Nordwestschweiz
Erektionsförderer sind die beliebteste Schmuggelware

Medikamente, Lebensmittel, gesundheitsgefährdende Kosmetikartikel, Schweizer Uhren, Brillen, Möbel, Waffen, Munition und vieles mehr: Tagtäglich wird auch im Raum Nordwestschweiz versucht, Waren aller Art illegal über die Grenze zu schaffen. Fleisch und Erektionsförderer führen die Schmuggelrangliste an.

Merken
Drucken
Teilen
Schmuggel

Schmuggel

Aargauer Zeitung

Werner Hostettler

Die Tatsache, dass 2009 im Raum Nordwestschweiz gleich mehrere Fälle von Fleischschmuggel im Tonnenbereich aufgedeckt wurden, ist eine Bestätigung dafür, dass der Lebensmittelschmuggel auch weiterhin boomt.

Laut Statistik, in der nur die Fälle mit Mengen über 200 Kilogramm aufgeführt sind, ermittelte die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV) vergangenes Jahr insgesamt rund 251 Tonnen (gegenüber 175 Tonnen 2008) geschmuggelte Lebensmittel. Davon entfallen allein 95 Tonnen auf Schmuggelfleisch. An der Spitze der Lebensmittel-Schmuggelrangliste 2009 stehen denn auch Fleisch und Fleischwaren.

Verschiedene der im Jahr 2009 auch in der Nordwestschweiz aufgedeckten Schmuggelfälle sind noch nicht abgeschlossen, die Zollfahndung geht davon aus, dass nach deren Abschluss noch weitere unverzollte Lebensmittel nachgewiesen werden können. Zudem stellt die EZV fest: «Diese Widerhandlungen werden meistens vorsätzlich und gewohnheitsmässig begangen.»

75 Kilo Kalbfleisch im Sack

Der Drang, «fleischige Leckerbissen» illegal über die Grenze in die Schweiz zu bringen, ist nach wie vor ungebrochen. Allerdings kann ein saftiger Braten oder sonst ein schmackhaftes Häppchen, ennet dem Rhein günstig gepostet, recht teuer zu stehen kommen.

So mussten beispielsweise vor einigen Tagen an einem Grenzübergang in der Region innerhalb weniger Tage Bussen von insgesamt rund 5000 Franken ausgesprochen werden, weil die Menge der mitgeführten Frischfleisch- und Wurstwaren sowie Poulets, Pommes frites und Wein die abgabenfreien Höchstmengen wesentlich überschritten hatten.

In einem anderen Fall entdeckte eine Patrouille des Grenzwachtkorps (GWK) im Kofferraum eines kontrollierten Fahrzeuges drei mit insgesamt 75 Kilogramm Kalbfleisch vollgestopfte schwarze Abfallsäcke. Die sechs mitfahrenden Personen hatten also die Freimenge von 3 Kilo um nicht weniger als das 25-Fache überschritten.

Das Sextett hatte eine Kaution von mehreren hundert Franken zu hinterlegen, das zuständige kantonale Labor verfügte zudem die Vernichtung des Fleisches wegen nicht eingehaltener Transporttemperaturen und nicht zurück verfolgbaren Lieferverhältnissen.

Verbotenes Hydrochinon

Eine Busse von mehreren hundert Franken (nebst Abgaben) hatte vor einigen Tagen auch ein Mann aus der Region zu bezahlen, weil er versucht hatte, in seinem Fahrzeug zwei Brillen im Wert von über 1000 Franken von Deutschland in die Schweiz zu schmuggeln. Der 60-jährige Schweizer führte wohl die entsprechenden Informationsunterlagen mit sich, unterliess es aber, die notwendige Verzollung vorzunehmen. Was den vermeintlich günstigen Brillenkauf ebenso spürbar wie schmerzhaft verteuerte.

In einem anderen gestoppten Personenwagen sass ein Schweizer am Steuer, begleitet von einer 27-jährigen Frau aus Kamerun. Die minutiöse Kontrolle des Fahrzeuges brachte insgesamt 300Kilogramm verschiedenster Kosmetikprodukte ans Tageslicht, welche sichergestellt wurden. Vier der Produkte enthielten die verbotene Substanz Hydrochinon. Für seinen Schmuggelversuch hatte der 50-jährige Mann über 1000 Franken für die Busse und die entsprechenden Zollabgaben zu entrichten. Die Rangliste der 2009 am meisten beschlagnahmten Medikamente führen übrigens Erektionsförderer an, gefolgt von Schlankheitsmitteln und Muskelaufbaupräparaten.

Das Auto als Zollpfand

Im Sinne einer Sicherheitsleistung für ausstehende Forderungen gegenüber der Zollverwaltung hat diese das gesetzlich abgestützte Recht, Gegenstände als Zollpfand zu beschlagnahmen. So musste beispielsweise letzthin in der Nordwestschweiz der Lieferwagen eines Mannes beschlagnahmt werden, der gegen 900 Kilogramm Fleisch- und Wurstwaren, Fisch und Geflügel sowie diverse weitere Lebensmittel illegal in die Schweiz bringen wollte.

In einem anderen Fahrzeug entdeckten die Profis des GWK eine grössere Menge diverser Kleider und Accessoires. Die vier mitfahrenden Personen gaben als Grund für die unterlassene Zollanmeldung an, sie hätten - irrtümlich - angenommen, dass der Warenverkehr seit dem Schengen-Beitritt der Schweiz frei sei. Wer glaubt, es werde nur im Einbahnverkehr über den Rhein hinweg geschmuggelt, der irrt.

Robert Helfrich, Sprecher des Deutschen Hauptzollamtes in Singen, bestätigt gegenüber der AZ denn auch: «Es kommt nicht selten vor, dass versucht wird, unter anderem auch teure Schweizer Uhren illegal nach Deutschland einzuführen.»

Grenzwachtkorps hält mit

Ende letzter Woche entdeckten deutsche Zollbeamte im Landkreis Waldshut-Tiengen im Fahrzeug eines 20-jährigen Schweizers einen Sprengkörper, den er nach eigenen Angaben selbst gebastelt und wofür er das Schwarzpulver zuvor in einem Schweizer Waffengeschäft gekauft hatte. Für die deutschen Zollbehörden wie auch den Kommandanten der Grenzwachtregion VII (Aargau-Zürich), Roger Zaugg, ist klar: «Der Schmuggel ist und bleibt ein hochaktuelles Thema.»

Wie ihre deutschen Kollegen sind auch die Schweizer Grenzwächter in der Region am Hochrhein dauernd präsent und halten mit: Wo, wann und wie auch immer illegal Waren in die Schweiz eingeschleust werden sollen, die GWK-Profis spüren mit High-Tech-Hilfe auch noch so raffiniert angelegte Verstecke auf. Sowohl die Schweizer Grenzwache als auch die Eidgenössische Zollverwaltung verfolgen aber auch intensiv die Entwicklung des Euros, denn je nach dessen Stand könnte der Einkaufstourismus und damit die Schmuggelaktivitäten über den Rhein hinweg noch stärker angekurbelt werden als ohnehin schon.