Psychiatrie
Gemeinsam die Realität aushalten

Sie sind Tag und Nacht mit Menschen zusammen, die unter schwersten psychischen Störungen leiden. Die Pflegefachmänner und -frauen der Station A1.

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Klinik

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Solothurner Zeitung

Elisabeth Seifert

Die grossen Fenster geben den Blick frei auf einen sonnigen Herbstmorgen. Noch hängen leichte Dunstschleier über der weiten Landschaft. Prächtig glänzt bereits das herbstlich verfärbte Laub der Birken und Ahornbäume. Ob jene blonde Frau im mittleren Alter diese herrliche Szenerie überhaupt wahrnehmen kann? Sie sitzt an einem langen Tisch, vor sich das Frühstück. Die meisten Patienten haben bereits gegessen und sich wieder auf ihr Zimmer zurückgezogen. «Der Essraum ist ein zentraler Punkt», sagt Psychiatriepfleger Markus Gerber.

«Wenn immer möglich kommen wir hier dreimal täglich zusammen.» Mit am Tisch sind auch die Pflegefachpersonen. «Auf dies Weise schaffen wir soziale Kontakte, die den Patienten häufig fehlen.» Ein Ämtliplan holt sie zudem aus ihrer Lethargie heraus. Jeder muss sein Essgeschirr selber abräumen und ist auch immer wieder mal mit Tischdecken oder Abwaschen dran.

Es herrscht an diesem Morgen eine entspannte, ja beinahe aufgeräumte Atmosphäre auf der Station. Diese ist praktisch voll belegt. Ohne Überbetten können hier 15 Männer und Frauen untergebracht werden, je nachdem in Doppel- oder Einzelzimmern. In einem grosszügigen Aufenthaltsraum trimmt sich ein Patient gerade auf einem Trainingsvelo fit. Ein zweiter hat es sich auf dem weichen schwarzen Sofa bequem gemacht. Im Gang steht ein jüngerer Mann zusammen mit einer Pflegefachfrau vor der Info-Tafel und unterhält sich mit ihr über seinen persönlichen Therapieplan.

Längst nicht immer geht es aber so friedlich zu. «Manchmal ist das Verhalten sehr aggressiv», weiss Markus Bussinger. Er ist Ressortleiter der Psychiatrischen Klinik der Solothurner Spitäler AG. Die Station A1 ist eine von zwei Stationen, die sich um Menschen mit schwersten psychischen Störungen kümmern. Um Menschen, die suizidgefährdet sind. 30 Prozent der Patienten sind zudem nicht freiwillig hier, sondern werden zwangseingewiesen.

«Unser oberstes Ziel ist es, die Betroffenen vor sich selbst zu schützen,» hält Gerber fest. Hat man früher von einer geschlossenen Station gesprochen, wird sie jetzt als «schliessbar» bezeichnet. Vollständig verschlossen bleiben die Türen nur für jene, die akut gefährdet sind. Innerhalb der Station gibt es einen separaten Trakt mit drei Isolationszimmern. Gerber: «Oft werden unsere Patienten notfallmässig in der Nacht eingeliefert. Sie verbringen dann aus Sicherheitsgründen ihre ersten Stunden in diesem Bereich.»

Ein Bett und eine Art Hocker, der auch als Ablagefläche dienen kann, bilden die einzige Möblierung, beide bestehen aus weichem Material. Und wie überall in der Klinik verhindern Spezialfenster, bei denen nur ein schmaler Lüftungsflügel geöffnet werden kann, dass sich jemand aus dem Fenster stürzt. Dank einer Lichtöffnung in der Zimmertür kann das Pflegepersonal die Patienten überwachen. Aggressionen lassen sich aber auch so nicht völlig ausgeschalten. Zeugnis ist eine stark beschädigte Fensterscheibe, die ein Patient mit einem abgeschraubten Lavabo-Griff eingeschlagen hat.

Markus Gerber spricht von «Glück», das er in den 13 Jahren, die er auf der Station arbeitet, noch nie einen Suizid erlebt hat. «Ich finde, es muss hier niemand sterben,» ist er überzeugt. «Glück» oder «Zufall» nennt er es auch, dass er selbst in alle den Jahren noch nie ernsthaft angegriffen worden ist. Dank Personenschutzuhren können die Pflegenden, falls nötig, rasch Hilfe herbeiholen. Der beste Schutz sei aber der richtige Umgang mit Gewalt und Aggressionen. Besonders wichtig ist es, selber eine gewaltfreie Kommunikation zu pflegen.

«Dazu gehört ein bestimmtes Auftreten, ohne provozierend zu sein.» Die Patienten dürfen sich nicht in die Enge getrieben fühlen. Noch wichtiger ist es, eine persönliche Beziehung aufzubauen. «Sobald dich jemand persönlich kennt, will er dir nicht schlecht.» Gerber beobachtet zudem immer wieder, dass sich Patienten schützend vor Pflegefachpersonen stellen, wenn diese von einem anderen Patienten bedroht oder gar angegriffen werden.

«Die Beziehungsarbeit ist existenziell,» sagt Bussinger, auch um einen Suizid zu verhindern. In Kontakt zu den Patienten treten die Pflegenden durch die alltägliche Routine. Gerber: «Es beginnt beim Aufwecken am Morgen, wo man sofort wahrnimmt, wie es jemandem geht.» Später werden die Patienten mit Medikamenten versorgt. «Nach dem gemeinsamen Morgenessen ermuntern wir sie dazu, ihren Therapieplan einzuhalten.»

Manchmal bei Besuchen übernehmen die Pflegefachleute die Aufgabe des Vermittlers. «Ab und zu begleiten wir die Patienten auch in die Stadt, um ein paar persönliche Dinge einzukaufen.» Darüber hinaus verfolgen die Pflegenden durch ihre Nähe zum Patienten «höhere Ziele», wie sich Gerber ausdrückt. «Bei einem Jugendlichen arbeite ich zum Beispiel mit Gesprächen darauf hin, dass er wieder mit seinen Eltern spricht.»

Manche Patienten sieht das Pflegepersonal im Verlauf der Jahre immer wieder. In 50 Prozent der Fällen erfolgt ein Wiedereintritt. Wiederum die Hälfte dieser Patienten wird ein drittes Mal in die Klinik eingewiesen. Und eine gewisse Anzahl - die heavy user in der Sprach der Pfleger - bleibt den psychiatrischen Diensten für viele Jahre treu. Nicht ein frustrierendes Erlebnis? «Viele Patienten mögen zwar nicht geheilt sein, wenn sie aus der Klinik austreten,» ist sich Markus Gerber bewusst. «Wenn ich aber nicht davon überzeugt wäre, dass die allermeisten die Klinik in einem besseren Zustand verlassen, als sie eingetreten sind, dann würde ich diesen Job nicht machen.»

«Die Beziehungsarbeit hat Wert», sagt er, und erzählt von einem Erlebnis ganz am Beginn seiner Laufbahn als Psychiatriepfleger: Für einen alten Mann war es an der Zeit schlafen zu gehen, da bat er Markus Gerber: «Pfleger, könnten Sie mich ins Bett bringen?» Mit einem Sprung hechtete er aufs Bett und fragte: «Pfleger, könnten Sie mich zudecken?» Als das erledigt war, sagte er: «Pfleger, könnten Sie mit mir beten?» Auch diese Bitte konnte er dem alten Mann nicht abschlagen - und wurde dafür belohnt: «Pfleger, Sie sind ein König!»

«Solche zwischenmenschlichen Erlebnisse haben mich von Anfang an stark beeindruckt,» erläutert Gerber seine Motivation für den Beruf. Mit 35 Jahren erst hatte sich der ursprüngliche Typograph zum Psychiatriepfleger ausbilden lassen.

Kantonale Aktionstage Psychische Gesundheit

Am 29. Oktober sind die Aktionstge gestartet , heute, 7. November, finden die beiden letzten Veranstaltungen statt. Von 10.30 bis 11.30 Uhr sprechen Thomas Knapp und Ruedi Josuran im Netzwerk Grenchen zum Thema «Wenn zusammenreissen nicht mehr hilft.» Ab 17.15 Uhr organisieren die Veranstalter ebenfalls in Grenchen, in der Aula des Schulhaus IV, einen Abschlussabend. Nach einem Apéro bringt Andreas Schertenleib das Theater «Hans Muster. Ein Klon tanzt aus der Reihe» zur Aufführung. (szr)

Markus Bussinger will mit seiner Arbeit vor allem «Raum schaffen für Menschen, die am Ende ihrer Kräfte sind.» Mit ihnen zusammen die «Realität aushalten, diese annehmen und einen Weg finden».
Ähnlich wie Markus Gerber hat auch er sich erst auf dem zweiten Bildungsweg - nach einer Maschinenzeichnerlehre - für eine Laufbahn in der Psychiatriepflege entschieden. Beide erachten die Erfahrungen in unterschiedlichen Lebensbereichen für ihre jetzige Arbeit als sinnvoll.

Beide befürchten, dass mit der Neuordnung der Pflegeberufe der Quereinstieg schwieriger wird. «Dadurch werden uns aber bald die Pflegefachmänner ausgehen,» prognostiziert Bussinger. Noch ist das Team auf der Station A 1 mit den 12,5 Stellen sehr heterogen zusammengesetzt und wird es dank der tiefen Mitarbeiterfluktuation auch noch länger bleiben. «In einem Pflegebereich, der vor allem Beziehungsarbeit leistet, ist das ein grosser Vorteil.» Der geringe Personalwechsel sorgt überdies für Stabilität und eine familiäre Atmosphäre. Auch das eine Hilfe für Menschen in Ausnahmesituationen.

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