Baselbieter Strafgericht

Im Vorhof zur Verwahrung

Wenn der 20-Jährige jetzt nicht begreift, dass es Zeit für eine radikale Umkehr ist, wird er nach einer weiteren Straftat für unbestimmte Zeit verwahrt.

Rolf Schenk

Der im Oberbaselbiet aufgewachsene Bosnier ist bereits vom Jugendrichter und anderen Gerichten mehrfach wegen Gewalttaten verurteilt worden. Er sei in der Schule immer wieder gemobbt worden, deshalb habe er sich mit Gewalt Respekt verschafft und danach an dieser Rolle gefallen gefunden, erzählte der Angeklagte der Kammer des Baselbieter Strafgerichts.

Dieses hatte seinen Fall seit Mittwoch zu beurteilen und schickt ihn nun für 4 1/4 Jahre ins Gefängnis. Das ist noch «gnädig», denn die Höchststrafe hätte für die angeklagten Delikte auf bis zu zehn Jahren Freiheitsentzug lauten können; bei Raub mit Körperverletzung wären sogar 15 Jahre Gefängnis möglich.

Er habe aus Dummheit gestohlen - «für nichts», wie er in einem Anflug von Einsicht eingestand. Dies scheint der Jugendliche aber eher aus Selbstschutz behauptet zu haben.

Echte Reue hat er vor Gericht kaum gezeigt, auch wenn er einem seiner Opfer einmal einen Entschuldigungsbrief geschrieben hat. Ein Gutachter hat ihm zwar eine disoziale Persönlichkeitsstörung attestiert, ihn aber trotzdem für voll zurechnungsfähig erklärt.

Nachdem er der unter Strafgerichtspräsident Adrian Jent tagenden Kammer verschiedentlich erklärt hatte, dass die eingeleiteten therapeutischen Massnahmen bei ihm nicht funktionieren würden und nichts gebracht hätten, hat er sich auch die Einweisung in eine Anstalt für jugendliche Erwachsene endgültig verbaut.

Aus der Vielzahl der ihm zur Last gelegten und in den Grundzügen zumeist auch eingestandenen Straftaten sei hier nur der vom Gericht als Raub taxierte Überfall auf einen Gleichaltrigen geschildert.

Der Angeklagte hatte ihn in der Wohnung eines Dritten zuerst einmal mit ein paar Faustschlägen eingedeckt, weil er die Tür nicht sofort geöffnet hatte. Dann nahm er ihm sein Handy ab, zwang ihn sein T-Shirt auszuziehen und setzte ihm ein Messer an den Bauch. Danach durfte sein Opfer «wählen», ob er ihm in den Bauch oder den Arm schneiden soll. Zum Abschluss verlangte er noch zusätzliches Bargeld, das der Jugendliche ihm aus Angst auch noch gab.

Die per Handy als Video aufgezeichnete Szene kommentierte Adrian Jent als «blanker Terror mit eindeutig sadistischen Zügen». Ob das allerdings für den nach Einschätzung des Gutachters «hochgradig rückfallgefährdeten» Gewalttäter, der immer wieder massiv zugeschlagen hat, weil es «sich so ergeben hat», einsichtig ist, bleibt dahingestellt.

Zweifel hat jedenfalls nicht nur der Experte, sondern auch das Gericht, auch wenn es trotz schwerer Bedenken vorerst noch auf eine Verwahrung auf unbestimmte Zeit verzichtet hat. Sollte er sich jedoch nach seiner Entlassung auch nur das Geringste zuschulden kommen lassen, werde sie unumgänglich sein, erklärte der Vorsitzende in seiner mündlichen Urteilsbegründung.

Er stehe jetzt «im Vorhof zur Verwahrung», und nur eine radikale Änderung seines Verhaltens könne ihn noch davor bewahren, sagte Adrian Jent. Er habe eine unglaubliche Gewaltbereitschaft an den Tag gelegt und das Gericht bezweifle stark, dass bei ihm «das Zwanzgerli tatsächlich gefallen ist». Immerhin vermutet es bei ihm noch ein gewisses Potential an Einsicht, um das Ruder herumzuwerfen, darum hat es auf die Verwahrung vorerst noch verzichtet.

Der Vorsitzende machte ebenfalls deutlich, dass auch die Eltern des jungen Mannes eine Mitschuld tragen. Es sei der Kammer aber nicht darum gegangen, am Angeklagten nun ein Exempel gegen die zunehmende Gewaltbereitschaft zu statuieren, wie das in der Öffentlichkeit gefordert werde. Das Gericht habe die gesellschaftlichen Veränderungen sehr wohl wahr genommen. Es handle jedoch unabhängig und sei nur den rechtlichen Vorgaben verpflichtet, erklärte Adrian Jent.

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