Am Anfang war ein Traum. Der Traum von der – hahaha, wie originell – Freiheit. Aussehen würde sie so: viel ursprüngliche Natur als Kulisse, eine Familie als Protagonist und im Zentrum des Geschehens: ein Pferdewagen. Wir wollten im Schritttempo über Land fahren: drei Erwachsene, drei Kinder, ein Pferd.

Und weil auch andere unseren Traum offenbar schon geträumt hatten, gibt es dafür in der Schweiz einen Anbieter (Eurotrek). Er organisiert mehrtägige Touren durch den Jura mit vorbestimmten Routen und Zielpunkten. Also doch nichts mit absoluter Freiheit. Dafür gibt es Nacht für Nacht ein Dach über dem Kopf. Wahlweise das Dach eines Bauernhofes oder eines Stalls mit Strohlager.

«Wir bieten seit 30 Jahren Planwagenfahrten an», erklärt Günther Lämmerer von Eurotrek. «Die Nachfrage ist seit zehn Jahren gleichbleibend hoch.» Bis zu neun Wagen gleichzeitig sind durch den Jura unterwegs, je nach Bedürfnissen der Reisenden auf unterschiedlichen Routen. Wir wählen die Familientour mit kürzeren Etappen, dafür Ponyreiten und Angeln auf der «Ferme du Bonheur» (ein Höhepunkt für unsere beiden Mädchen , die neun beziehungsweise sechs Fische angeln). Und wir entscheiden uns für die Übernachtung im Bett. Abenteuer gibt es ja tagsüber genug.

Bereits Monate vorher fiebern wir der Reise entgegen. Wie wird es sein, allein unterwegs mit Pferd? Was, wenn es mal scheut? Können die Kinder (8, 4 und 2½) vom Wagen fallen? Neben solchen Fragen finden aber auch unsere Träume Platz. Und natürlich haben sie eine Vorgeschichte.

Romantik à la Federica de Cesco

In meinem Fall ist das eine Überdosis an Jugendromanen von Federica de Cesco, in denen Mädchen und Pferde eine innige Einheit bilden. Im Fall meines Mannes ist es die Lust, das Getümmel der Stadt hinter sich zu lassen. Im Fall unserer Kinder der Wunschtraum vom eigenen Pferd (mehrfach beim Christkind bestellt, nie geliefert). Nur im Fall meines Schwagers Rolf ist der Traum beinahe Wirklichkeit geworden, als er vor Jahren mit einem Esel nach Italien wanderte. Der Esel freute sich – und zwar über jedes einzelne Kleeblatt am Wegrand. Statt in Mailand nahm die Wanderung sechs Stunden und einige Meter weiter in Müslen AG ihr Ende.

Aber diesmal sind wir nicht mit einem Esel unterwegs, sondern mit einem Pferd. Wir dürfen Reika am ersten Tag auf Monsieur Prottis Hof samt Wagen und einem Crash-Kurs in Sachen Pferd entgegennehmen. Erfahrung mit Pferden hat nämlich keiner von uns. Und unversehens wird aus der einfachen Ferien-Konstellation mit Familie, Pferd und Wagen die ungleich kompliziertere: Familie, Pferd, Wagen, ein Gewusel aus Gurten, zig Zaumzeuge; jedes mit zahlreichen Schnallen, Ketten – welches war schon wieder die richtige Öse? Monsieur Protti sieht uns die mangelnde Pferdeerfahrung an der Nasenspitze und den zu leichten Turnschuhen an («Wenn Sie nicht aufpassen, werden Sie im Spital landen.») und demonstriert uns das Aufschirren in einem Tonfall, als wären wir begriffsstutzig. Vielleicht sind wir das. Denn mein bisheriges Leben lang hatte ich tatsächlich keinen Gedanken daran verschwendet, wie man ein Pferd dazu bringt, sein Maul zu öffnen. Aber jetzt muss ich. Denn die Trense soll rein. Und die Ohren unter dem Gurt hindurch. Du liebe Zeit, hoffentlich machen wir nichts kaputt. «Die Ohren sind wie Kaugummi», ruft uns der Pferdebesitzer zu. Na, dann.

Natürlich klappt es beim ersten Anlauf trotzdem nicht. Monsieur Prottis Geduld schwindet («So etwas habe ich noch nie gesehen!»), unsere Vorfreude auch. Aber zwei Übungsrunden später haben wir es geschafft. Es kann losgehen!

Auf dem Kutschbock thronen die Kinder, stolz wie Oskar neben ihrem Onkel Rolf, ich gehe mit dem Zügel in der Hand neben Reika her, mein Mann Tom liest die Karte, und die Kinder rufen unentwegt begeistert: «Hü! Hü!» Wir haben unsere liebe Not, ihnen zu erklären, dass ein Durcheinander an Kommandos das Pferd verwirren könnte. Nach zwei Stunden Fahrt ist unsere erste Pause als frisch gebackene Kutscher fällig. Reika grast ihren Rastplatz innert Kürze leer und ist hoch zufrieden. Genau wie wir. Wir haben es geschafft, Ross und Wagen – mitsamt uns – der richtigen Route entlang zu bewegen. Auch das Aufschirren klappt diesmal ganz gut.

Geradezu beschwingt fahren wir weiter. Und übersehen prompt einen Wegweiser. Das anschliessende Wendemanöver beschert uns Erwachsenen und dem Pferd einen kollektiven Adrenalinschub. Und so geht es auch weiter, mal besser, mal schlechter, durch satte Felder, schönste Wälder und über weniger schöne Autostrassen rund um Courtedoux nach Mormont.

Weitere zwei Stunden später erreichen wir den Hof von Rolf Amstutz. Geschafft! So gut wie der Amstutzsche Schmorbraten hat uns schon lange kein Znacht geschmeckt. «Mit den meisten Höfen arbeiten wir seit vielen Jahren sehr gut zusammen», erklärt Günther Lämmerer von Eurotrek. «Wir kennen die Betreiber persönlich und haben für die Familientouren Höfe ausgewählt, die zusätzliche Erlebnisse bieten.»

Kinderliebe auf vier Pfoten

Etwa Ponyreiten auf dem Hof der Noirjeans. Als wir dort ankommen, macht allerdings ein anderer Vierbeiner den Ponys einen Strich durch die Rechnung: der kleine Hund namens Punky. Eva (4) und Liv (8) verlieben sich auf Anhieb. Ausgerechnet die beiden! Sonst haben sie nämlich gehörigen Respekt vor Hunden. Punky aber zerren sie an der Leine stundenlang über den Hof. Sogar unser Jüngster spürt, dass dieses haarige Wesen die auf vier Pfoten wandelnde Kinderliebe ist. Als Bäuerin Jacqueline Noirjean uns erzählt, Punky habe schon Kinder mit Hundephobie therapiert, bin ich nicht erstaunt. Auch sonst ist der Hof der Noirjeans ein Kinderparadies, wo sich Lamas, Emus, Wollschweine, Kätzchen, Kälbchen, Ziegen und viele andere Tiere mehr tummeln, sodass unseren Kindern der Aufbruch nach Porrentruy am nächsten Morgen denkbar schwerfällt.

Ein tierisch nervöses Pferd

Ganz anders sieht Pferd Reika die Sache. Einmal vor den Wagen gespannt, will sie los. Dass wir auf der Strecke mehrfach halten, goutiert sie nicht. Genauso wenig wie die Legionen an Bremsen, die sie offensichtlich plagen. Als wir schliesslich beim Rasten auch noch ihr Futter aus Versehen in die stachligen Brombeeren schütten, ist Reikas Geduld zu Ende.

An ein Weiterfahren ist nicht zu denken. Denn das Pferd hat entschieden, sich nicht anspannen zu lassen. Wir versuchen es einmal, zweimal, dreimal. Versuchen es mit sanften Worten, mit strengem Tonfall, mit vollem Körpereinsatz, versuchen es viermal, fünfmal. Denkste. Reika benimmt sich wie unsere Kinder in der Trotzphase. Nur dass dieses Kind 500 Kilo schwer ist.

Wir sind ratlos. Ich hinterfrage meine mädchenromantische Vorstellung von der Einheit zwischen Tier und mir, sinniere über die Begegnung auf Augenhöhe. Doch Theorie ist nicht gefragt. Hier zählt Praxis. Und zwar schnell. Beim sechsten Versuch bekommen wir die Stute – ein Wunder! – doch noch vor den Wagen. Aber nun ist Reika wandelndes Dynamit: Den Wagen im Schlepptau, galoppiert sie los. Anderthalb Stunden dauert die Parforcefahrt, bei der sich unser Leih-Pferd im Wald den Zorn aus dem Leib rennt, die beiden Männer die Zügel in der Hand zu behalten versuchen – und unsere Kinder, nichts Böses ahnend, vor Vergnügen quietschen.

Ohnehin bekommen die drei kaum mit, wenn wir eine Situation als brenzlig empfinden. Ein Glück, denn in urbanem Kontext ist unser Nachwuchs mehr als zurückhaltend, sobald etwas mehr als zwei Beine hat. Doch erstaunlich genug: Vor allem der kleine Bela (2½) schliesst die grosse Stute ins Herz. «Wo isch oisi Reika?», fragt er, sobald das Pferd über Nacht in einem Stall aus der Sichtweite verschwindet. Ich erkenne meine eigenen Kinder kaum wieder. Und nicht nur bei den Kindern, auch bei mir rückt in diesen vier Tagen die Mein-Pferd-und-ich-Romantik in den Hintergrund und macht einem neuen Gefühl Platz. Dem Gefühl, die Begegnung zwischen Mensch und Pferd real erlebt zu haben – in allen Facetten. Das ist zwar anstrengender als die Federica- de-Cesco-Romantik. Aber wir hatten im Jura auch keinen Sonntagspaziergang gebucht, sondern Abenteuerferien.

Diese Reise wurde ermöglicht von Eurotrek.