Kurt Koch

«Ehrlichkeit ist das A und O»

Würde schon auch gerne über die schönen Seiten seiner Kirche berichten: Bischof Kurt Koch.

Ehrlichkeit ist das A und O_1

Würde schon auch gerne über die schönen Seiten seiner Kirche berichten: Bischof Kurt Koch.

Die Kirche steht mit ihren Mitarbeitenden in einem viel engeren Verhältnis als in der Privatwirtschaft üblich – was Vor- und Nachteile mit sich bringt.

Franz Osswald

Viel ist in letzter Zeit von Ethik und Moral in der Wirtschaft die Rede - von Kompetenzen also, die in den Führungsetagen bisher offensichtlich zu kurz gekommen sind. Im Gespräch mit «Sonntag bz» wirft Bischof Kurt Koch nicht zuletzt einen Blick auf das Anforderungsprofil des Kirchenpersonals.

Herr Bischof, was kann die Wirtschaft in der gegenwärtigen Lage von der Kirche lernen?


Kurt Koch: Die gegenwärtige Wirtschaftskrise zeigt, dass die Marktgesetze nicht automatisch funktionieren, sondern nur, wenn verantwortungsvolle Menschen sie regulieren. Auch in der Wirtschaft braucht es ein gutes Zusammenspiel zwischen Freiheit und Gerechtigkeit. Und zwar nicht nur im Blick auf Strukturen, sondern zuerst im Blick auf gerechte Menschen, die ihre Freiheit für das Gemeinwohl verantwortungsbewusst nutzen. Damit das Gewissen der Menschen sich schärfen und lebensdienlich sein kann, ist umfassende ethische und religiöse Bildung unabdingbar. Eine globalisierte Wirtschaft braucht globalisierte Solidarität.

Wenn in der Wirtschaft Mitarbeitende nicht den Anforderungen entsprechen, werden sie auf die Strasse gestellt. Wie geht man im Bistum Basel in Fällen des Ungenügens vor?

Koch: Jedenfalls geht es nicht so einfach wie in der Wirtschaft. Es sind verschiedene Verbindlichkeitsgrade zu unterscheiden. Bei einer Laientheologin, die die Institutio gefeiert hat, verpflichtet sich der Bischof, für sie lebenslänglich eine Stelle zu suchen, die ihren Fähigkeiten und den Bedürfnissen des Bistums entspricht. Bei der Diakonats- oder Priesterweihe ist die Verbindlichkeit noch grösser. Diakone und Priester sind ans Bistum gebunden und können nicht einfach freigestellt werden. Das ist die eine Seite. Auf der anderen stehen die Kirchgemeinden. Dort ist es einfacher.

Inwiefern?

Koch: Wenn man die Überzeugung gewinnt, dass man mit einem Seelsorger nicht mehr zusammenarbeiten will, wird ihm die Kündigung nahe gelegt oder man kündigt ihm selbst. Natürlich besteht da ein gewisses Ungleichgewicht: Wenn eine Kirchgemeinde einen Seelsorger nicht mehr will, kann sie ihn - im Extremfall gegen meinen Willen - entlassen. Probleme können auch dann entstehen, wenn eine Kirchgemeinde selbst einen Seelsorger beispielsweise aus dem Ausland sucht und ihn anstellen will und die Bistumsleitung vor ein fait accompli stellt. Wenn die Anstellung dann doch schief geht, bleibt zumeist die moralische Verpflichtung dieser Person gegenüber an mir hängen. Deshalb sollte die Zusammenarbeit zwischen den staatskirchenrechtlichen Instanzen und der Bistumsleitung eng und gut sein, was auch in den meisten Fällen zutrifft.

Bei Stellenausschreibungen wird von Seelsorgenden viel verlangt: Sozialkompetenz, Kommunikationstalent, Konfliktfähigkeit, Einfühlungsvermögen und Führungsstärke. Glaubensstärke oder moralisch-ethische Aspekte fehlen indessen gänzlich. Gehören Glaubensfragen nicht ins Anforderungsprofil von Seelsorgern?

Koch: Wahrscheinlich geht man davon aus, dass jemand, der in den kirchlichen Dienst tritt, dies aus Glaubensgründen tut. So, wie man bei einem Schwimmlehrer annimmt, dass er schwimmen kann. Ob das dann so ist, ist eine zweite Frage. Andererseits hat diese Art der Stellenausschreibung mit unserem System zu tun. Auf der einen Seite steht ein Auftraggeber, das ist der Bischof. Auf der andern steht die Anstellungsbehörde, das ist der Kirchgemeinderat. Diese Leute kommen oft aus dem Geschäftsleben und kennen vor allem die Kriterien der Effizienz.

Welche Kompetenzen sind denn auf der Glaubensseite gefordert?

Koch: Ich erwarte eine spirituelle Kompetenz, Fachkompetenz für den eigenen Beruf, die Verkündigung des Glaubens, und Sozialkompetenz. An allererster Stelle steht bei mir aber die spirituelle Kompetenz, weil es dabei um die Kernaufgabe der Kirche geht.

Bei höheren Ämtern ist der Einfluss des Kirchenvolkes auf die Besetzung gering. Wenn man Vorbehalte gegen einen Bischof hat, sind die Möglichkeiten der Einflussnahme sehr beschränkt - ich nenne das Beispiel von Vitus Huonder, dem Bischof des Bistums Chur.

Koch: Die Bischofsernennung ist in den Diözesen in der Schweiz verschieden geregelt. Im Bistum Basel ist es das Domkapitel, das den Bischof selbst wählt, der dann vom Papst bestätigt und ernannt wird. Im Bistum Chur erstellt der Apostolische Stuhl eine Dreierliste, aus der das Domkapitel wählen kann. Nach meiner Überzeugung sollten bei einer Bischofsernennung Ortskirche, Bischofskonferenz und Rom gut zusammenspielen. Je intensiver die Zusammenarbeit ist, desto besser wird das Resultat sein. Zumeist werden umfangreiche schriftliche Befragungen durchgeführt, bevor ein Bischof ernannt wird.

Unterschiedlich sind nicht nur die Wahlverfahren in den einzelnen Bistümern, sondern auch die Verdienstmöglichkeiten. Welche Anreize - oder «Boni» - kann denn die Kirche ihren Mitarbeitenden bieten?

Koch: Ich besitze diesbezüglich keine Kompetenzen, weil die Kirchgemeinden die Löhne festlegen. Zwischen dem Lohn eines Seelsorgers in Basel-Stadt und einem in Bern besteht zum Beispiel ein nicht geringer Unterschied. Da könnte es - rein aus Lohngründen - schwierig sein, jemanden von Bern nach Basel zu motivieren. Was die Löhne betrifft, ist mein Einfluss auf die Löhne der Mitarbeitenden in der Bistumsleitung beschränkt; und diese sind nicht selten kleiner als in verschiedenen Kantonen.

Kommen wir auf Anforderungen zurück, die von Seelsorgern verlangt werden. Die Kommunikation wird heute immer entscheidender. Wird im Bistum auf Kommunikationsfähigkeit vermehrt Gewicht gelegt - auch aus schlechten Erfahrungen, die in der Vergangenheit gemacht wurden?

Koch: Kommunikation ist ein Fass ohne Boden, zumal sich die heutigen Bedingungen der Kommunikation radikal geändert haben. Heute findet man keine Zeit mehr zur Verarbeitung der Informationsfülle. Früher dauerte es viel länger, bis ein Erlass des Papstes zu uns gelangte. Heute ist es eine Sache von Sekunden, bis die ganze Welt Bescheid weiss. Ein Zweites ist, dass wir keine Vergangenheit mehr haben. Mit Google kann man heute alles wieder zurückholen, als ob es gestern geschehen wäre. Der Einzelne weiss auch kaum mehr, was alles im Internet über ihn geschrieben steht. Journalisten finden dann etwas, glauben es und wärmen es auf. Das ist eine schwierige Situation. Ein Zweites ist, dass jeder etwas anderes unter Kommunikation versteht.

Wie meinen Sie das?

Koch: Ich habe nicht selten die Erfahrung gemacht, dass hinter dem Wunsch nach Kommunikation der Wunsch nach Bestätigung steht. Dann wird nach dem Prinzip gehandelt: Ich habe dem Bischof meine Meinung vorgetragen, aber er hat sie nicht übernommen. Deshalb hat kein Meinungsaustausch stattgefunden. Das A und O jeder guten Kommunikation ist gegenseitige Offenheit und Ehrlichkeit. Ich empfinde es als schwierig, wenn Mitarbeitende in meiner Gegenwart anders reden als nachher. Sie müssen den Mut haben, auch in meiner Anwesenheit zu ihren Überzeugungen zu stehen. Daran mangelt es manchmal - auch in der Kommunikation unter den Seelsorgenden selbst. Und was die Medien anbelangt, haben wir es selten in der Hand, was zum öffentlichen Thema wird. Was uns wirklich interessieren würde, stösst auf wenig Interesse. Die Medien diktieren meistens im Bereich der Sensationen, worauf das Bistum dann kommunikativ reagieren soll. Oder, wenn man nicht mitmacht, heisst es: Der Bischof hüllt sich in Schweigen.

Nutzt denn die Kirche die Kommunikationsmöglichkeiten nicht einfach zu wenig oder falsch?

Koch: Das ist sicher teilweise der Fall. Aber zu Kernfragen der Kirche, der Gottesfrage oder des Christusbekenntnisses, werde ich praktisch nie interviewt. Wenn ich öffentlich zumindest soviel über den lieben Gott reden dürfte wie über den Zölibat, dann wäre ich schon glücklich.

Gut, drehen wir den Spiess einmal um. Was würden Sie denn gerne mitteilen, was Sie sonst in den Medien nicht loswerden können?

Koch: Ich würde auch sehr gerne über die schönen Seiten unserer Kirche berichten, gerade weil sie eine Weltkirche ist. Vor allem aber bin ich überzeugt, dass die Kirche eine gewinnende Botschaft zu verkünden hat, so dass sich die Mühe lohnt, andere Menschen dafür zu gewinnen. Diese Botschaft gibt Antwort auf die tiefste Sehnsucht im Menschen nach einem Lebenssinn, der alle Beschäftigungen, Rollen und Projekte übersteigt, auf die Sehnsucht, als Original angenommen und geliebt zu sein, auf die Sehnsucht nach einer letzten Beheimatung in Gott, die einem niemand nehmen kann.

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