Aktuell zögern manche Anwälte, die bei einer Scheidung die Väterseite vertreten, das Verfahren hinaus. Denn Mitte 2014 tritt das gemeinsame Sorgerecht als Regelfall nach einer Trennung oder Scheidung in Kraft.

Nach geltendem Recht erhält in der Regel die Mutter die alleinige Sorge. Männer setzen grosse Hoffnungen in die Gesetzesrevision. Indes: Teilen sich Vater und Mutter nach dem Auseinandergehen als Paar die Sorge für ihr Kind, heisst dies nicht, dass der Vater auch automatisch zu seinem Recht kommt.

Dies illustriert der Fall eines Vaters, der hier Andreas Winter heissen soll. Seine Tochter wurde vor sechs Jahren in Deutschland geboren. Von Anfang an als Paar getrennt, teilten sich die Eltern dort die Sorge für das Kind und betreuten es auch zu gleichen Teilen – bis die Mutter 2010 mit der Tochter zurück in die Schweiz zog.

Die gerichtlich angeordneten Besuchsregelungen sabotierte die Frau von da weg systematisch. Nach Schilderung von Winter täuschte sie die Behörden, um sich Vorteile zu verschaffen, diffamierte ihn und hintertrieb Abmachungen. Winters Dokumentation der Ereignisse der vergangenen drei Jahre und der Kontakte zwischen ihm und der für strittige Fälle zuständigen Schweizer Behörde, der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB), füllt mittlerweile mehrere Aktenordner.

Andreas Winter sagt, seine Eltern- und Gleichstellungsrechte würden hierzulande in einer ihm zuvor undenkbaren Weise missachtet. «Die Behörden lassen mich im Stich», sagt er. Sein Besuchsrecht konnte er seit Monaten nicht mehr geregelt wahrnehmen. Er berichtet, die Kindsmutter habe rechtswidrig einen Wohnortwechsel veranlasst, Therapien abgebrochen und das Kind über seinen Kopf hinweg andernorts eingeschult.

Wunsch der Mutter zentral

Die Geschichte hat für Winter «kafkaeske Züge». So bestätige eine Behörde zuerst seine Rechte, ziehe sich aber in dem Moment zurück, in dem er diese in Anspruch nehmen möchte. «Die KESB vertritt die Haltung, eine gerichtlich angeordnete Besuchsregelung sei nicht durchzusetzen, wenn der betreuende Elternteil sich querstellt. Dabei ist es gerade die Aufgabe der Behörde, diese Regelungen durchzusetzen», sagt er.

Der deutsche Vater ortet bei den zuständigen Mitarbeiterinnen einen «ideologischen Drift». Dem Verlangen der Mutter werde stets nachgegeben, der Vater in seinem Kampf um Kontakt zum Kind als «lästig» empfunden.

Winter sorgt sich: «Die Mutter tut alles, um den Kontakt zwischen mir und meiner Tochter zu verunmöglichen. Nun beschreibt die Behörde den Eindruck eines komplett zerstrittenen Elternpaars. Und ist dann imstande, der Mutter die alleinige Sorge zu übertragen.» Dabei sei offensichtlich, wer die Konflikte verursache.

Ähnliche Männer-Schicksale

Mit seiner Sorge ist er nicht allein. Das zeigt etwa die eben angelaufene Aktion «Schick en Kaktus», bei der Eltern ihre Erfahrungen im Familien- und Gleichstellungsrecht veröffentlichen. Und auf der Plattform «Vermisse dich» suchen Väter online nach ihren entfremdeten Kindern. Manche Väter strengen in ihrer Verzweiflung und Ohnmacht sogar Klagen gegen die zuständigen Behörden an.

Verfassungsrechtler Martin Widrig von der Universität Freiburg sagt, es gebe Mittel, um Besuchs- und Kontaktrechte durchzusetzen: die Androhung einer Busse, Ernennung eines Beistands, der Entzug der Obhut oder des Sorgerechts. «Ich höre aber nicht zum ersten Mal von Väterseite, dass ein besserer Durchgriff gewünscht wäre», sagt Widrig.

Fehlende Unterstützung für Väter

Beda Meyer Löhrer von der Advokatur Aussersihl in Zürich vertritt als Vertrauensanwalt des Mannebüro Züri öfters Väter im Scheidungsprozess. Selbst nicht in Andreas Winters Fall involviert, sagt er: «Mit diesen Erlebnissen ist der betroffene Vater in guter Gesellschaft – es handelt sich nicht um einen Einzelfall.»

Ob es sich jeweils um eine subjektiv emotionale Sicht des Vaters handle oder ob dahinter eine kategorische Diskriminierung von Vätern stehe, könne er nicht abschliessend sagen, hält Meyer Löhrer fest. «Was aber allein schon sehr wichtig ist: Die KESB schafft es immer wieder nicht, dass sich Väter wirklich gehört und gestützt fühlen.»

Im Hinblick auf das Inkrafttreten des gemeinsamen Sorgerechts sieht der Rechtsanwalt grosse Herausforderungen auf die Behörden zukommen. Denn dann können auch Väter, deren Scheidung nicht mehr als fünf Jahre zurückliegt, einen Antrag auf gemeinsame Sorge stellen. Sie haben dafür ein Jahr Zeit, also bis zum 1. Juli 2015.

«Es wird aber noch eine Rechtsprechung entwickelt werden müssen, in welchen Fällen die gemeinsame Sorge erteilt wird, wenn Väter diese gegen den Willen der Exfrau beantragen.» Meyer Löhrer befürchtet, es könne häufig dazu kommen, dass im Streitfall die gemeinsame Sorge doch nicht erteilt werde. «Die Mutterzentriertheit ist noch tief in den Köpfen drin», findet er.

Das neue Sorgerecht will die Position von Vätern im Alltag der Kinder stärken. So legt der Bundesrat in seiner Botschaft zum Unterhaltsrecht fest, dass mit dem gemeinsamen Sorgerecht jeweils die Verfügung der sogenannt alternierenden Obhut geprüft werden soll. Neu soll dies auch gegen den Willen eines Elternteils möglich sein.

Die alternierende Obhut, bei der der zweite Elternteil mindestens 30 Prozent der Betreuung übernimmt, wird derzeit in der Fachwelt als die für das Kindswohl beste Variante betrachtet. In der Schweiz ist die Betreuung nach einer Scheidung aber erst in etwa 5 Prozent der Fälle so organisiert.

Bussen wieder gestrichen

Für Verfassungsrechtler Widrig ist das Gleichstellen der alternierenden Obhut mit anderen Betreuungsformen deshalb eine «bedeutende Neuerung», in die er «grosse Hoffnungen» setzt. Was aber Eltern wie Andreas Winter, die mit einem unkooperativen Elternteil zu kämpfen haben, wirklich etwas bringt, ist, wenn die zuständigen Stellen die gerichtlich oder behördlich angeordneten Besuchsrechte durchsetzen.

Schärfere Mittel wie Bussen oder Freiheitsentzug für Elternteile, die das Besuchsrecht verweigern, wurden aber nachträglich wieder aus dem neuen Sorgerecht gestrichen.