Fall Luana

«Eine vergewaltigte Frau verliert im Kosovo ihren Wert»

Die 22-jährige Herolinda Rexhepi arbeitet als Angestellte im Bereich Pflege und Betreuung und stammt aus dem Kosovo.

Die 22-jährige Herolinda Rexhepi arbeitet als Angestellte im Bereich Pflege und Betreuung und stammt aus dem Kosovo.

Luana wird nach einer Vergewaltigung im Kosovo gezwungen, ihren Peiniger zu heiraten. Jetzt spricht Herolinda Rexhepi, CVP-Nationalratskandidatin mit kosovo-albanischen Wurzeln, über das Problem von Zwangsehen in ihrer alten Heimat

Die Leidensgeschichte von Luana, die ihren Vergewaltiger im Kosovo heiraten und in die Schweiz holen musste, hat viele Leser tief bewegt. Im Interview spricht Herolinda Rexhepi, Nationalratskandidatin der Jungen CVP Kanton Solothurn mit kosovo-albanischen Wurzeln, über Zwangsheirat, Vergewaltigung und die Stellung der Frau in der kosovo-albanischen Kultur. 

Sind Zwangsheiraten durch Vergewaltigung im Kosovo normal?  

Herolinda Rexhepi: Natürlich nicht. Ich finde es immer wieder schockierend, dass solche Dinge überhaupt noch passieren. Heute konzentriert sich das Problem eher auf die Dörfer. In den Städten kommen Zwangsheiraten oder arrangierte Ehen kaum noch vor. Die Frauen leben selbstbestimmter. Mit dem Thema Vergewaltigung tut sich mein Land aber sehr schwer. 

Wie meinen Sie das?

Das Thema ist tabuisiert. Eine Frau, die vergewaltigt wurde, verliert im Kosovo ihren Wert. Die Vorstellung, dass eine Frau jungfräulich in die Ehe muss, ist immer noch weit verbreitet. Niemand will eine vergewaltigte Frauen heiraten und sie werden komplett allein gelassen.

«Die Meinung, dass vergewaltigte Frauen selbst schuld sind, ist weit verbreitet.»

Sie werden verstossen? 

Nicht nur das. Es gibt auch keine staatlichen Anlaufstellen und keine psychologische Betreuung für Opfer von Vergewaltigungen. Bei Anzeigen reagiert die Polizei schlecht und auch wenn der Mann bestraft wird, verliert die Frau ihre Existenz, wenn ihre Familie sie verstösst. Sozialleistungen gibt es ebenfalls keine.

Aus Scham verzichtete Luana darauf, ihren Peiniger anzuzeigen.

Aus Scham verzichtete Luana darauf, ihren Peiniger anzuzeigen.

Warum haben Opfer von Vergewaltigungen einen so schweren Stand? 

Die Meinung, dass vergewaltigte Frauen selbst schuld sind und den Mann vielleicht sogar zur Tat gereizt haben, ist weit verbreitet. Ausserdem gibt es die Vorstellung, dass Männer oder Väter ihr Gesicht verlieren, wenn sie nicht auf ihre Frauen aufpassen können. Während dem Krieg wurden hunderte Frauen vergewaltigt. Es gab Männer, die sich danach von ihren Frauen scheiden liessen. Die Dunkelziffer bei Vergewaltigungen ist dementsprechend hoch. 

Woher kommen diese archaischen Vorstellungen in der albanischen Kultur?

Vieles gründet auf dem Kanun, dem alten Gewohnheitsrecht der Albaner. Darin spielt die Ehre eine grosse Rolle. Die Frau wird darin einerseits vergöttert, andererseits steht da auch, dass sie zu Hause bleiben und für den Mann sorgen soll. Auch Menschen die Ehrenmorde begehen, berufen sich oft auf den Kanun. Es gibt traditionelle Familien, in denen die Überlieferungen noch eine grosse Rolle spielen. 

«In der Schweiz gibt es eine gute Infrastruktur von Anlaufstellen. Das Wichtigste ist, dass die Frauen überhaupt davon erfahren.»
 
Welche Hilfe brauchen Ihrer Meinung nach Kosovo-Albanierinnen, die in der Schweiz in eine solche Situation geraten?

In der Schweiz gibt es eine gute Infrastruktur von Anlaufstellen. Das Wichtigste ist, dass die Frauen überhaupt davon erfahren. Viele sind schlecht informiert. Information ist ein wichtiger Aspekt der Integration von Kosovo-Albanern, für den ich mich auch politisch einsetzen möchte. 

Was braucht es für eine gute Integration der kosovo-albanischen Migranten? 

Nebst guter Information vor allem die Sprache, also leicht zugängliche Deutschkurse. Überdies sehr wichtig ist ein leichter Zugang zu Ausbildungen und Kursen, um die Menschen schnell in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Gerade die Frauen haben da mehr Probleme als die Männer. 

Warum?

Weil die Frauen in der Schweiz oft die Hausarbeit übernehmen, schlecht ausgebildet und damit abhängig von ihren Ehemännern sind. Da muss man ansetzen. Dann würden solche Dinge auch nicht mehr vorkommen. 

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