Die Burnout-Falle schnappt zu

Die Arbeitsplatzkrise macht viele Solothurner und Oberaargauer psychisch krank. Die Burnout-Fälle nehmen jedes Jahr um rund 10 Prozent zu, die Krise verschärft das Problem zusätzlich. Arbeitgeber haben dafür nicht viel Verständnis.

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Aargauer Zeitung

Patrick Furrer

Fünf Jahre lang hat sich ein 40-jähriger Oberaargauer in seiner kleinen EDV-Bude die Finger wund gearbeitet, Überstunden gemacht und sich letztlich massiv übertan. Dann hielt er der Belastung nicht mehr stand und brach zusammen. Nun musste er sich in Langenthal in psychologische Behandlung begeben, Diagnose: Burnout - Erschöpfungsdepression. Davon betroffen sind längst nicht mehr allein Hausärzte, Pflegende oder Lehrer, sondern auch leitende Angstellte, EDV-Fachleute und Aussendienstler. Und nun, da immer mehr Menschen um ihren Job fürchten müssen oder ihn gar verlieren, nehmen die psychischen, finanziellen und sozialen Belastungen zu.

Das Thema «Burnout» beschäftigt die Arbeitswelt seit Jahren. Zwar bestehen keine spezifischen Statistiken, Zahlen des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums zeigen immerhin, dass die stationäre Psychiatrie in der Schweiz seit vielen Jahren zunimmt. Über 70 000 Fälle gab es im Jahr 2005. Psychische Krankheiten sollen im selben Jahr Kosten von rund 18 Milliarden Franken zur Folge gehabt haben. Hinzu kommen die vielen ambulanten Behandlungen, welche die eher leichteren Fälle betreffen.

Bezüglich Burnouts beobachten Solothurner und Oberaargauer Kliniken steigende Zahlen: Schätzungen gehen von einer jährlichen Zunahme von rund 10 Prozent aus. «Die eigentliche Tragödie in der aktuellen Finanzkrise sind die unzähligen Menschen, die ihren Halt verloren haben und in eine Lebenskrise mit allen negativen Auswirkungen stürzen», hält der aktuelle Jahresbericht der christlichen Privatklinik SGM Langenthal fest.

Burnout frühzeitig erkennen

Anzeichen für das arbeitsbedingte «Ausgebranntsein» sind Erschöpfung, Niedergeschlagenheit, Aggressivität, Ängste, Konzentrationsstörungen oder Müdigkeit, Schlaf- und Verdauungsstörungen, Kopfschmerzen bis hin zu Herzrasen. Wer das Gefühl hat, ein Burnout zu haben, sollte vorsichtig sein mit Schuldzuweisungen und voreiligen Entschlüssen bspw. betreffend Arbeit oder Privatangelegenheiten.

Bei einem Burnout sollten Sie nicht länger mit dem Arztbesuch zuwarten, als·dass Sie dies bei einer körperlichen Krankheit tun würden. Einen Selbsttest gibt es im Internet unter www.swissburnout.ch. Die Internetseite www.stressnostress.ch des Staatssekretariats für Wirtschaft und Arbeit Seco bietet ausführliche Tipps zur Stressprävention und Stressabbau am Arbeitsplatz, für Angestellte, Chefs und Personalverantwortliche. Im Kanton Solothurn werden zudem Interessierte für eine Selbsthilfegruppe gesucht. Infos unter www.selbsthilfe-so.ch. Selbsthilfegruppen Oberaargau: selbsthilfe-kantoon-bern.ch (fup)

Quellen: Finnische Studie «Burnout in the general population» (2006) / www.swissburnout.ch / angefragte Ärzte

Ein Fünftel leidet an einem «Burnout»

«Es werden immer höhere Ansprüche an die körperliche und geistige Leitungsfähigkeit gestellt», erklärt René Hefti, Chefarzt Psychosomatik bei der SGM. «Lebenslange Berufsperspektiven gibt es nicht mehr, die Arbeitswelt ist rasant, schnelllebig und in einem ständigen Wandel. Das wird durch die Krise noch verschärft», ist Hefti sicher. 20 von 100 Patienten in der Psychosomatik-Abteilung seien von einer Form von Erschöpfungsdepression - einem Burnout - betroffen; fast doppelt so viel wie vor fünf Jahren.

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in den Psychiatrischen Diensten der SRO Spitäler Oberaargau, wie Chefarzt Kurt Bachmann bestätigt. Der Behandlungsbedarf nehme jährlich um mindestens 10 Prozent zu. Die wirtschaftliche Entwicklung habe Ängste ausgelöst. Ein normales «Ausgebranntsein» sei aber die Ausnahme, «oft kommen finanzielle, persönliche und soziale Probleme hinzu.»

Nicht alle Firmen zeigen Verständnis

Zudem sieht Bachmann ein Problem darin, dass eine psychologische Diagnose für Arbeitgeber ein Kündigungsgrund sein kann. «So geraten die Leute noch mehr unter Druck. Sie haben ‹Schiss›, weil sie früher vielleicht leistungsfähiger waren und als Simulant gelten könnten.» Deshalb bestehe auch eine grosse Dunkelziffer und viele Betroffene suchten erst sehr spät professionelle Hilfe, wenn sie tatsächlich «am Anschlag» sind. Diese Angst vor einem Arbeitsplatzverlust (oder dem strengen Chef) sei berechtigt, findet auch René Hefti von der SGM. «Das ist keine Theorie, sondern eine Tatsache.» Dies belegen zudem zahlreiche Internetbeiträge von Menschen, die von ihrem Arbeitgeber wegen ihres Burnouts entlassen worden sind.

Warnzeichen ernst nehmen

Bei den Psychiatrischen Diensten der Solothurner Spitäler AG (soH) beobachtet man ebenfalls ein anhaltende und steigende Nachfrage nach fachlicher Hilfe. Laut dem Chefarzt der Erwachsenenpsychiatrie Martin Hatzinger beträgt der Anteil der Patienten mit Depressionen rund 25 Prozent, wovon nur ein Teil aufgrund einer Burnout-Symptomatik in Behandlung ist. Die Nachfrage nehme aber nicht nur wegen der Krise zu, sondern auch dank der Sensibilisierung der Gesellschaft.

Wenn jemand Anzeichen eines «Ausbrennens» spürt, ist es gemäss Hatzinger ratsam, den Hausarzt aufzusuchen. Wer abends total erschöpft und emotional leer nach Hause kommt, zunehmende Versagensängste und Überforderungsgefühle hat, dem Zynismus verfällt und auch von Bekannten auf sein verändertes Verhalten aufmerksam gemacht wird, soll die Warnungen ernst nehmen. Weitere Anzeichen können Lust- und Freudlosigkeit sowie Konzentrations- und Schlafstörungen sein. «Je mehr Symptome man verspürt, desto rascher sollte man die Probleme bei seinem Hausarzt abklären lassen», so Hatzinger.

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