Pro&Kontra
Kommerz-Zirkus vs. Kultur-Highlight: Wie stehts um die Seele unserer Open Airs?

Die Schweiz ist ein Open Air Land: Beinahe jedes Wochenende findet irgendwo eines statt. Die einen empfinden dies als bereichernd, die anderen als sinnlose Geldmache. Pro und Kontra unserer Redaktoren Stefan Schmid und Stefan Künzli.

Stefan Schmid und Stefan Künzli
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Schiessbuden-Zirkus mit Billig-Zigaretten, findet Stefan Schmid, Inland-Chef «Nordwestschweiz»

Vielleicht, ich schliesse es nicht aus, ist meine zunehmende Aversion gegen Massen-Open-Airs wie jenes auf dem Gurten, in Zofingen oder St. Gallen auf mein zunehmendes Alter zurückzuführen. Vielleicht war ich mit 20 unkritischer, begeisterungsfähiger, hemmungsloser oder einfach anders.

Stefan Schmid, Inland-Chef «Nordwestschweiz»

Stefan Schmid, Inland-Chef «Nordwestschweiz»

Nordwestschweiz

So wie die heutigen Jungen ja auch anders sind: Sie wollen vor allem feiern – egal, ob eine Weltklasse-Indie-Band auf der Hauptbühne steht oder der städtische Durchschnitts-DJ im Baccardi-Dome auflegt, egal zu welcher Nachtzeit. Die Schuhe werden nicht mehr dreckig. Eine politische Haltung ist den Digital Natives suspekt. Das könnte ja der Karriere schaden. Hauptsache, man postet rasch ein paar Selfies auf Facebook oder Instagram und lässt am Schluss, wie in Frauenfeld passiert, das Billigzelt und den Partygrill ungeniert stehen. Das Abfallproblem wird überbewertet.

Als Ostschweizer gehörte für mich das Open Air St.Gallen jahrelang zum Pflichtprogramm. Drei Tage im Sittertobel mit dreckigen Stiefeln, wenig Schlaf, viel Bier und Tabak, politischen Diskussionen und natürlich guter Musik. Selbstverständlich war die Kommerzialisierung auch vor 15 oder 20 Jahren bereits im fortgeschrittenen Stadium. Schliesslich taumeln die Organisatoren seit jeher am finanziellen Abgrund.

Doch ein Hauch Woodstock schwebte stets über der heimeligen Zeltstadt unten im Tobel. Man durfte das Bier harassenweise selber mitnehmen. Zwischen den Zelten brannte das Lagerfeuer. Um 2 Uhr nachts kehrte Ruhe ein. Wer nicht schlafen mochte, trank ein letztes Bier vor dem eigenen Zelt oder plauderte mit den Nachbarn. All die gestylten Fräuleins mit schicken Schuhen und tiefem Décolleté, all die coolen Herrleins mit weissen, ärmellosen T-Shirts und Tattoos an den Unterarmen blieben zu Hause – weil sie nicht an ein Open Air gehörten.

Es war ihnen zu dreckig, zu unkonventionell, zu alternativ. Heute aber sind sie alle da und wippen aus sicherer Distanz mit. Zwischendurch verlustieren sie sich an den Schiessbuden, wo es vom gelben Plüschtiger über DVDs und Schmuck bis zum Einsatz für die bedrohten Bienen alles zu kaufen, zu gewinnen oder zu spenden gibt. Und sie rauchen ab und an eine Billig-Zigarette, die ihnen eine Marlboro-Dame mit schicken Schuhen und tiefem Décolleté zugesteckt hat.

Vielleicht würde mich das alles nicht stören, wenn ich nochmals 20 wäre. Vielleicht bin ich ein Nörgler, der aus der Zielgruppe herausgewachsen ist. Doch ich bleibe dabei: Die grossen Open Airs haben ihre Seele verkauft.

Die unzähligen Open Airs bereichern den Kultursommer, findet Stefan Künzli, Musikredaktor «Nordwestschweiz»

Seit Woodstock haben die Open Airs einen weiten Weg zurückgelegt. Vom Geist der Hippie-Glückseligkeit ist zumindest bei den grossen Open Airs tatsächlich nicht mehr viel geblieben.

Stefan Künzli, Musikredaktor «Nordwestschweiz»

Stefan Künzli, Musikredaktor «Nordwestschweiz»

Nordwestschweiz

Man kann das bedauern, aber es ist eine Überlebensstrategie. Denn das Open-Air-Business ist mit seiner Wetterabhängigkeit trotz hoher Nachfrage ein Hochrisiko-Geschäft geblieben. Es überlebt nur, wer knallhart kalkuliert, budgetiert und sich nach den Geboten des Marktes richtet. Wer da nach Friede, Freude, Eierkuchen ruft, ist ein Träumer. Und die Frage nach dem Sinn ist müssig, denn pro Jahr besucht fast jeder dritte Schweizer ein Open Air. Tendenz immer noch steigend. Musikalische Freiluftveranstaltungen entsprechen ganz offensichtlich einem Bedürfnis.

Dazu bereichert der anhaltende Open- Air-Boom den Schweizer Kultursommer. Eine solche Fülle an Pop- und Rock-Legenden, Stars, Newcomern und Lokalhelden kann nur im Schweizer Festivalsommer erlebt werden. Die Vielfalt ist enorm. Die verschiedensten Geschmäcker, Ziel- und Altersgruppen werden bedient. Die experimentierfreudigen Musikfreaks zieht es an die Bad Bonn Kilbi, Rock- und Metalheads ans Greenfield in Interlaken, die Hip-Hopper nach Frauenfeld und die Klassikfans nach Avenches oder ins Nahe Bregenz.

Wer es gediegener mag, geht ans Live at Sunset in Zürich, wo er sich auch kulinarisch verwöhnen lassen kann. Und alles zusammen gibt es am Montreux Jazz Festival, der Mutter aller Schweizer Sommerfestivals.

Und ja: Selbst wer Hippie-Seligkeit und Woodstock-Nostalgie sucht, wird im Sommerprogramm fündig. Gerade in der Nordwestschweiz gibt es viele kleine Open Airs, die sich mit Erfolg dem Kommerzzwang verweigern. An Open Airs wie dem Festival des Arcs, Ehrendingen, am Open Eye, Oberlunkhofen, am Open Air Etziken, am Open Air Wipkingen, am Liestal Air, am Im Fluss in Basel oder am Lost in Nature, Birmenstorf, gibt es keine grossen Namen, aber auch keine Sponsoren oder Werbebanner.

Die meisten Stars kommen aus der Region. Atmosphäre statt hoher Ticketpreise. Freiraum statt Profitdenken. Happening statt Konsumzwang. Idylle pur.