Ennetbaden
«Ennetbaden ist offen und urban»

«Ennetbaden ist auch deshalb so gut im Schuss, weil wir von der ausserordentlich vitalen Zentrumsstadt Baden profitieren», sagt Basil Müller am Ende seiner kurzen Amtszeit als Gemeindeammann von Ennetbaden.

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Basil Müller

Basil Müller

Stadtanzeiger Baden

Hubert Keller

Sie waren erst wenige Monate Vizeammann, als Sie nach dem unerwarteten Tod von Markus Weber das Amt des Gemeindeammanns übernahmen. Vorher waren Sie eine Amtsperiode lang Gemeinderat. Nun treten Sie bereits zurück.
Basil Müller:Meine berufliche Belastung war vor vier Jahren tatsächlich nicht kleiner. Doch in der damaligen Situation brauchte es jemanden, der sofort übernehmen konnte. Diese Person musste mit dem Umfeld und dessen Hintergründen unmittelbar vertraut und im Stande sein, den Job zu machen. Denn es war ja zu erwarten gewesen, dass nach der Fertigstellung der Umfahrung die Post abgehen würde. Vom Kreis der dafür in Frage kommenden Personen wollte niemand. Als gewählter Vize fühlte ich mich aber sehr verbindlich in der Pflicht.

Also war Ihnen schon damals klar, dass Ihre Zeit als Gemeindeammann kurz sein würde?
Müller:Ich wusste ziemlich genau, was auf die Gemeinde zukommen würde. Deshalb legte ich von Anfang an immer offen, dass ich diese Amtsperiode übernehmen, aber keine zweite mehr anhängen würde, wenn ich merken sollte, dass Familie, Beruf und die übrigen Ressourcen mit dem Amt nicht auf eine Reihe zu bringen sind. Dass ich in Zürich arbeite, vereinfacht die Situation keineswegs.

Zur Person

Basil Müller ist Stadtrichter von Zürich und leitet in dieser Funktion seit Juni 2003 das Stadtrichteramt von Zürich. Das Stadtrichteramt ist eine Dienstabteilung der Zürcher Stadtverwaltung. Es ist eine mit prozessualen Rechten und Pflichten ausgestattete Verwaltungsbehörde mit richterlicher Unabhängigkeit, die im ordentlichen Strafverfahren Bussen für Übertretungen ausspricht. Rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, darunter elf Juristinnen und Juristen, sorgen für Rechtssicherheit und Rechtsgleichheit in der Stadt Zürich. Basil Müller lebt zusammen mit seiner Lebensgefährtin an der Goldwand, ist regelmässiger Geissberg- und Lägerngänger und liest gerne Druckerzeugnisse aller Art. Und nun freut er sich darauf, wieder einmal Zeit für ein anspruchsvolleres Buch zu haben. (Kel)

Heute wäre aber das Gröbste überstanden.
Müller:Heute ist die Sturmwelle, welche die Umfahrung auslöste, tatsächlich in die richtigen Kanäle geleitet und die Dinge fliessen munter. Der Zeitpunkt ist deshalb gut, die Verantwortung in andere Hände zu legen.

Ende Jahr schliessen Sie dieses Kapitel. Wie ist Ihre persönliche Bilanz?
Müller:Die Ergebnisse in Zahlen und Fakten sind vor allem im Zentrums- und Bäderquartier greifbar, ich brauche sie nicht auch noch aufzuzählen. In meiner Amtszeit als Gemeindeammann war mir vor allem wichtig, dem in der Gemeinde und in der Region neu aufgekommenen Schwung den nötigen Raum zu geben und besonders auch die weichen Faktoren nicht zu vernachlässigen. Wohl auch deshalb haben wir uns beispielsweise mit der Gestaltung des öffentlichen Raumes und auch sehr frühzeitig mit der Archäologie beschäftigt. Es war mit wichtig, integrativ zu wirken. Es braucht, erst recht in einer Zeit des Umbruchs, die offene und verbindliche Aus- einandersetzung mit allen Anspruchsgruppen, das Gespräch, die Meinungsbildung und Überzeugungsarbeit.

Der Umfahrungstunnel hat Ennetbaden verändert. Ennetbaden steht noch immer im Umbruch. Hat sich auch das Verhältnis zu Baden gewandelt?
Müller:Auch hier sind die Veränderungen gewaltig. Als Ur-Ennetbadener, der hier zur Schule ging, Ministrant war, in der Feuerwehr diente und in Kommissionen mitwirkte, habe ich sie sehr nahe erfahren. Schon als ich noch zur Schule ging, war die Fusion von Ennetbaden und Baden immer wieder ein heisses Diskussionsthema. Und ich habe diese Diskussionen mit grossem Interesse mitverfolgt. Dies durchaus mit dem Abwehrreflex des Ur-Ennetbadeners.

Der Abwehrreflex, wie stark ist er denn noch bei den Ur-Ennetbadenern, spüren Sie ihn auch noch?
Müller:Nein, endgültig nicht. Die Ennetbadener Welt hört nicht an der Schiefen Brücke auf. Wir müssen die Möglichkeiten einer noch vertiefteren Zusammenarbeit mit Baden und weiteren Gemeinden ernsthaft und mit Verbindlichkeit prüfen. In seiner heutigen Situation und aus einer selbstgenügsamen Nabelschau ist Ennetbaden zwar auf einen Zusammenschluss mit Baden nicht angewiesen. Wir sind gut aufgestellt.

Und Ennetbaden profitiert von Baden.
Müller:Ja, Ennetbaden ist auch deshalb so gut im Schuss, weil wir von der ausserordentlich vitalen Zentrumsstadt Baden profitieren und auf sehr vielen Ebenen zusammenarbeiten können. Den Fokus müssen wir deshalb auf ein starkes Ennetbaden in einer starken Region richten. Auf diese Diskussion sollten wir uns in einer ehrlichen Bereitschaft einlassen. Das muss mehr sein als nur die gemeinsame Betrachtung des Limmatknies, wo wir zusammen mit Baden daran sind, den Entwicklungsrichtplan zu überarbeiten und einem Maestro wie Mario Botta Raum zu geben.

Sie machen sich also stark für eine Fusion mit Baden?
Müller:Ich bin kein Fusionsturbo, und erst recht kein Gegner. Ennetbaden hat starke Veränderungen durchgemacht und hat heute eine ganz andere Identität als vor 20 Jahren. An dieser Tatsache haben wir unser Handeln auszurichten. Unsere Bevölkerung kümmert sich nicht mehr so sehr um Grenzen, sie ist offen und urban orientiert. Auch die eingefleischten Ennetbadener hören nicht mehr an der Grenze auf zu denken.

Hat sich ob der einschneidenden Veränderungen nicht auch eine grosse Verunsicherung in der Bevölkerung breit gemacht?
Müller:Es ist in den vergangenen Jahren enorm viel passiert, vielleicht zu viel, als dass jemand, der nicht selber in den Prozess involviert war, dies noch hätte nachvollziehen können. Es ist so: Das Tempo, das verlangt war, hat die Bevölkerung an ihre Grenzen gebracht. Beispiele dafür sind das Café Schief und die Sondernutzungsplanung Goldwand, Kristallisationspunkte, an denen die Verunsicherung sichtbar wurde.

Das Zentrum ist verkehrsfrei, doch wirklich belebt scheint es noch nicht.
Müller:Ich bin an der Badstrasse aufgewachsen. Jahrzehntelang führte mein Schul- und Arbeitsweg an stehenden Autokolonnen vorbei. Heute rollt der Verkehr durch den Tunnel, die Badstrasse ist verkehrsfrei. Vor zwei Jahren hat mir mein Vater vorgehalten, das Zentrum sei nun wirklich tot. Ob es denn vorher mit Leben erfüllt gewesen sei, wollte ich von ihm wissen. Es hatte wenigstens Autos, meinte er lakonisch.

Und hat es wieder Spaziergänger im Zentrum?
Müller:Ja, heute hat es wieder Spaziergänger und Flaneure im Zentrum und am Limmatknie. Und seit kurzem auch wieder eine Nachtigall. Natürlich ist noch bei weitem nicht alles vorhanden. Wir dürfen eben nicht erwarten, dass ein Organismus, den man 30 Jahre lang erstickt hat, mit drei Atemstössen wieder reanimiert werden kann. Doch zusammen mit der Stadt Baden und den übrigen Akteuren beidseits der Limmat wird es uns gelingen, Phönix wieder in die Lüfte zu bringen.

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