Singapur
Im echten Grossstadtdschungel: Was es abseits des Zentrums zu entdecken gibt

Singapur ist nicht überall steril aufgeräumt. Abseits des Zentrums gibt es auf der Tropeninsel wilde Tiere und ein kunterbuntes Leben.

Andrea Schmits
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Der MacRitchie Reservoir Park ist einer von vier Naturreservaten Singapurs. Die saubere Grossstadt ist weit weg (hinten rechts). Shutterstock

Der MacRitchie Reservoir Park ist einer von vier Naturreservaten Singapurs. Die saubere Grossstadt ist weit weg (hinten rechts). Shutterstock

Die Touristen steigen gerade wieder auf ihre klapprigen Mietvelos, als es im Gebüsch raschelt. Gemächlich spazieren zwei Wildschweine heraus. Die Männer halten inne. Der eine zieht sein Handy hervor und nähert sich den Tieren vorsichtig. Schweiss steht ihm auf der Stirn. Es ist schwül hier im Dschungel, aber vielleicht ist es auch die Angst.

Wildschweine? In Singapur? Damit hat er nicht gerechnet, als er zum Veloausflug im durchregulierten Stadtstaat aufgebrochen ist. Doch auf Pulau Ubin, einer der vielen Inseln, die zu Singapur gehören, leben neben Horden von Affen eben auch einige Wildschweine. Ein kleines Boot schippert die Besucher von Changi Village im Nordosten der Hauptinsel innert weniger Minuten nach Pulau Ubin – aber nur, wenn genügend Personen zusammenkommen. Dort locken neben einfachen Restaurants auch Kajak-Touren und Mountainbikewege, Mangrovenwälder und mit Seerosen bewachsene Teiche. Etwa drei Dutzend Menschen sind hier zu Hause, in einfachen Wellblechhütten im Urwald.

So ähnlich sah es noch in den 1960er-Jahren überall in Singapur aus, bevor die grossen Stadtentwicklungsprojekte begannen. Mittlerweile ist die Stadt eine Weltmetropole, berühmt für ihre Sauberkeit und strengen Gesetze, welche sogar Kaugummi verbieten. Doch auch in den Agglomerationen der Hauptinsel leben noch Wildschweine. Wie viel, weiss niemand genau. Die Tiere vermehren sich rasant. Und wer sich wie die meisten Touristen nur im Zentrum rund um die bekanntesten Attraktionen bewegt, wird sie nie zu Gesicht kriegen. Daheim wird dann erzählt, wie teuer Singapur sei, auf Hochglanz poliert und alles in allem langweilig.

Krokodil auf dem Wanderweg

Um das kleine südostasiatische Land richtig kennen zu lernen, muss man raus aus der Innenstadt. Auf einer Fläche, die nur halb so gross ist wie die des Kantons Aargau, hat Singapur mehr als 300 Parks und vier Naturreservate. Das Sungei Buloh Wetland Reserve im Nordwesten ist eines von ihnen. Direkt an der Küste, fernab von Verkehr und Wolkenkratzern, lässt sich hier spazieren, picknicken, Tiere beobachten. Neben Waranen, Wasserschlangen und Ottern kann einem dort auch mal eines der Krokodile begegnen, die sich gerne quer über den Wanderweg in die Sonne legen. Sie leben in der Meerenge, welche Singapur von seinem Nachbarn Malaysia trennt. In dem sonst so sicheren Land führen sie immer wieder zu Verunsicherung.

Dabei kennt sich Singapur mit Einwanderern aus: Ein Grossteil der 5,5 Millionen Einwohner stammt aus China, Indien und Malaysia. Wie die Schweiz hat das Land vier offizielle Sprachen: Englisch, Chinesisch, Tamil und Malaiisch. Diese Internationalität zeigt sich auch in den zahlreichen Garküchen. Das Old Airport Road Food Centre östlich des Stadtkerns ist für seine vielen guten Essenstände bekannt. Die Plastiktische sind ständig besetzt, Deckenventilatoren blasen, das Essen brutzelt, der Geräuschpegel ist hoch.

Frauen im Deuxpièces, Strassenarbeiter im Overall, fast zahnlose Urgrossmütter und Jugendliche in Schuluniformen stehen an für Chicken Rice, Fish Head Curry oder Roti Prata. Das Personal an den Kassen ist mitunter ruppig, das Besteck noch nass vom Abwasch. Doch das Essen ist köstlich und kostet kaum mehr als ein paar Franken.

Auch im Stadtteil Little India nahe dem Zentrum pulsiert das Leben. Dicht an dicht drängen sich die Menschen im Lebensmittelmarkt des Tekka Centres aneinander vorbei. Hier watet man durch Wasserlachen, die vom schmelzenden Eis der Fischauslage verursacht werden. Schweinshälften hängen neben indischen Gewürzen, Maschinen raspeln Kokosnussfleisch in grosse Töpfe, selbst das Gemüse ist exotisch.

Wer Singapur noch tiefer in die Seele sehen will, reist zu einem der Feiertage wie dem chinesischen Neujahrsfest oder zum Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan an. Beeindruckend ist auch Thaipusam, ein Hindu-Fest. Auf den Strassen, in den Bussen, vor den hinduistischen Tempeln sind dann Tausende Tamilen unterwegs. Viele sind barfuss, die Männer mit nacktem Oberkörper. Die meisten sind Singapurianer, sind in dem hoch entwickelten Staat grossgeworden.

Doch davon spürt man an diesem Abend nichts. Die Bäuche einiger Männer, die am Umzug teilnehmen, werden von Eisenspeeren durchbohrt. Einem anderen werden gerade Limetten an kleinen Haken an den Rücken gehängt. Ein Helfer flucht, weil gerade jemand über einen Plastiksack mit Mandarinen gestiegen ist. Das bringe grosses Unglück. In solchen Momenten fühlt man sich so gar nicht wie in einer der modernsten Metropolen der Welt. Singapur langweilig und steril? Keineswegs.