Autobahnraststätte

Internationale Begegnungen auf der Autobahnraststätte

Eine bunt gemischte Menschenschar legt zum Ferienende einen Halt in der Prattler Autobahnraststätte ein. Die Schweizer sind klar in der Minderheit.

Von Andreas Maurer

Sie wohnen weit von einander entfernt und treffen sich jeweils am Wochenende zum Motorradfahren. «Wir sind Freunde auf Distanz», sagt Gerhard Frey verschmitzt. Während zweier Tage rollen die vier Deutschen über sieben Schweizer Pässe. Dicke Regentropfen auf Freys runder Brille erschweren ihm die Sicht während der Zigarettenpause in Pratteln.

«Die Raststätte ist toll zum Unterstehen. Wäre das Wetter aber schön, würden wir sicher nicht hier halten», erklärt er. Der füllige Töfffahrer hört schlecht. «Tinnitus wegen beruflichem Stress», lautet die Diagnose. Gegen Stress hat der Breisgauer zwei Strategien entwickelt: «Am Feierabend schalte ich einen werbefreien Fernsehsender mit vielen Reportagen ein und am Wochenende mache ich eine Töfffahrt mit meinen Freunden - wie heute.»

Die Schweizer Strassen entzücken die Deutschen: «Sie sind sicher und gepflegt.» In der Schweiz halten sie sich ausnahmsweise an die Geschwindigkeitsbegrenzung: «Wenn in Deutschland 120 km/h vorgeschrieben sind, fahren wir nach Tacho 140 km/h. Nach Abzug der Toleranz hält sich die Busse in Grenzen.» In der Schweiz hingegen halten sie sich strikt ans Gesetz. Und sowieso: «Wir fahren zügig, rasen aber nicht.»

Vor dem grossen Aschenbecher beim Meeting Point stehen noch mehr Deutsche: Statt schwarzer Motorradkluft tragen sie pink. Ihr Ziel ist offensichtlich die Zürcher Street Parade. Bereits zum vierten Mal habe ein Bekannter einen Car organisiert, erzählt Julia Zander. Die junge Karlsruherin nutzt die Pause für ein morgendliches Bier. Die Raststätte in Pratteln gefällt ihr.

Den 70er-Jahre-Bau stuft sie als futuristisch ein. «Wir lieben die Schweiz. Ihr habt einen netten Dialekt, auch wenn wir ihn schwer verstehen», lacht sie. Die Schweiz kennt sie aber kaum: «Man sieht ja nichts von eurem Land, wenn ihr überall Tunnel baut!» Lange wird sie auch nicht hier bleiben: Nachts um zwei Uhr fährt der Car wieder nach Hause.

Ein paar Schritte weiter friert eine dreiköpfige Familie aus Rotterdam vor dem Tankstellenladen. Es ist ihre dritte Raststätte auf der Fahrt nach Italien. Die Schulferien dauern in Holland noch eine Woche. Diese verbringen die drei in einem gemieteten Bungalow am Meer bei Pisa. Bisher waren sie in Spanien in den Ferien, aber noch nie in der Schweiz. Der Vater, Dave van Gils, zeigt auf den strömenden Regen über der sechsspurigen Autobahn und scherzt: «Es ist auch nicht so schön hier.» Die Familie hält aus einem anderen Grund in Pratteln: «Benzin und Kaffee tanken.»

Ein Car nach dem anderen taucht aus dem Nebel auf und entleert sich auf der Raststätte. Geduckt huschen britische Pfadfinder und betrunkene Technofans ins Trockene. Der Verkehr fliesst flüssig. Im Gegensatz zum Ferienende vor einem Jahr staut er sich nicht mehr bis auf die Autobahn zurück. Dafür sorgen zwei junge Verkehrskadetten in zu grossen grell orangen Uniformen.

«Wir sind jeden Samstag und Sonntag hier», erklären sie. Hinter ihnen hält ein weiterer Car. Ein Übermütiger klopft einem Verkehrskadetten kräftig auf die Schulter. «Wo ist denn hier die Wechselstube?», lallt er, bevor er sich selber umgeschaut hat. Die beiden Uniformierten nehmen es gelassen. «Die meisten nehmen uns ernst», erzählt der 15-jährige Sinan Ince.

Ihre Arbeit auf der Raststätte gefällt den beiden: Neben dem Sackgeld können sie hier ihre Sprachkenntnisse aufbessern. «Und es ist mal etwas anderes, als nur Strassen abzusperren. Hier können wir das Gelernte umsetzen» , freut sich der 17-jährige Verkehrskadett Andreas Sacker. Die Ausbildung habe ein Jahr gedauert. «Man lernt die Nordwestschweiz kennen und Verantwortung zu übernehmen», blickt er auf seine drei Jahre als Verkehrskadett zurück. Der einzige Nachteil: «Wir arbeiten bei jedem Wetter.»

Im Innern der gelben Autobahnbrücke mit den grossen Bullaugen ist es stickig. Müde Blicke schweifen über die Souvenirregale. Draussen ist die Atmosphäre trister, doch die Stimmung ist gelöster. Die internationalen Gäste kommen schnell miteinander ins Gespräch. Die Reisenden Richtung Zürich johlen und posieren ohne gefragt zu werden für den bz-Fotografen. Trotz der unterhaltsamen Pause: Der Abschied von Pratteln fällt niemandem schwer.

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