkräfte nach dem Bologna-Prinzip. Sie verhindere Generalisten, wie sie in der Sek C gefragt aber nur sehr schwer zu finden seien.

Mehr als einmal wurde sogar die Meinung geäussert, dass ohne Stufen - wie in der Primarschule - die genannten Probleme am ehesten eliminiert werden könnten. Andere waren gegenteiliger Ansicht, dass nur mit strikten Leistungsvorgaben und gezielter Förderung Abhilfe geschaffen werden könne. In der Diskussion spiegelte sich die Vielfalt der praktizierten Schulmodelle. In jedem Fall führe die Modelldiskussion auch über eine Resscourcendiskussion (Stichwort: Kosten), war der einhellige Tenor.

Klare Anforderungsprofile gefragt

Die Gruppe der Lehrpersonen plädierte dafür, dass die Sek und auch das Gewerbe ihre Anforderungen noch klarer definierten und appellierte an die Verantwortung der Eltern, die an der Schwelle zur Schule nicht aufhöre. Die wichtige Bedeutung der Förderung fachübergreifender Kompetenzen wurde hervorgehoben wie auch die der Zeugnisse. Und ein guter Kontakt der Lehrpersonen mit den lehrlingsausbildenden Gewerbetreibenden.

Als Antwort rief ein Vertreter des Lehrstellenforums die Internet-Seite des kantonalen Gewerbeverbandes (kgv.ch) in Erinnerung. Auf dieser können Anforderungsprofile von mindestens 50 Berufen herunter geladen werden. Auffällig oft und eindringlich war von Seite der Gewerbevertreter der Ruf nach Disziplin und grundlegenden Anstandsregeln zu hören. Das zeigt, dass die Schule in Zukunft vermehrt noch andere Aufgaben als das reine Vermitteln von Schulstoff zur Aufgabe haben wird.

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