Euro 08

Euro 08 – und was davon übrig ist

Der von holländischen Fans zurückgelassene Wohnwagen wird ins Sportmuseum nach Basel abtransportiert, wo er heute noch steht.

Euro 08 Wohnwagen

Der von holländischen Fans zurückgelassene Wohnwagen wird ins Sportmuseum nach Basel abtransportiert, wo er heute noch steht.

Am 7. Juni 2008 wurde die Fussball-Europameisterschaft in Basel angepfiffen. Noch ist die Euro 2008 in der Erinnerung der Region Basel allgegenwärtig. Und in gewissen Fragen ist sogar noch nicht einmal der Schlussstrich gezogen worden.

Von Daniel Ballmer und Bojan Stula

Grossprojekte haben es in der kleinen Schweiz schwer. Vielleicht illustriert rückblickend nichts besser die quälenden Geburtswehen der Fussball-Europameisterschaft 2008 als der unsägliche Basler Becherstreit. Vier Jahre lange bekriegten sich Exponenten von links bis rechts aussen in der Frage, welches die umweltverträglichste Getränkehalterung während der 25 Euro-Tage sein soll. Die einen nahmen in diesem Streit den Basler Grossen Rat in Beschlag, die anderen drohten mit dem Gang vors Bundesgericht.

Und als die Regierung dem St. Jakob-Park schliesslich gegen dessen Willen den Mehrwegbecher aufzwang, wurde das Ganze wenige Tage vor dem Ankick durch einen Kompromissvorschlag - dem Pfand auf gewöhnliche Becher - wieder über den Haufen geworfen. «Lächerlich, aber vielleicht nötig», nennt der damalige Schweizer Euro-Turnierdirektor Christian Mutschler diese und ähnliche Vorgänge im Rückblick. Schon damals ärgerte sich der Basler über die Tendenz von Politik und Medien, beim Riesenanlass Euro überall nach dem Haar in der Suppe zu suchen. Als jedoch klar wurde, dass die Euro 08 trotz aller Widerstände, des Wetterpechs und nicht zuletzt einer schwachen Schweizer Nationalmannschaft ein grossartiges friedliches Fussballfest werden würde, klopften sich alle gegenseitig auf die Schultern.

Selbst für viele eurokritische Einheimische war die «Oranje-Invasion» am 21. Juni 2008 ein Schlüsselerlebnis, welches aufzeigte, dass es durchaus in Ordnung ist, ab und zu ohne notorisch-tiefgründiges Hinterfragen zu feiern und friedlich die eigenen Farben an die Öffentlichkeit zu tragen. Es war dies das andere «Basler Sommermärchen».

Überhaupt, diese Holländer. Ihnen verzieh man, dass sie sich bis zur Besinnungslosigkeit volllaufen liessen, von der Mittleren Brücke in den Rhein sprangen, den Tinguely-Brunnen orange färbten und vom Kasernenareal bis zum St. Jakob-Park eine gewaltige Urinspur legten. «Wenn FCB-Anhänger nur einen Bruchteil davon anstellen würden, kämen sie umgehend in U-Haft», ereiferte sich damals ein Basler Fanbetreuer. Die kollektive Fröhlichkeit und Lockerheit der 100 000 Oranje-Fans wirkte derart ansteckend und völkerverbindend, dass die ganze Region darüber lachte, als ein Holländer auf dem Fancamp in Pratteln seinen schrottreifen Wohnwagen mit der Aufschrift «Danke Viel!» einfach stehen liess.

Insgesamt stellte die orange Menschenmasse nicht zuletzt in ökonomischer Hinsicht die Rettung für ein bis dahin durchwachsenes Euro-Geschäft dar, das manchem Beizer, Standbetreiber und Händler die Euro-Bilanz entscheidend aufpeppte.

Auf die Holländer gehofft hatte man auch im Fancamp Pratteln oder im 9. Stadion bei Bubendorf. Beide gehörten zu den Verlierern der Euro 08. Beide durften viel weniger Gäste begrüssen als erwartet und erhofft. Und beide schlossen mit roten Zahlen. Im Fall der Bubendörfer Public-Viewing-Arena musste auch der Kanton Baselland in die Tasche greifen und ans Defizit von über 4,3 Millionen Franken zahlen. Und das Kapitel ist noch immer nicht abgeschlossen. Die im Dezember von der Baselbieter Regierung vorgelegte Schlussabrechnung weist so viele Ungereimtheiten auf, dass Finanzkontrolle und -kommission noch immer am Zahlen wälzen sind.

War die Euro 2008 ein Anlass, in den man von Anfang an zu viele Hoffnungen gesteckt hatte? Nicht nur was den kurzfristigen Ertrag, sondern gerade auch die Nachhaltigkeit angeht? Eine Million Euro-Gäste und 550 000 Besucherinnen und Besucher der Fanzonen brachten zunächst mal nicht jenen Umsatz, den sich Gewerbe und Gastronomie aus dem Sommergeschäft 2008 erhofft hatten. Und über die längerfristigen Effekte gehen bei den Fachleuten die Meinungen auseinander. Vielleicht bringt es in dieser Hinsicht Basels Gewerbedirektor Peter Malama auf den Punkt, wenn er in seinem Rückblick auf jene turbulenten Tage im Juni 2008 von einem «gefühlten Erfolg» schreibt.

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